219Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob.
Vergeblich Mühen, in der Chronik blättern
Drin Deutschlands beste Namen sind gebucht –
Wohl steht da „Frauenlob“ mit großen Lettern,
Doch weiter find’ ich nicht, was ich gesucht:
5Wie er gelebt, der also schön gesungen
Den Meistersang, das deutsche Minnelied?
Sein Leben in Vergessenheit geriet,
Indes sein Lied doch bis zu uns gedrungen,
Ein Klang der die Jahrhunderte durchzieht.
10Von seinem Tod allein wird uns berichtet:
Er starb zu Mainz – und der der Frauen Lob
In holden Versen also schön gedichtet,
Der Frauen Dank auf zarte Schultern hob:
Es ward sein Sarg von Frauen nur getragen
15Geschmückt mit Blumen und mit Eichenlaub,
Kein Aug’ blieb trocken und kein Ohr blieb taub,
Bei ihren Trauersängen, ihren Klagen;
Im hohen Dom ruht noch des Sängers Staub.
Wohl mag ich solchen edlen Landsmann preisen,
20Der einst die deutschen Schwestern so geehrt,
Und dessen Namen: „Heinerich von Meißen“
220Zu „Heinrich Frauenlob“ die Zeit verklärt.
Nach seinem Schicksal gilt es nicht zu fragen,
Es ist erzählt von seinem Leichenzug:
25Ein Dichter war er, dem im Busen schlug
Ein flammend Herz, das ein Eliaswagen,
Die Erde feiernd, doch zum Himmel trug.
Wer so der Frauen Huldigung empfangen,
Hat auch verstanden edler Frauen Herz,
30Verstanden einer Frauenseele Bangen
Und tief gefühlt der Liebe Lust und Schmerz
Der wandelte in Frömmigkeit und Sitte,
Der war ein freier Mann, ein starker Held,
Bereit zum Kampfe wider eine Welt,
35Sang gerne auch in zarter Frauen Mitte,
Sein Lied am Herde wie im Kriegerzelt.
Der schlang um zarte Stirnen Rosenkronen,
Erwarb sich selbst den Lorber in der Schlacht,
Von holden Frauen ließ er gern sich lohnen,
40Ob er gekämpfet, ob im Lied gedacht.
So zog durch’s Leben er im Dienst der Minne,
Und seine Herrin hat ihn hoch beglückt,
Ja ihn zu aller Frauen Preis entzückt,
Sie, die so treu und von so hohem Sinne,
45Sein Lied mit holder Anmut ausgeschmückt.
221Maguntia! ich knie in deinem Dome,
An Deinem Grabe, Heinrich Frauenlob,
Ich grüße Dich am edlen Rheinesstrome,
Der mich mit seinen Zaubern ganz umwob –
50Gleich dir vom Meißner Land mich hergetragen,
Gelockt zu seinem Nibelungenhort.
Dein Grab ist mir auch ein geweihter Ort,
Drum rausch auch einer Jungfrau Leierschlagen
Zu seinem Preis durch alle Lande fort.