CADA PIEZA VIVE EN UNA DIRECCIÓN · NADA VIVE EN UNA SOLA SALA  

PoetósferaLa BibliotecaChristoph Martin Wieland

Christoph Martin Wieland · Romanticismo

Fünfter Gesang

alemán

2
Sie schlummert ein, und, ihren Muth zu stützen,
Webt Oberen ein neues Traumgesicht
Vor ihre Stirn. Sie glaubt, bey Mondeslicht,
In einer Laube der Gärten des Harems zu sitzen,
In Fantasieen der Liebe versenkt.
Ein süßes Weh, ein lieblich banges Sehnen
Hebt ihre Brust, ihr Auge schwimmt in Thränen,
Indem sie hoffnungslos an ihren Jüngling denkt.

3
Die Unruh treibt sie auf. Sie läuft, mit hastigen Schritten
Und suchendem Blick, durch Busch und Blumengefild,
Eilt athemlos zu allen grünen Hütten,
Zu allen Grotten hin; ihr Auge, zärtlich wild
Und thränenvoll, scheint das geliebte Bild
Von allen Wesen zu erbitten:
Oft steht sie ängstlich still, und lauscht
Wenn nur ein Schatten wankt, nur eine Pappel rauscht.

4
Zuletzt, indem sie sich nach einer Stelle wendet
Wo durch der Büsche Nacht ein heller Mondschein bricht,
Glaubt sie—o Wonne! wenn kein falsches Schattenlicht
Ihr gern betrognes Auge blendet—
Zu sehen was sie sucht. Sie sieht und wird gesehn;
Sein Feuerblick begegnet ihren Blicken.
Sie eilt ihm zu, und bleibt, in schauerndem Entzücken,
Wie zwischen Scham und Liebe, zweifelnd stehn.

5
Mit offnen Armen fliegt er ihr entgegen.
Sie will entfliehn, und kann die Kniee nicht bewegen.
Mit Müh verbirgt sie noch sich hinter einen Baum,
Und in der süßen Angst zerplatzt der schöne Traum.
Wie gerne hätte sie zurück ihn rufen mögen!
Sie zürnt sich selbst und dem verhaßten Baum;
Vergebens suchet sie sich wieder einzuwiegen,
Ihm nachzusinnen bleibt ihr einziges Vergnügen.

6
Die Sonne hatte bald den dritten Theil vollbracht
Von ihrem Lauf, und immer war's noch Nacht
Bey Rezia; so groß war ihr Ergetzen,
Den angenehmen Traum noch wachend fortzusetzen.
Doch da sie gar zu lang' kein Lebenszeichen giebt,
Naht endlich Fatme sich dem goldnen Bette, schiebt
Den Vorhang weg, und findet mit Erstaunen
Die Dame wach, und in der besten aller Launen.

7
Ich hab' ihn wieder gesehn, o Fatme, wünsche mir Glück,
Ruft Rezia, ich hab' ihn wieder gesehen!—
Das wäre! spricht die Amm', und sucht mit schlauem Blick
Herum, als dächte sie den Vogel auszuspähen.
Das Fräulein lacht: "Ey, ey, wie ist dein Witz so dick!
Man dächte doch, das sollte sich verstehen!
Ich sah ihn freylich nur im Traum; allein
Er muß gewiß hier in der Nähe seyn.

8
"Mir ahnt's, er ist nicht fern, und sprich mir nichts dagegen,
Wenn du mich liebst!"—So schweig' ich!—"Und warum?
Was wäre denn am Ende so verwegen
An meiner Hoffnung? Sprich! wie sollt' ich sie nicht hegen?"
Die Amme seufzt und bleibt noch immer stumm.
"Was übersteigt der Liebe Allvermögen?
Der Löwenbändiger, der mich beschützt, ist sie;
Und retten wird sie mich, begreif' ich gleich nicht wie.

9
"Du schweigst? du seufzest? Ach! zu wohl nur, gute Amme,
Versteh' ich was dein Schweigen mir verhehlt!
Du hoffest nichts für meine Flamme!
Ich selbst, ich hoffe nur weil beßrer Trost mir fehlt.
Die Stunde naht; schon klirren meine Ketten,
Und mein Verderben ist gewiß;
Ein Wunder nur, o Fatme, kann mich retten,
Ein Wunder nur! wo nicht—so kann es dieß!"

10
Bey diesem Worte zieht mit feur'gem Blicke
Sie aus dem Busen einen Dolch hervor.
"Siehst du? Dieß macht mir Muth! dieß hebt mich so empor!
Mit diesem hoff' ich alles vom Geschicke!"
Die Amme schwankt an ihren Stuhl zurücke,
Wird leichenblaß, und zittert wie ein Rohr.
Ach! ist dieß alles, so erbarme
Sich Gott!—ruft sie, und weint und ringt die Arme.

