CADA PIEZA VIVE EN UNA DIRECCIÓN · NADA VIVE EN UNA SOLA SALA  

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Christoph Martin Wieland · Romanticismo

Erster Gesang

alemán

1
Noch einmahl sattelt mir den Hippogryfen, ihr Musen,
Zum Ritt ins alte romantische Land!
Wie lieblich um meinen entfesselten Busen
Der holde Wahnsinn spielt! Wer schlang das magische Band
Um meine Stirne? Wer treibt von meinen Augen den Nebel
Der auf der Vorwelt Wundern liegt?
Ich seh', in buntem Gewühl, bald siegend, bald besiegt,
Des Ritters gutes Schwert, der Heiden blinkende Säbel.

2
Vergebens knirscht des alten Sultans Zorn,
Vergebens dräut ein Wald von starren Lanzen:
Es tönt in lieblichem Ton das elfenbeinerne Horn,
Und, wie ein Wirbel, ergreift sie alle die Wuth zu tanzen;
Sie drehen im Kreise sich um bis Sinn und Athem entgeht.
Triumf, Herr Ritter, Triumf! Gewonnen ist die Schöne.
Was säumt ihr? Fort! der Wimpel weht;
Nach Rom, daß euern Bund der heil'ge Vater kröne!

3
Nur daß der süßen verbotenen Frucht
Euch ja nicht vor der Zeit gelüste!
Geduld! der freundlichste Wind begünstigt eure Flucht,
Zwey Tage noch, so winkt Hesperiens goldne Küste.
O rette, rette sie, getreuer Scherasmin,
Wenn's möglich ist!—Umsonst! die trunknen Seelen hören
Sogar den Donner nicht. Unglückliche, wohin
Bringt euch ein Augenblick! Kann Liebe so bethören?

4
In welches Meer von Jammer stürzt sie euch!
Wer wird den Zorn des kleinen Halbgotts schmelzen?
Ach! wie sie Arm in Arm sich auf den Wogen wälzen!
Noch glücklich durch den Trost, zum wenigsten zugleich
Eins an des andern Brust zu sinken ins Verderben.
Ach! hofft es nicht! Zu sehr auf euch erbost
Versagt euch Oberon sogar den letzten Trost,
Den armen letzten Trost des Leidenden, zu sterben!

5
Zu strengern Qualen aufgespart
Seh' ich sie hülflos, nackt, am öden Ufer irren:
Ihr Lager eine Kluft, mit einer Hand voll dürren
Halb faulem Schilf bestreut; und Beeren wilder Art,
Die kärglich hier und dort an kahlen Hecken schmoren,
All' ihre Kost! In dieser dringenden Noth
Kein Hüttenrauch von fern, kein hülfewinkend Boot,
Glück, Zufall und Natur zu ihrem Fall verschworen!

6
Und noch ist nicht des Rächers Zorn erweicht,
Noch hat ihr Elend nicht die höchste Stuf' erreicht;
Es nährt nur ihre strafbar'n Flammen,
Sie leiden zwar, doch leiden sie beisammen.
Getrennt zu seyn, so wie in Donner und Blitz
Der wilde Sturm zwey Bruderschiffe trennet,
Und ausgelöscht, wenn im geheimsten Sitz
Der Hoffnung noch ein schwaches Flämmchen brennet:

7
Dieß fehlte noch!—O du, ihr Genius einst, ihr Freund!
Verdient, was Liebe gefehlt, die Rache sonder Grenzen?
Weh euch! Noch seh' ich Thränen in seinen Augen glänzen;
Erwartet das ärgste wenn Oberon weint!—
Doch, Muse, wohin reißt dich die Adlersschwinge
Der hohen trunknen Schwärmerey?
Dein Hörer steht bestürzt, er fragt sich was dir sey,
Und deine Gesichte sind ihm geheimnisvolle Dinge.

