1. »Schämst du dich nicht, du liederliche Metze!
Du ^et cetra^! du schmutzige Petze!
Ist denn all' Ehre, Reputation und Respect
In deinem jungfräulichen Herzen verreckt?
2. Pfui dich! ba! du garstige Esther!
Es verdreußt mich zu han eine solche Schwester,
Die wider alle Regeln der Moral
Treibet ein solch ärgerlich Scandal!
3. Was wird nun 's Publikum davon sagen,
Daß sich bei mir so 'n Aergerniß zugetragen?
Gibt es nicht für den Pfarrer zu Ohnewitz
Wegen seines Amtes Stank und Präjudiz?
4. Ich soll, wird man nun sagen, als Paster
Bestrafen andrer Leute Fehler und Laster,
Und doch treibt's in meinem eig'nen Haus
Meine Schwester so malhonett und kraus!
5. Du hast doch die Kinderschuh schon verschlissen,
Müßtest längst weg sein über Tändeln und Küssen,
Und bist nach richtiger Rechnung bald
Sechsundzwanzig Jahr, oder gar was drüber, alt!
6. Oder meinest du etwa, daß ich es glaube,
Daß ein Mädel mit 'nem Buhler allein in der Laube,
Besonders zur Nachtzeit, was Gutes üb'?
Es heißt ja: Gelegenheit machet Dieb'!
7. Aber warte, ich will es schon verfügen,
Daß ihr sollt, ehe ihr's vermuthet, kriegen,
Du sowol, als dein verliebter Hasenpfot,
Die hunderttausend Element Sakerlot!«
8. So hätte vielleicht mancher in Zorn und Eifer
Seine Drohung, Gift, Galle und Geifer
Ueber das arme Mädchen ausgeschüt't;
Aber das that Herr Pfarrer Hieronimus nit.
9. Er hielt es zwar für's erste nöthige Mittel
Mit seiner Schwester zu halten ein geheimes Kapitel,
Aber es geschah doch mit möglichstem Glimpf,
Ohne alle obige Drohung und Schimpf.
10. Nämlich, Herr Jobs hatte vollbracht unter viel Sorgen
Den Rest der Nacht, und entbot gleich am Morgen
Die Schwester zu sich nach der Studierstub',
Wo er das geheime Examen anhub.
11. Sie vermuthete nur blos häusliche Aufträge,
Denn sie glaubte, ihr Bruder hätte durch keine Wege
Von ihrer Liebe zum jungen Baron
Die geringste Nachricht noch Suspicion.
12. Sie erschien vor ihm etwas schüchtern,
Ihr Auge blickte noch ein wenig trübe und nüchtern,
Wegen der nächtlichen Assemblee,
Und sie war noch im Negligee.
13. Herr Jobs wollte sie nicht zu sehr erschrecken,
Noch das erfahrne Abenteuer plötzlich aufdecken,
Denn er fürchtete vorerst davon
Eine gar zu heftige Alteration.
14. Sprach erst überhaupt von ihrem Lebenswandel,
Kam allgemach näher zum Liebeshandel,
Ging aber so vorsichtig herum dabei,
Wie die Katze um einen heißen Brei.
15. Vorab mußt's ihm am meisten interessiren,
Sich ausdrücklich bei ihr zu informiren,
Ob bei verloffenen Händeln sie
Noch ächt seie im ^puncto puncti^.
16. Da versicherte sie nun unter vielen Thränen,
Mit unterbrochnem Schlucksen, Händeringen und Stöhnen,
Daß bei aller geschehenen Liebelei
Noch ^res integra in puncto puncti^ sei.
17. Ich wette, jedes andre Mädchen hätte
Noch alles übrige geläugnet an ihrer Stätte,
Nach der wohlerfundenen ^prima regula
Juris: si fecisti, nega^.
18. Aber Esther hatte ein zu gutes Herze,
Das, gar bei gegenwärtiger Scham und Schmerze,
Doch haßte jeden Lug und Betrug,
Und für Wahrheit und Tugend schlug.
19. Sie gestund, daß schon seit vier Jahr und sechs Wochen
Sich der Baron ehelich mit ihr versprochen,
Und daß sonst in allen Züchten und Treun
Gemeinet sei ihr geheimes Verein.
20. Zwar kenne sie längst gar wol und wisse
Die große Schwierigkeit bei ihrem Bündnisse,
Doch habe der Baron und sie oft
Auf künft'gen guten Ausgang gehofft.
21. Ihr Gewissen gebe ihr übrigens das Zeugniß,
Daß nichts Strafbares sei in diesem Ereigniß,
Und daß der Baron sowol als sie
Diese Liebe würden quittiren nie.
22. Sie sagte auch noch manches Specielle
Ueber die hiebei vorgekommenen Fälle,
Kurz, sie that aufrichtig Confession
Ueber den ganzen Handel mit dem Baron.
23. Während der Relation ihrer Geschichte
Stieg manche Röthe auf in ihrem Gesichte,
Und von ihren glühenden Wangen floß
Manche Thräne wie 'ne Haselnuß groß.
24. Herr Jobs zeigte ihr mit vernünftigen Gründen,
Welche Obstacula vor ihrer Liebe stünden;
Obgleich er froh war, als er befand,
Daß die Sache selbst nicht noch ärger stand.