11
Das Fräulein drückt die Hand ihr auf den Mund:
Still, spricht sie, fasse dich! und steckt in ihren Busen
Den Dolch zurück. Du weißt, im weiten Erdenrund
Ist nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen.
Eh' Der mich haben soll, eh' soll ein giftiger Molch
In meine Brust die scharfen Zähne schlagen!
Kommt mein Geliebter nicht, den Raub ihm abzusagen,
Was bleibt mir übrig als mein Dolch?

12
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen,
So hört man am Tapetenthürchen pochen,
Das aus dem Schlafgemach in Fatmens Kammer führt.
Sie geht, und kommt nach einer kleinen Weile
So schnell zurück, daß sie vor lauter Eile
Und Freudentrunkenheit den Athem fast verliert.
"Nun sind wir aller Noth entbunden!
Triumf! Prinzessin, Triumf! der Ritter ist gefundener

13
Im Nachtgewand, das wie ein Nebel kaum
Den schönen Leib umwallt, fährt jene aus den Lacken
Und fällt entzückt der Amme um den Nacken:
"Gefunden? Wo? wo ist er? O mein Traum,
So logst du nicht?"—Die Amme, selbst vor Freuden
Ganz außer sich, hat kaum noch so viel Sinn,
Die wonnetaumelnde halb nackte Träumerin
In großer Eil' ein wenig anzukleiden.

14
Herein gerufen wird sodann
Die Alte, selbst ihr Mährchen zu erzählen.
Die gute Mutter fängt beym Ey die Sache an,
Und läßt es nicht am kleinsten Umstand fehlen;
Kein Zug, kein Wort das ihrem Gast entrann,
Wird im Gemählde weggelassen.
Er ist's, er ist's! wir haben unsern Mann,
Ruft Fatme aus; es kann nicht besser passen!

15
Die Alte wird von neuem ausgefragt,
Muß drey—und viermahl wiederhohlen
Was er gethan, gesagt und nicht gesagt;
Muß immer wieder ihn vom Haupt bis zu den Sohlen
Abschildern, Zug für Zug—wie gelb und lang sein Haar,
Wie groß und blau sein schönes Augenpaar;
Und immer ist noch etwas nachzuhohlen
Das in der Eil' ihr ausgefallen war.

16
Indeß sich so um zwanzig Jahre jünger
Die Alte schwatzt, entspannt der hohe Lockenbau
Der schönen Braut sich unter Fatmens Finger.
Mit Perlen, glänzender als Thau,
Wird schneckengleich ihr schwarzes Haar durchflochten,
Ohr, Hals und Gürtel schmückt so schimmerndes Gestein,
Daß ihren Glanz im Sonnenschein
Die Augen kaum ertragen mochten.

17
Vollendet stellt nunmehr, von ihrer Nymfenschaar
Zum Fest geschmückt und bräutlich angekleidet,
Gleich einer Sonne sich die Königstochter dar,
Und lieblich wie ein Reh, das unter Rosen weidet.
Kein Auge sah sie ungeblendet an,
Wiewohl sie jetzt nur Mädchenaugen sahn:
Nur sie allein schien nichts davon zu wissen,
Wie neben ihr die Sterne schwinden müssen.

18
Das Feuer, das aus ihren Augen strahlt,
Die Ungeduld, das lauschende Verlangen
Das ihre Lippen schwellt und ihre zarten Wangen
Mit ungewohntem Purpur mahlt,
Setzt ihre Jungfrau'n in Erstaunen.
Ist dieß die widerspenst'ge Braut,
(Beginnen sie einander zuzuraunen)
Der gestern noch so sehr vor diesem Tag gegraut?

19
Indessen sammeln sich die Emirn und Wessire,
Geschmückt zum Fest, im stolzen Hochzeitsahl.
Gerüstet steht das königliche Mahl,
Und, bey Trompetenklang, tritt aus der goldnen Thüre
Des heiligen Palasts, von Sklaven aller Art
Umflossen, der Kalif mit seinem grauen Bart.
Der Drusenfürst, noch etwas blaß von Wangen,
Kommt stattlich hinter ihm als Bräutigam gegangen.

20
Und gegenüber thut die Thür von Elfenbein
Sich aus dem Harem auf, und, schöner als die Frauen
In Mahoms Paradies, tritt auch die Braut herein.
Ein Schleier zwar, gleich einem silbergrauen
Gewölke, wehrt dem Engelsangesicht
Den vollen Glanz allblendend zu enthüllen;
Und dennoch scheint ein überirdisch Licht
Bey ihrem Eintritt stracks den ganzen Sahl zu füllen.

21
Dem Drusen schwillt und sinket wechselsweis'
Sein Herz, indem sein Aug' an ihren Reitzen hanget:
Er sucht im ihrigen was er zu sehn verlanget;
Allein, ein Blick, so kalt wie Alpeneis,
Ist alles was er sieht. Doch, dem Bethörten schmeichelt
Die Eitelkeit, die Selbstbetrügerin,
Daß Rezia den spröden Blick nur heuchelt:
O (denkt er) all der Schnee schmilzt über Nacht dahin!