8
Komm, laß dich nieder zu uns auf diesen Kanapee,
Und—statt zu rufen, ich seh', ich seh,
Was niemand sieht als Du—erzähl' uns fein gelassen
Wie alles sich begab. Sieh, wie mit lauschendem Mund
Und weit geöffnetem Auge die Hörer alle passen,
Geneigt zum gegenseitigem Bund,
Wenn du sie täuschen kannst sich willig täuschen zu lassen.
Wohlan! so höret denn die Sache aus dem Grund!

9
Der Paladin, mit dessen Abenteuern
Wir euch zu ergetzen (wofern ihr noch ergetzbar seyd)
Entschlossen sind, war seit geraumer Zeit
Gebunden durch sein Wort nach Babylon zu steuern.
Was er zu Babylon verrichten sollte, war
Halsbrechend Werk, sogar in Karls des Großen Tagen:
In unsern würd' es, auf gleiche Gefahr,
Um allen Ruhm der Welt kein junger Ritter wagen.

10
Sohn, sprach sein Oheim zu ihm, der heil'ge Vater in Rom,
Zu dessen Füßen, mit einem reichlichen Strom
Bußfert'ger Zähren angefeuchtet,
Er, als ein frommer Christ, erst seine Schuld gebeichtet;
Sohn, sprach er, als er ihm den Ablaß segnend gab,
Zeuch hin in Frieden! Es wird dir wohl gelingen
Was du beginnst. Allein vor allen Dingen,
Wenn du nach Joppen kommst, besuch das heil'ge Grab!

11
Der Ritter küsset ihm in Demuth den Pantoffel,
Gelobt Gehorsam an, und zieht getrost dahin.
Schwer war das Werk, wozu der Kaiser ihn
Verurtheilt hatte; doch, mit Gott und Sankt Christoffel
Hofft er zu seinem Ruhm sich schon heraus zu ziehn.
Er steigt zu Joppen aus, tritt mit dem Pilgerstabe
Die Wallfahrt an zum werthen heil'gen Grabe,
Und fühlt sich nun an Muth und Glauben zwiefach kühn.

12
Drauf geht es mit verhängtem Zügel
Auf Bagdad los. Stets denkt er, kommt es bald?
Allein da lag noch mancher steile Hügel
Und manche Wüsteney und mancher dicke Wald
Dazwischen. Schlimm genug, daß in den Heidenlanden
Die schöne Sprache von Ok was unerhörtes war:
Ist dieß der nächste Weg nach Bagdad? fragt er zwar
An jedem Thore, doch von keiner Seele verstanden.

13
Einst traf der Weg der eben vor ihm lag
Auf einen Wald. Er ritt bey Sturm und Regen
Bald links bald rechts den ganzen langen Tag,
Und mußt' oft erst mit seinem breiten Degen
Durchs wilde Gebüsch sich einen Ausgang hau'n.
Er ritt Berg an, um freyer umzuschauen.
Weh ihm! Der Wald scheint sich von allen Seiten,
Je mehr er schaut, je weiter auszubreiten.

14
Was ganz natürlich war däucht ihm ein Zauberspiel.
Wie wird ihm erst, da in so wilden Gründen,
Woraus kaum möglich war bey Tage sich zu finden,
Zuletzt die Nacht ihn überfiel!
Sein Ungemach erreichte nun den Gipfel.
Kein Sternchen glimmt durch die verwachsnen Wipfel;
Er führt sein Pferd so gut er kann am Zaum,
Und stößt bey jedem Tritt die Stirn an einen Baum.

15
Die dichte rabenschwarze Hülle
Die um den Himmel liegt, ein unbekannter Wald,
Und, was zum ersten Mahl in seine Ohren schallt,
Der Löwen donnerndes Gebrülle
Tief aus den Bergen her, das, durch die Todesstille
Der Nacht noch schrecklicher, von Felsen wiederhallt:
Der Mann, der nie gebebt in seinem ganzen Leben,
Den machte alles dieß zum ersten Mahl erbeben!

