17 Der Winter kam in seinem Grolle,
In Nebel wie in weicher Wolle
Hüllt er den Teich wie Demant ein;
Es lichtet sich im kahlen Baume,
5Und in dem blätterlosen Raume,
Weilt nur der Zeisig noch allein.
Wie Kälte ihn auch mag erfassen,
Er kann nicht von dem Baume lassen,
Der an dem Haus der Liebsten steht;
10Und mit den weichsten Melodien,
Die seiner wunden Brust entblühen,
Zum Fischlein tief er niederfleht.
„O laß uns ziehen, ohn’ Ermüden,
O laß uns ziehen nach dem Süden,
15Nach heißen Zonen, lau und mild,
Wo Bäume steh’n mit ew’gen Locken,
Wo Fluthen nicht zu Eis gestocken,
Wo ewig jung das Leben quillt.
„Ich nehm’ dich mit auf meinen Flügeln,
20Ich bringe dich zu jenen Hügeln,
Wo nie ein Winter uns bedroht;
O komm’, bevor des Winters Schrecken
Mit hellen Quadern dich bedecken,
Dein Leben weih’n dem kalten Tod!“
2518 Nicht hört das Fischlein auf sein Flehen.
Die Lüfte immer kälter wehen,
Den Zeisig friert’s im nackten Baum;
Doch wie auch Schauer ihn erstarren,
Bei der Geliebten will er harren
30Und weilen an des Teiches Saum.
Da setzt das Eis sich fest am Strande,
Zieht seine starren Riegelbande
Bis tief hinein in Teich und Fluth;
Und als Gestöber d’rein noch schauert,
35Da liegt das Fischlein eingemauert,
Erblaßt es auf dem Grunde ruht.
Der Zeisig fliegt vom Baum hernieder,
Von Eis erstarrt ist sein Gefieder,
Er schleppt sich auf das kalte Grab:
40So soll dein Haus ich nur betreten,
Auf deinem Grabe still zu beten,
Zu flehen: „Nimm mich mit hinab!“ –
Und fromm singt er die letzte Weise,
Und bleibt gebannt auf diesem Eise,
45Bis ihm entflohen Sang und Sein!
Und wie zu einem Sterbekleide
Fällt Schnee hernieder auf sie beide,
Und hüllt die treuen Leichen ein.