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Ob er zu viel gehofft soll kein Geheimniß bleiben.
Doch, ohne jetzt unnöthig zu beschreiben,
Wie drauf, nachdem der Imam das Gebet
Gesprochen, man beym Schall der Pauken und der Zinken
Zur Tafel sich gesetzt, erst Seine Majestät,
Dann rechter Hand die Braut, der Bräutigam zur linken,
Und hundert Dinge, die von selber sich verstehn,
Ist's Zeit, auch wieder uns nach Hüon umzusehn.

23
Der hatte, wie ihr euch erinnert, seine Nacht,
Von Ungeduld erhitzt, von Ahnungen umgaukelt,
Auf seiner Streue nicht viel sanfter zugebracht,
Als einer, den der Sturm in einem Mastkorb schaukelt.
Kaum aber hat dem Tag in seine goldne Bahn
Aurorens Rosenhand die Pforten aufgethan,
So senkt sich nebelgleich ein Dunst von Mohn—und Flieder-
Und Lilienduft auf seine Augen nieder.

24
Er schlummert ein, und schläft in Einem Zug
Noch immer fort, da schon des Sonnenwagens Flug
Den Himmel halb getheilt. Sein Alter ging indessen
Um von der Burg die Lage auszuspähn,
Und zum Entführungswerk das nöth'ge vorzusehn;
Derweil, am kleinen Herd, zu ihrem Mittagsessen
Die gute Wirthin Anstalt macht,
Halb mürrisch, daß ihr Gast so lange nicht erwacht.

25
Sie schleicht zuletzt, um wieder durch die Spalten
Zu gucken, an die Thür, und trifft (zu gutem Glück
Für ihren Vorwitz) just den ersten Augenblick,
Da Hüons Augen sich dem goldnen Tag entfalten.
Frisch, wie der junge May sich an den Reihen stellt
Wenn mit den Grazien die Nymfen Tänze halten,
Hebt sich mit halbem Leib empor der schöne Held,
Und rathet, was zuerst ihm in die Augen fällt?

26
Ein Kaftan, wie ihn nur die höchsten Emirn tragen,
Wenn sich der Hof zu einem Feste schmückt,
Auf goldbeblümtem Grund mit Perlen reich gestickt,
Liegt schimmernd vor ihm da, um einen Stuhl geschlagen;
Ein Turban drauf, als wie aus Schnee gewebt,
Und, um ihn her, den Emir zu vollenden,
Ein diamantner Gurt, an dem ein Säbel schwebt,
So reich, daß Scheid' und Griff ihm fast die Augen blenden.

27
Zum ganzen Putz, von Fuß zu Haupt,
Den Stiefelchen aus übergüld'tem Leder
Bis zu dem Demantknopf der hohen Straußenfeder
Am Turban, mangelt nichts. Der gute Ritter glaubt,
Ihm träume noch. Woher kann solcher Staat ihm kommen?
Die Alte steht erstaunt. Das geht durch Zauberey,
Ruft sie; ich hätte doch sonst was davon vernommen!
Der Zwerg, spricht Scherasmin, ist ganz gewiß dabey!

28
Der Ritter glaubt es auch, und denkt: Durch all' die Helden
Im Vorhof macht mir dieß zum Hochzeitsahle Bahn.
Und flugs ist Kaftan, Gurt, und alles umgethan;
Die Wirthin spudet sich, ihn recht heraus zu kleiden.
"Allein was fangen wir mit diesem Turban an?
Das schöne gelbe Haar sein'twegen abzuschneiden?
Nicht um die Welt!—Doch still! es geht ja wohl hinein;
Er scheint ja recht mit Fleiß dazu gewölbt zu seyn!"

29
Herr Hüon stand nunmehr, bis auf die lilienglatte
Bartlose Wange, wie ein wahrer Sultan da,
Indem das Mütterchen ihn um und um besah
Und immer noch an ihm zu putzen hatte.
Drauf, als der treue Scherasmin
Ihm was ins Ohr geraunt, beginnt er fortzugehen,
Reicht einen Beutel Gold der Wirthin freundlich hin,
Und nun, lebt wohl, auf Wiedersehen!

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Nichts halb zu thun ist edler Geister Art.
Ein reich gezäumtes Roß steht vor der Thür der Alten,
Und neben ihm zwey Knaben, schön und zart,
In Silberstück, die ihm die goldnen Zügel halten.
Herr Hüon schwingt sich auf; die Knaben frisch voran,
Und führen ihn auf einem Seitenwege,
Am Strome hin, durch blühende Gehäge,
Bis sie der hohen Burg sich gegenüber sahn.