16
Auch unser Held, wiewohl kein Weibessohn
Ihn jemahls zittern sah, fühlt doch bey diesem Ton
An Arm und Knie die Sehnen sich entstricken,
Und wider Willen läuft's ihm eiskalt übern Rücken.
Allein den Muth, der ihn nach Babylon
Zu gehen treibt, kann keine Furcht ersticken;
Und mit gezognem Schwert, sein Roß stets an der Hand,
Ersteigt er einen Pfad, der sich durch Felsen wand.

17
Er war nicht lange fortgegangen,
So glaubt er in der Fern' den Schein von Feuer zu sehn.
Der Anblick pumpt sogleich mehr Blut in seine Wangen,
Und, zwischen Zweifel, und Verlangen
Ein menschlich Wesen vielleicht in diesen öden Höh'n
Zu finden, fährt er fort dem Schimmer nachzugehn,
Der bald erstirbt und bald sich wieder zeiget
So wie der Pfad sich senket oder steiget.

18
Auf einmahl gähnt im tiefsten Felsengrund
Ihn eine Höhle an, vor deren finsterm Schlund
Ein prasselnd Feuer flammt. In wunderbaren Gestalten
Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,
Mit wildem Gebüsche versetzt, das aus den schwarzen Spalten
Herab nickt, und im Wiederschein
Als grünes Feuer brennt. Mit lustvermengtem Grauen
Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.

19
Indem schallt aus dem Bauch der Gruft ein donnernd Halt!
Und plötzlich stand vor ihm ein Mann von rauher Gestalt,
Mit einem Mantel bedeckt von wilden Katzenfellen,
Der, grob zusammen geflickt, die rauhen Schenkel schlug;
Ein graulich schwarzer Bart hing ihm in krausen Wellen
Bis auf den Magen herab, und auf der Schulter trug
Er einen Cedernast, als Keule, schwer genug
Den größten Stier auf Einen Schlag zu fällen.

20
Der Ritter, ohne vor dem Mann
Und seiner Ceder und seinem Bart zu erschrecken,
Beginnt in der Sprache von Ok, der einzigen die er kann,
Ihm seinen Nothstand zu entdecken.
Was hör' ich? ruft entzückt der alte Waldmann aus:
O süße Musik vom Ufer der Garonne!
Schon sechzehnmahl durchläuft den Sternenkreis die Sonne,
Und alle die Zeit entbehr' ich diesen Ohrenschmaus.

21
Willkommen, edler Herr, auf Libanon, willkommen!
Wiewohl sich leicht erachten läßt
Daß ihr den Weg in dieses Drachennest
Um meinetwillen nicht genommen.
Kommt, ruhet aus, und nehmt ein leichtes Mahl für gut,
Wobey die Freundlichkeit des Wirths das beste thut.
Mein Wein (er springt aus diesem Felsenkeller)
Verdünnt das Blut, und macht die Augen heller.

22
Der Held, dem dieser Gruß gar große Freude gab,
Folgt ungesäumt dem Landsmann in die Grotte,
Legt traulich Helm und Panzer ab,
Und steht entwaffnet da, gleich einem jungen Gotte.
Dem Waldmann wird als rühr' ihn Alquifs Stab,
Da jener itzt den blanken Helm entschnallet,
Und ihm den schlanken Rücken hinab
Sein langes gelbes Haar in großen Ringen wallet.

23
Wie ähnlich, ruft er, o wie ähnlich, Stück für Stück!
Stirn, Auge, Mund und Haar!—Wem ähnlich? fragt der Ritter.
"Verzeihung, junger Mann! Es war ein Augenblick,
Ein Traum aus beßrer Zeit! so süß, und auch so bitter!
Es kann nicht seyn!—Und doch, wie euch dieß schöne Haar
Den Rücken herunter fiel, war mir's ich seh' Ihn selber
Von Kopf zu Fuß. Bey Gott! sein Abdruck, ganz und gar;
Nur Er von breit'rer Brust, und eure Locken gelber.