31
Schon ist er durch den ersten Hof gezogen,
Im zweyten steigt er ab, und geht zum dritten ein.
Er scheint ein Hochzeitgast vom ersten Rang zu seyn,
Und überall, von diesem Schein betrogen,
Macht ihm die Wache Platz. Er schreitet frey und stolz
Daher, und nähert sich dem Thor von Ebenholz.
Zwölf Mohren, Riesen gleich, stehn mit gezücktem Eisen
Die Unberechtigten vom Eingang abzuweisen.

32
Allein des Ritters Staat und königlicher Blick
Drückt, wie er sich der hohen Pforte zeiget,
Die Säbelspitzen schnell zurück,
Die fernher sich entgegen ihm geneiget.
Die Flügel rauschen auf. Hoch schlägt sein Heldenherz,
Indem sie hinter ihm sich wieder wehend schließen.
Drauf führt ein Säulengang, an welchen Gärten stießen,
Ihn noch zu einer Thür von übergüld'tem Erz.

33
Ein großer Vorsahl war's, mit Sklaven aller Farben
Kombabischen Geschlechts erfüllt,
Die ewig hier am Quell der Freude darben,
Und, da ein Mann, von Emirsglanz umhüllt,
In ihre hohlen Augen schwillt,
Mit Blicken, die in Knechtsgefühl erstarben,
Die Arme auf die Brust ins Kreuz gefaltet, stehn,
Und kaum so muthig sind ihm hintennach zu sehn.

34
Schon tönen Cymbeln, Trommeln, Pfeifen,
Gesang und Saitenspiel vom Hochzeitsahle her;
Schon nickt des Sultans Haupt von Weindunst doppelt schwer,
Und freyer schon beginnt die Freude auszuschweifen;
Der Braut allein theilt sich die Lust nicht mit
Die in des Bräut'gams Augen glühet:
Als, eben da sie starr auf ihren Teller siehet,
Herr Hüon in den Sahl mit edler Freyheit tritt.

35
Er naht der Tafel sich, und alle Augenbrauen
Ziehn sich erstaunt empor, den Fremden anzuschauen.
Die schöne Rezia, die ihre Träume denkt,
Hält auf den Teller noch den ernsten Blick gesenkt;
Auch der Kalif, den Becher just zu leeren
Beschäftigt, läßt sich nichts in seinem Opfer stören:
Nur Babekan, den seines nahen Falls
Kein guter Geist verwarnt, dreht seinen langen Hals.

36
Sogleich erkennt der Held den losen Mann von gestern,
Der sich vermaß der Christen Gott zu lästern:
Er ist's, der links am goldnen Stuhle sitzt
Und seinen Nacken selbst der Straf' entgegen bieget.
Rasch, wie des Himmels Flamme, blitzt
Der reiche Säbel auf, der Kopf des Helden flieget,
Und hoch aufbrausend überspritzt
Sein Blut den Tisch, und den, der ihm zur Seite lieget.

37
Wie der Gorgone furchtbars Haupt
In Perseus Faust den wild empörten Schaaren
Das Leben stracks durch seinen Anblick raubt;
Noch dampft die Königsburg, noch schwillt der Aufruhr, schnaubt
Die Mordlust ungezähmt im Busen der Barbaren;
Doch Perseus schüttelt kaum den Kopf mit Schlangenhaaren,
So starrt der Dolch in jeder blut'gen Hand,
Und jeder Mörder steht zum Felsen hingebannt:

38
So stockt auch hier, beym Anblick solcher kecken
Verrätherischen That, des frohen Blutes Lauf
In jedem Gast. Sie fahren allzuhauf,
Als sähn sie ein Gespenst, von ihren Sitzen auf,
Und greifen nach dem Schwert. Allein, gelähmt vom Schrecken,
Erschlafft im Ziehn der Arm, und jedes Schwert blieb stecken;
Ohnmächt'gen Grimm im starren Blick,
Sank sprachlos der Kalif in seinen Stuhl zurück.

39
Der Aufruhr, der den ganzen Sahl empöret,
Schreckt Rezien aus ihrer Träumerey:
Sie schaut bestürzt sich um, was dessen Ursach' sey;
Und, wie sie sich nach Hüons Seite kehret,
Wie wird ihm, da er sie erblickt!
Sie ist's, sie ist's ruft er, und läßt entzückt
Den blut'gen Stahl und seinen Turban fallen,
Und wird von ihr erkannt, wie seine Locken wallen.

40
Er ist's, beginnt auch sie zu rufen, doch die Scham
Erstickt den Ton in ihrem Rosenmunde.
Wie schlug das Herz ihr erst, da er geflogen kam,
Im Angesicht der ganzen Tafelrunde
Sie liebeskühn in seine Arme nahm,
Und, da sie, glühend bald, bald blaß wie eine Büste,
Sich zwischen Lieb' und jungferlichem Gram
In seinen Armen wand, sie auf die Lippen küßte!

41
Schon hatt' er sie zum zweyten Mahl geküßt;
Wo aber nun den Trauring her bekommen?
Zum Glücke, daß der Ring an seinem Finger ist,
Den er im Eisenthurm dem Riesen abgenommen.
Zwar, wenig noch mit dessen Werth vertraut,
Schien ihm, dem Ansehn nach, der schlecht'ste kaum geringer;
Doch steckt er ihn aus Noth itzt an des Fräuleins Finger,
Und spricht: So eign' ich dich zu meiner lieben Braut!

42
Er küßt mit diesem Wort die sanft bezwungne Schöne
Zum dritten Mahl auf ihren holden Mund.
Ha! schreyt der Sultan auf, und knirscht und stampft den Grund
Vor Ungeduld, ihr leidet daß der Hund
Von einem Franken so mich höhne?
Ergreift ihn! Zaudern ist Verrath!
Und, tropfenweis' erpreßt, versöhne
Sein schwarzes Blut die ungeheure That!

43
Auf einmahl blitzen hundert Klingen
In Hüons Aug', und kaum erhascht er noch,
Eh' sie im Sturm auf ihn von allen Seiten dringen,
Sein hingeworfnes Schwert. Er schwingt es dräuend. Doch
Die schöne Rezia, von Lieb' und Angst entgeistert,
Schlingt einen Arm um ihn, macht ihre Brust zum Schild
Der seinigen—der andre Arm bemeistert
Sich seines Schwerts. Zurück, Verwegne, schreyt sie wild.

44
Zurück! es ist kein Weg zu diesem Busen
Als mitten durch den meinen! ruft sie laut;
Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut,
Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen.
Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu,
Zurück!—O schone sein, mein Vater! und, o du,
Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben,
O spart mein Blut in euer beider Leben!

45
Umsonst! des Sultans Wuth und Dräun
Nimmt überhand, die Heiden dringen ein.
Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen,
Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich Schreyn
Durchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützen
Noch übrig, als sein Horn von Elfenbein?
Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem Hauche
Den schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.

46
Auf einmahl fällt der hoch gezückte Stahl
Aus jeder Faust; in raschem Taumel schlingen
Der Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen;
Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl,
Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen;
Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl:
Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen,
Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.

47
Der ganze Divan dreht im Kreis
Sich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzen
Den Takt dazu; und, wie auf glattem Eis,
Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen.
Noch Stand noch Alter wird gespart;
Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren,
Faßt seinen Großwessir beym Bart,
Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.

48
Die nie erhörte Schwärmerey
Lockt bald aus jedem Vorgemache
Der Kämmerlinge Schaar herbey,
Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache.
Sie all' ergreift die lust'ge Raserey:
Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey;
Die Gärtner selbst in ihren bunten Schürzen
Sieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.

49
Als eine, die kaum ihren Augen glaubt,
Steht Rezia, des Athems fast beraubt.
Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente,
Wo nichts als dieß uns beide retten könnte!
Ein guter Genius ist mit uns, Königin,
Versetzt der Held. Indem kommt durch die Haufen
Der Tanzenden sein treuer Scherasmin
Mit Fatmen gegen sie gelaufen.

50
Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine Zeit
Dem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit,
Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offen
Und unbewacht; was säumen wir?
Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen,
Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier.
Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen,
Erst muß das Schwerste noch geschehen.

51
Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort;
Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten:
"Warum verziehn? warum am steilen Bord
Des Untergangs verziehn? O laß mit Flügelschritten
Uns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt,
Der unsrer Feinde Sinne bind't!"
Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit Blicken
Voll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.

52
Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach;
Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach,
Kein Faden war an allen Tänzern trocken,
Und, in der athemlosen Brust
Geschwellt, begann das dicke Blut zu stocken.
Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust.
Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne,
Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.

53
Mit jedem Augenblick fällt, starr und ohne Sinn,
Da, wo rings um die Wand sich Polster schwellend heben,
Ein Tänzer nach dem andern hin.
Emirn und Sklaven stürzen zappelnd neben
Göttinnen des Serai's, so wie's dem Zufall däucht,
Als ob ein Wirbelwind sie hingeschüttelt hätte,
So daß zugleich auf Einem Ruhebette
Der Stallknecht und die Favoritin keicht.

54
Herr Hüon macht die Stille sich zu Nutze,
Die auf dem ganzen Sahle ruht;
Läßt seine Königin, nah bey der Thür, im Schutze
Des treuen Scherasmin, dem er auf seiner Hut
Zu seyn gebeut; giebt ihm auf alle Fälle
Das Horn von Elfenbein, und naht sodann der Stelle,
Wo der Kalif, vom Ball noch schwach und matt,
Auf einen Polsterthron sich hingeworfen hat.