24
"Ihr seyd, der Sprache nach, aus meinem Lande; vielleicht
Ist's nicht umsonst, daß ihr dem guten Herrn so gleicht,
Um den ich hier in diesem wilden Haine,
So fern von meinem Volk, schon sechzehn Jahre weine.
Ach! ihn zu überleben war
Mein Schicksal! Diese Hand hat ihm die Augen geschlossen,
Dieß Auge sein frühes Grab mit treuen Zähren begossen,
Und itzt, ihn wieder in euch zu sehn, wie wunderbar!"

25
Der Zufall spielt zuweilen solche Spiele,
Versetzt der Jüngling.—Sey es dann,
Fährt jener fort: genug, mein wackrer junger Mann,
Die Liebe, womit ich mich zu euch gezogen fühle,
Ist traun! kein Wahn; und gönnet ihr den Lohn
Daß Scherasmin bey euerm Nahmen euch nenne?
"Mein Nahm' ist Hüon, Erb' und Sohn
Des braven Siegewin, einst Herzogs von Guyenne."

26
O! ruft der Alte, der ihm zu Füßen fällt,
So log mein Herz mir nicht! O tausendmahl willkommen
In diesem einsamen unwirthbaren Theil der Welt,
Willkommen, Sohn des ritterlichen, frommen,
Preiswerthen Herrn, mit dem in meiner bessern Zeit
Ich manches Abenteu'r in Schimpf und Ernst bestanden!
Ihr hüpftet noch im ersten Flügelkleid,
Als wir zum heiligen Grab zu fahren uns verbanden.

27
Wer hätte dazumahl gedacht,
Wir würden uns in diesen Felsenschlünden
Auf Libanon nach achtzehn Jahren finden?
Verzweifle keiner je, dem in der trübsten Nacht
Der Hoffnung letzte Sterne schwinden!
Doch, Herr, verzeiht daß mich die Freude plaudern macht.
Laßt mich vielmehr vor allen Dingen fragen,
Was für ein Sturmwind euch in dieses Land verschlagen?

28
Herr Hüon läßt am Feuerherd
Auf einer Bank von Moos sich mit dem Alten nieder,
Und als er drauf die reisemüden Glieder
Mit einem Trunk, so frisch die Quelle ihn beschert,
Und etwas Honigseim gestärket,
Beginnt er seine Geschichte dem Wirth erzählen, der sich
Nicht satt an ihm sehen kann, und stets noch was bemerket
Worin sein vor'ger Herr dem jungen Ritter glich.

29
Der junge Mann erzählt, nach Art der lieben Jugend,
Ein wenig breit: wie seine Mutter ihn
Bey Hofe (dem wahren Ort um Prinzen zu erziehn)
Gar fleißig zu guter Lehr' und ritterlicher Tugend
Erzogen; wie schnell der Kindheit lieblicher Traum
Vorüber geflogen; und wie, so bald ihm etwas Flaum
Durchs Kinn gestochen, man ihn zu Bordeaux, von den Stufen
Des Schlosses, mit großem Pomp zum Herzog ausgerufen;

30
Und wie sie drauf in eitel Lust und Pracht,
Mit Jagen, Turnieren, Banketten, Saus und Brause,
Zwey volle Jahre wie einzelne Tage verbracht;
Bis Amory, der Feind von seinem Hause,
Beym Kaiser (dessen Huld sein Vater schon verscherzt)
Ihn hinterrücks gar böslich angeschwärzt;
Und wie ihn Karl, zum Schein in allen Gnaden,
Nach Hofe, zum Empfang der Lehen, vorgeladen;

31
Wie sein besagter Feind, der listige Baron
Von Hohenblat, mit Scharlot, zweytem Sohn
Des großen Karls, dem schlimmsten Fürstenknaben
Im Christenthum, (als der schon lange Lust gehegt
Zu Hüons Land) es heimlich angelegt
Auf seinem Zuge nach Hof ihm eine Grube zu graben;
Und wie sie, eines Morgens früh,
Ihm aufgepaßt im Wald bey Montlery.