55
In dumpfer Stille liegt mit ausgespannten Flügeln
Leis' athmend die Erwartung rings umher.
Die Tänzer all', von Schlaf und Taumel schwer,
Bestreben sich die Augen aufzuriegeln,
Den Fremden anzusehn, der sich, nach solcher That,
Mit unbewehrter Hand und bittenden Geberden
Dem stutzenden Kalifen langsam naht.
Was, denkt man, wird aus diesem allen werden?

56
Er läßt sich auf ein Knie vor dem Monarchen hin,
Und mit dem sanften Ton und kalten Blick des Helden
Beginnt er. "Kaiser Karl, von dem ich Dienstmann bin,
Läßt seinen Gruß dem Herrn der Morgenländer melden,
Und bittet dich—verzeih! mir fällt's zu sagen hart!
Doch, meinem Herrn den Mund, so wie den Arm, zu lehnen,
Ist meine Pflicht—um vier von deinen Backenzähnen
Und eine Hand voll Haar aus deinem Silberbart."

57
Er spricht's und schweigt, und steht gelassen
Des Sultans Antwort abzupassen.
Allein, wo nehm' ich Athem her, den Grimm
Des alten Herrn mit Worten euch zu schildern?
Wie seine Züge sich verwildern,
Wie seine Nase schnaubt? mit welchem Ungestüm
Er auf vom Throne springt? wie seine Augen klotzen,
Und wie vor Ungeduld ihm alle Adern strotzen?

58
Er starrt umher, will fluchen, und die Wuth
Bricht schäumend jedes Wort an seinen blauen Lippen.
"Auf, Sklaven! reißt das Herz ihm aus den Rippen!
Zerhackt ihn Glied für Glied! zapft sein verruchtes Blut
Mit Pfriemen ab! weg mit ihm in die Flammen!
Die Asche streut in alle Winde aus,
Und seinen Kaiser Karl, den möge Gott verdammen!
Was? Solchen Antrag? Mir? In meinem eignen Haus?

59
"Wer ist der Karl der gegen Mich sich brüstet?
Und warum kommt er nicht, wenn's ihn
So sehr nach meinem Bart und meinen Zähnen lüstet,
Und wagt's, sie selber auszuziehn?"
Der Mensch muß unter seiner Mütze
Nicht richtig seyn, versetzt ein alter Kan:
So etwas allenfalls begehrt man an der Spitze
Von dreymahl hundert tausend Mann.

60
Kalif von Bagdad, spricht der Ritter
Mit edlem Stolz, laß alles schweigen hier,
Und höre mich! Es liegt schon lange schwer auf mir,
Karls Auftrag und mein Wort. Des Schicksals Zwang ist bitter:
Doch seiner Oberherrlichkeit
Sich zu entziehn, wo ist die Macht auf Erden?
Was es zu thun, zu leiden uns gebeut,
Das muß gethan, das muß gelitten werden.

61
Hier steh' ich, Herr, ein Sterblicher wie du,
Und steh' allein, mein Wort, trotz allen deinen Wachen,
Mit meinem Leben gut zu machen:
Doch läßt die Ehre mir noch einen Antrag zu.
Entschließe dich von Mahomed zu weichen,
Erhöh' das heil'ge Kreuz, das edle Christenzeichen,
In Babylon, und nimm den wahren Glauben an,
So hast du mehr, als Karl von dir begehrt, gethan.

62
Dann nehm' ich's auf mich selbst, dich völlig los zu sprechen
Von jeder andern Forderung,
Und der soll mir zuvor den Nacken brechen,
Der mehr verlangt! So einzeln und so jung
Du hier mich siehst, was du bereits erfahren,
Verkündigt laut genug, daß einer mit mir ist
Der mehr vermag als alle deine Schaaren.
Wähl' itzt das beste Theil, wofern du weise bist!

63
Indeß, an Kraft und Schönheit einem Boten
Des Himmels gleich, der jugendliche Held,
Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten,
So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt:
Beugt Rezia von fern, mit glühend rothen
Entzückten Wangen, liebevoll
Den schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der Knoten
Von all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.

64
Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen,
So fängt der alte Schach wie ein Beseßner an
Zu schrey'n, zu stampfen und zu pochen,
Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn.
Die Helden all' in tollem Eifer springen
Von ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun,
Und Lanzen, Säbel, Dolche dringen
Auf Mahoms Feind von allen Seiten ein.

65
Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in Eile
Der Männer einem rasch die Stange aus der Hand,
Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule,
Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand.
Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen,
Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr;
Schon zappeln viel am Boden um ihn her,
Die seinem Grimm zu nah gekommen.

66
Der gute Scherasmin, der an der Thüre fern
Zum Schutz der Schönen steht, glaubt seinen ersten Herrn
Im Schlachtgedräng zu sehn, und überläßt voll Freude
Sich einen Augenblick der süßen Augenweide:
Doch bald zerstreut den angenehmen Wahn
Des Fräuleins Angstgeschrey; er sieht der Helden Rasen,
Sieht seines Herrn Gefahr, setzt flugs das Hifthorn an
Und bläst, als läg' ihm ob die Todten aufzublasen.

67
Die ganze Burg erschallt davon und kracht;
Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht,
Gespenster lassen sich wie schnelle Blitze sehen,
Und unter stetem Donner schwankt
Des Schlosses Felsengrund. Der Heiden Herz erkrankt;
Sie taumeln Trunknen gleich, Gehör, Gesicht vergehen,
Der schlaffen Hand entglitschen Schwert und Speer,
Und gruppenweis' liegt alles starr umher.

68
Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen,
Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen;
Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer,
Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr.
Auf einmahl schweigt der Sturm; ein lieblich säuselnd Wehen
Erfüllt den Sahl mit frischem Lilienduft,
Und, wie ein Engelsbild ob einer Todtengruft,
Läßt Oberon sich itzt auf einem Wölkchen sehen.

69
Ein lauter Schrey des Schreckens und der Lust
Entfährt der Perserin; ein unfreywillig Grauen
Bekämpft in ihr das schüchterne Vertrauen.
Die Arme über ihre Brust
Gefaltet, steht sie glühend neben
Dem Jüngling da, dem sie ihr Herz gegeben,
Und wagt, der süßen Schuld jungfräulich sich bewußt,
Zu ihrem Retter kaum die Augen aufzuheben.

70
Gut, Hüon, spricht der Geist, du hast dein Ehrenwort
Gelöst, ich bin mit dir zufrieden.
Zum Ritterdank ist dir dieß schöne Weib beschieden!
Doch, eh' ihr euch entfernt von diesem Ort,
Bedenke Rezia, wozu sie sich entschließet,
Eh' sie vielleicht mit unfruchtbarer Reu
Die rasche Wahl verführter Augen büßet!
Zu bleiben oder gehn läßt ihr das Schicksal frey.

71
So vieler Herrlichkeit entsagen,
Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward,
Um sich, auf ungewisse Fahrt,
Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu wagen;
Zu leben ihm allein, mit ihm den Unbestand
Des Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tragen,
(Und ach! oft kommt der Schlag von einer lieben Hand!)
Da lohnt sich's wohl, vorher sein Herz genau zu fragen.

72
Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt,
Noch steht's bey dir den Wunsch der Liebe zu betrügen.
Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe liegen;
Sie leben wieder auf, so bald mein Stab sie weckt.
Der Sultan wird dir gerne, was geschehen,
Verzeihn, trotz dem was er dabey verlor,
Und Rezia wird wieder wie zuvor
Von aller Welt sich angebetet sehen.

73
Hier schwieg der schöne Zwerg. Und, bleicher als der Tod,
Steht Hüon da, das Urtheil zu empfangen,
Womit ihn Oberon, der Grausame! bedroht.
In Asche sinkt das Feuer seiner Wangen.
Zu edel oder stolz, vielleicht ein zweifelnd Herz
Mit Liebesworten zu bestechen,
Starrt er zur Erde hin mit tief verhaltnem Schmerz,
Und läßt nicht einen Blick zu seinem Vortheil sprechen.

74
Doch Rezia, durchglüht von seinem ersten Kuß,
Braucht keines Zunders mehr die Flamme zu erhitzen.
Wie wenig däucht ihr noch was sie verlassen muß,
Um alles was sie liebt in Hüon zu besitzen!
Von Scham und Liebe roth bis an die Fingerspitzen,
Verbirgt sie ihr Gesicht und einen Thränenguß
In seinem Arm, indem, hoch schlagend von Entzücken,
Ihr Herz empor sich drängt, an seines sich zu drücken.

75
Und Oberon bewegt den Lilienstab
Sanft gegen sie, als wollt' er seinen Segen
Auf ihrer Herzen Bündniß legen,
Und eine Thräne fällt aus seinem Aug' herab
Auf beider Stirn. So eil' auf Liebesschwingen,
Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen steht bereit,
Bevor das nächste Licht der Schatten Heer zerstreut,
Euch sicher an den Strand von Askalon zu bringen.

76
Er sprach's, und eh' des letzten Wortes Laut
Verklungen war, entschwand er ihren Augen.
Wie einem Traum entwacht, steht Hüons schöne Braut,
Den süßen Duft begierig aufzusaugen,
Der noch die Luft erfüllt. Drauf sinkt ein scheuer Blick
Auf ihren Vater hin, der wie in Todesschlummer
Zu starren scheint. Sie seufzt, und wehmuthsvoller Kummer
Mischt Bitterkeit in ihres Herzens Glück.

77
Sie hüllt sich ein. Herr Hüon, dem die Liebe
Die Sinne schärft, sieht nicht so bald
Ihr Herz beklemmt, ihr schönes Auge trübe,
So drückt er sie mit zärtlicher Gewalt,
Den rechten Arm um ihren Leib gewunden,
Zum Sahl hinaus.—Komm, spricht er, eh' die Nacht
Uns überrascht, und jeder Arm erwacht,
Den, uns zu Lieb', der Geist mit Zauberschlaf gebunden.