32
Mein Bruder, fuhr er fort, der junge Gerard, machte,
Mit seinem Falken auf der Hand,
Die Reise mit. Aus frohem Unverstand
Entfernt der Knabe sich, da niemand arges dachte,
Von unserm Trupp, läßt seinen Falken los,
Und rennt ihm nach: wir andern alle zogen
Indessen unsern Weg, und achteten's nicht groß
Als Falk' und Knab' aus unserm Blick entflogen.

33
Auf einmahl dringt ein klägliches Geschrey
In unser Ohr. Wir eilen schnell herbey,
Und siehe da! mein Bruder liegt, vom Pferde
Gestürzt, beschmutzt und blutend auf der Erde.
Ein Edelknecht (von keinem unsrer Schaar
Erkannt, wiewohl es Scharlot selber war)
Stand im Begriff ihn weidlich abzuwalken,
Und seitwärts hielt ein Zwerg mit seinem Falken.

34
Von Zorn entbrannt rief ich: Du Grobian,
Was hat der Knabe dir gethan,
Der wehrlos ist, ihm also mitzuspielen?
Zurück, und rühr' ihn noch mit einem Finger an,
Wofern dich's jückt mein Schwert in deinem Wanst zu fühlen.
Ha! schrie mir jener zu—bist du's? Dich sucht' ich just;
Schon lange dürst' ich nach der Lust
Mein racheglühend Herz in deinem Blut zu kühlen.

35
Kennst du mich nicht, so wiß', ich bin der Sohn
Des Herzogs Dietrich von Ardennen:
Dein Vater Siegewin (mög' er im Abgrund brennen!)
Trug über meinen einst bey einem offnen Rennen
Mit Hinterlist den Dank davon,
Und durch die Flucht allein entging er seinem Lohn.
Doch, Rache hab' ich ihm geschworen,
Du sollst mir zahlen für ihn! Da, sieh zu deinen Ohren!

36
Und mit dem Worte rennt er gegen mich,
Der, unbereit zu solchem Tanze,
Sich dessen nicht versah, mit eingelegter Lanze.
Zum Glück pariert' ich seinen Stich
Mit meinem linken Arm, um den ich in der Eile
Den Mantel schlug, und auf der Stell' empfing
Mit meinem Degenknopf der Unhold eine Beule
Am rechten Schlaf, wovon der Athem ihm entging.

37
Er fiel, mit Einem Wort, um nimmer aufzustehen.
Da ließen plötzlich sich im Walde Reiter sehen
In großer Zahl; doch des Erschlagnen Tod
Zu rächen, war dem feigen Troß nicht Noth.
Sie hielten, während wir des Knaben Wunde banden,
Sich still und fern, bis wir aus ihren Augen schwanden;
Drauf legten sie den Leichnam auf ein Roß
Und zogen eilends fort zum kaiserlichen Schloß.

38
Unwissend, wie bey Karl mein Handel sich verschlimmert,
Verfolg' ich meinen Weg, des Vorgangs unbekümmert.
Wir langen an. Mein alter Oheim, Abt
Zu Saint Denys, ein Mann mit Weisheit hochbegabt,
Führt beym Gehör das Wort. Wir werden wohl empfangen,
Und alles wär' erwünscht für uns ergangen:
Doch, wie man eben sich zur Tafel setzen will,
Hält Hohenblat am Schloß mit Scharlots Leiche still.