78
Komm, laß uns fliehn, eh' uns den Weg zur Flucht
Ein neuer Feind vielleicht zu sperren sucht,
Und sey gewiß, sind wir nur erst geborgen,
Wird unser Schützer auch für diese Schläfer sorgen.
Dieß sprechend trägt er sie mit jugendlicher Kraft
Die Marmortrepp' hinunter bis zum Wagen,
Den Oberon zu ihrer Flucht verschafft,
Und eine süßre Last hat nie ein Mann getragen.

79
Die ganze Burg ist furchtbar still und leer
Wie eine Gruft, und Leichen ähnlich liegen
In tiefem Schlaf die Hüter hin und her;
Nichts hemmt der Liebe Flucht; der Wagen wird bestiegen:
Doch traut das Fräulein sich dem Ritter nicht allein;
Mit Scherasmin steigt auch die Amme hastig ein.
Sie, die zum ersten Mahl so viele Wunder siehet,
Die arme Frau weiß nicht wie ihr geschiehet.

80
Wie wird ihr da sie rückwärts schaut
Und sieht, an Pferde Statt, vier Schwanen vor dem Wagen,
Regiert von einem Kind!—Wie schaudert ihr die Haut,
Da sie empor gelupft und durch die Luft getragen
Sich fühlt, und kaum zu athmen sich getraut,
Und nicht begreifen kann, wie, ohne umzuschlagen,
So schwer bepackt, der Wagen sich erhebt,
Und, steter als ein Kahn, auf leichten Wolken schwebt!

81
Als endlich gar die Nacht sie überfiel,
Was Wunder, daß die Furcht zuletzt die Scham besiegte,
Und Fatme so gedrang an Scherasmin sich schmiegte,
Als wie zum Schlaf an ihren lieben Pfühl!
Vermuthlich daß der Mann dazu sich willig fügte;
In solchen Fällen mischt das Herz sich gern ins Spiel:
Jedoch gereicht zum Ruhm des wackern Alten,
Daß er wie reines Gold dieß Feuer ausgehalten.

82
Ganz anders war das junge Paar gestimmt,
Das Amor itzt mit seiner Mutter Schwanen
Davon zu führen schien. Ob auf gewohnten Bahnen
Den Lauf ihr Zauberfuhrwerk nimmt,
Ob durch die Luft, ob's rollet oder schwimmt,
Ob langsam oder schnell, mit Pferden oder Schwanen,
Sanft oder hart, mit oder ohne Fahr,
Sie werden nichts von allem dem gewahr.

83
Ein neuer Wonnetraum, ein seliges Entzücken
Ins Paradies, dünkt sie ihr gegenwärt'ger Stand;
Sie können nichts, als stumm, mit nimmer satten Blicken,
Sich anschaun, eins des andern warme Hand
Ans volle Herz in süßer Inbrunst drücken,
Und, während Himmel und Erd' aus ihren Augen schwand,
Und sie allein noch übrig waren, fragen:
Ist's, oder träumt uns noch? Sind wir in Einem Wagen?

84
"So war's kein Traum als ich im Traum dich sah?
(Rief jedes aus) So war es Rezia?
War's Hüon? und ein Gott hat dich mich finden lassen?
Du mein?—ich dein?—Wer durft' es hoffen, wer?
So wundervoll vereint, uns nimmer nimmermehr
Zu trennen? Kann das Herz so viele Wonne fassen?"
Und dann von neuem stets einander angeblickt,
Von neuem Hand um Hand an Mund und Herz gedrückt!

85
Vergebens hüllt die Nacht mit dunstbeladnen Flügeln
Den Luftkreis ein; dieß hemmt der Liebe Sehkraft nicht:
Aus ihren Augen strahlt ein überirdisch Licht,
Worin die Seelen selbst sich in einander spiegeln.
Nacht ist nicht Nacht für sie; Elysium
Und Himmelreich ist alles um und um;
Ihr Sonnenschein ergießet sich von innen,
Und jeder Augenblick entfaltet neue Sinnen.

86
Allmählich wiegt die Wonnetrunkenheit
Das volle Herz in zauberischen Schlummer;
Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer,
Die Seele dünkt vom Leibe sich befreyt,
In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen!
So inniglich von ihm durchathmet und durchdrungen!
Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloß
Sich fühlend—Aber, o dieß Eins, wie grenzenlos!

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Autor
Christoph Martin Wieland
Título
Fünfter Gesang
Lengua
alemán
Época
Romanticismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-funfter-gesang--christoph-martin-wieland-23aa05
Cita recomendada
Christoph Martin Wieland, «Fünfter Gesang», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-funfter-gesang--christoph-martin-wieland-23aa05.html

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