39
Zwölf Knappen tragen sie, in schwarzen Flor vermummt,
Die hohen Stufen hinan, und wer sie sieht verstummet
Und steht erstarrt. Sie nehmen ihren Lauf
Dem Sahle zu. Die Thüren springen auf:
Da tragen zwölf Gespenster eine Bahre,
Mit blut'gen Linnen bedeckt, bis mitten in den Sahl.
Der Kaiser selbst erblaßt, uns andern stehn ' die Haare
Zu Berg, und mich trifft's wie ein Wetterstrahl.

40
Indem tritt Amory hervor, hebt von der Leiche
Das blut'ge Tuch, und—"Sieh! (ruft er dem Kaiser zu)
Dieß ist dein Sohn! und hier der Frevler, der dem Reiche
Und dir die Wunde schlug, der Mörder unsrer Ruh!
Weh mir! ich kam zu spät dazu!
Sich nichts versehend fiel dein Scharlot im Gesträuche,
Durch Meuchelmord, nicht wie in offnem Feld
Von Rittershand ein ritterlicher Held."

41
Wie viel Verdrieß dem alten Herrn auch täglich
Sein böser Sohn gebracht, so blieb er doch sein Sohn,
Sein Fleisch und Blut. Erst stand er unbeweglich;
Dann schrie er laut vor Schmerz, mein Sohn! Mein Sohn!
Und warf sich in Verzweiflung neben
Den Leichnam hin. Mir war der bange Vaterton
Ein Dolch ins Herz; ich hätt' um Scharlots Leben
In diesem Augenblick mein bestes Blut gegeben.

42
Herr, rief ich, höre mich! Mein Will' ist ohne Schuld;
Er gab sich für den Sohn des Herzogs von Ardennen,
Und was er that, bey Gott! es hätte die Geduld
Von einem Heil'gen morden können!
Er schlug den Knaben dort, der ihm kein Leid gethan,
Sprach lästerlich von meines Vaters Ehre,
Fiel unverwarnt mich selber mörd'risch an—
Den möcht' ich sehn, der kalt geblieben wäre!

43
Ha! Bösewicht! schreyt Karl mich hörend, springt entbrannt
Vom Leichnam auf, mit Löwengrimm im Blicke,
Reißt einem Knecht das Eisen aus der Hand,
Und, hielten ihn mit Macht die Fürsten nicht zurücke,
Er hätt' in seiner Wuth mich durch und durch gerannt.
Auf einmahl rüttelt sich der ganze Ritterstand;
Ein wetterleuchtender Glanz von hundert bloßen Wehren
Scheint stracks in jeder Brust die Mordlust aufzustören.

44
Die Hall' erdonnert von Geschrey,
Das Ästrich bebt, die alten Fenster klirren.
Aus Jedem Mund schallt Mord! Verrätherey!
Die Sprachen scheinen sich aufs neue zu verwirren.
Man schnaubt, man rennt sich an, man zückt die drohende Hand.
Der Abt, den noch allein Sankt Benedikts Gewand
Vor Frevel schützt, hält endlich unsern Degen
Mit aufgehobnem Arm sein Skapulier entgegen.

45
Ehrt, ruft er laut, den heil'gen Vater in mir
Deß Sohn ich bin! Im Nahmen des Gottes, dem ich diene,
Gebiet' ich Fried'!—Er riefs mit einer Miene
Und einem Ton, der Heiden zur Gebühr
Genöthigt hätt'. Und stracks auf einmahl legen
Des Aufruhrs Wogen sich, erhellt sich jeder Blick,
Und jeder Dolch und jeder nackte Degen
Schleicht in die Scheide still zurück.

46
Nun trug der Abt den ganzen Verlauf der Sache
Dem Kaiser vor. Die Überredung saß
Auf seinen Lippen. Allein, was half mir das?
Die Leiche des Sohns liegt da und schreyt um Rache.
Hier, ruft der Vater, sieh, und sprich
Dem Mörder meines Sohns das Urtheil! Sprich's für mich!
Ja, rachedürstender Geist, dein Gaumen soll sich laben
An seinem Blut! Er sterb' und mäste die Raben!

47
Itzt schwoll mein Herz empor. Ich bin kein Mörder, schrie
Ich überlaut. Der Richter richtet nicht billig
In eigner Sache. Der Kläger Amory
Ist ein Verräther, Herr! Hier steh' ich, frey und willig,
Will in sein falsches Herz, mit meines Lebens Fahr,
Beweisen, daß er ein Schalk und Lügner ist, und war
Und bleiben wird, so lange sein Hauch die Luft vergiftet.
Sein Werk ist alles dieß, Er hat es angestiftet!

48
Ich bin, wie er, von fürstlichem Geschlecht,
Ein Pär des Reichs, und fordre hier mein Recht;
Der Kaiser kann mir's nicht versagen!
Da liegt mein Handschuh, laßt ihn's wagen
Ihn aufzunehmen, und Gott in seinem Gericht
Entscheide, welchen von uns die Stimme dieses Blutes
Zur Hölle donnern soll! Die Quelle meines Muthes
Ist meine Unschuld, Herr! Mich schreckt sein Donner nicht.

49
Die Fürsten des Kaiserreichs, so viel von ihnen zugegen,
Ein jeder sieht sich selbst in meiner Verdammung gekränkt.
Sie murmeln, dem Meere gleich, wenn sich von fern zu regen
Der Sturm beginnt: sie bitten, dringen, legen
Das Recht ihm vor. Umsonst! den starren Blick gesenkt
Auf Scharlots blutiges Haupt, kann nichts den Vater bewegen:
Wiewohl auch Hohenblat, der's für ein leichtes hält
Mir obzusiegen, selbst sich unter die Bittenden stellt.

50
Herr, spricht er, laßt mich gehn, den Frevler abzustrafen,
Ich wage nichts wo Pflicht und Recht mich schützt.
Ha! rief ich laut, von Scham und Grimm erhitzt,
Du spottest noch? Erzittre! immer schlafen
Des Rächers Blitze nicht.—Mein Schwert, ruft Hohenblat,
Soll, Mörder, sie auf deine Scheitel häufen!
Doch Karl, den meine Gluth nur mehr erbittert hat,
Befiehlt der Wache, mich zu greifen.

51
Dieß rasche Wort empört den ganzen Sahl
Von neuem; alle Schwerter blitzen,
Das Ritterrecht, das Karl in mir verletzt, zu schützen.
Ergreift ihn, ruft der Kaiser abermahl;
Allein er sieht, mit vorgehaltnen Klingen,
In dichtem Kreis die Ritter mich umringen.
Vergebens droht, schier im Gedräng erstickt,
Der geistliche Herr mit Bann und Interdikt.

52
Des Reiches Schicksal schien an einem Haar zu schweben.
Die grauen Räthe flehn dem Kaiser auf den Knien,
Dem Recht der Ritter nachzugeben:
Je mehr sie flehn, je minder rührt es ihn;
Bis endlich Herzog Nayms (der oft in seinem Leben,
Wenn Karl den Kopf verlor, den seinen ihm geliehn)
Den Mund zum Ohr ihm hält, dann gegen uns sich kehret,
Und zum begehrten Kampf des Kaisers Urlaub schwöret.

53
Herr Hüon fuhr dann zu erzählen fort:
Wie stracks auf dieses einz'ge Wort
Der Aufruhr sich gelegt, die Ritter alle zurücke
Gewichen, und Karl, wiewohl im Herzen ergrimmt,
Mit stiller Wuth im halb entwölkten Blicke,
Den achten Tag zum Urtheilskampf bestimmt;
Wie beide Theile sich mit großer Pracht gerüstet,
Und, des Triumfs gewiß, sich Amory gebrüstet.

54
Der stolze Mann, wiewohl in seiner Brust
Ein Kläger pocht der seinen Muth erschüttert,
War eines Arms von Eisen sich bewußt,
Der manchen Wald von Lanzen schon zersplittert.
Er hatte nie vor einem Feind gezittert,
Und Kampf auf Tod und Leben war ihm Lust.
Doch all sein Trotz und seine Riesenstärke
Betrogen ihn bey diesem blut'gen Werke.—

55
Gekommen war nunmehr der richterliche Tag,
Versammelt alles Volk. Mit meinem silberblanken
Turnierschild vor der Brust, und, wie ich sagen mag,
Von allen mit Liebe begrüßt, erschien ich in den Schranken.
Schon stand der Kläger da. In einem Erker lag
Der alte Karl, umringt von seinen Fürsten,
Und schien, in offenem Vertrag
Mit Amory, nach meinem Blut zu dürsten.

56
Die Sonne wird getheilt. Die Richter setzen sich.
Mein Gegner scheint vor Ungeduld zu brennen
Bis die Trompete ruft. Nun ruft sie, und wir rennen,
Und treffen so gewaltiglich
Zusammen, daß aufs Knie die Rosse stürzen, und ich
Und Hohenblat uns kaum im Sattel halten können.
Eilfertig machen wir uns aus den Bügeln los,
Und nun, in einem Blitz, sind beide Schwerter bloß.

57
Daß ich von unserm Kampf dir ein Gemählde mache
Verlange nicht. An Grimm und Stärke war,
Wie an Erfahrenheit, mein Gegner offenbar
Mir überlegen; doch die Unschuld meiner Sache
Beschützte mich, und machte meine Kraft
Dem Willen gleich. Der Sieg blieb lange zweifelhaft;
Schon floß aus manchem Quell des Klägers Blut herunter,
Und Hüon war noch unverletzt und munter.

58
Der wilde Amory, wie er sein dampfend Blut
Den Panzer färben sieht, entbrannt von neuer Wuth,
Und stürmt auf Hüon ein, gleich einem Ungewitter
Das alles vor sich her zertrümmert und verheert,
Blitzt Schlag auf Schlag, so daß mein junger Ritter
Der überlegnen Macht mit Mühe sich erwehrt.
Ein Arm, an Kraft mit Rolands zu vergleichen,
Bringt endlich ihn, nach langem Kampf, zum Weichen.

59
Des Sieges schon gewiß faßt Amory sogleich
Mit beiden angestrengten Händen
Sein mächtig Schwert, den Kampf auf Einen Schlag zu enden.
Doch Hüons gutes Glück entglitscht dem Todesstreich,
Und bringt, eh jener sich ins Gleichgewicht zu schwingen
Vermag, da wo der Helm sich an den Kragen schnürt,
So einen Hieb ihm bey, daß ihm die Ohren klingen,
Und die entnervte Hand den Degengriff verliert.

60
Der Stolze sinkt zu seines Gegners Füßen,
Und Hüon, mit gezücktem Schwert,
Dringt auf ihn ein. Entlade dein Gewissen,
Ruft er, wenn noch das Leben einen Werth
In deinen Augen hat. Gesteh es auf der Stelle
Bandit, schreyt Amory, indem er alle Kraft
Zum letzten Stoß mit Grimm zusammen rafft,
Nimm dieß und folge mir zur Hölle!

61
Zum Glücke streift der Stoß, mit ungewisser Hand
Vom Boden auf geführt, durch eine schnelle Wendung
Die Hüon macht, unschädlich nur den Rand
Des linken Arms; allein, mein Ritter, in der Blendung
Des ersten Zorns, vergißt, daß Hohenblat,
Um öffentlich vor Karln die Wahrheit kund zu machen,
Noch etwas Athem nöthig hat,
Und stößt sein breites Schwert ihm wüthend in den Rachen.

62
Der Frevler speyt in Wellen rother Flut
Die schwarze Seele aus. Der Sieger steht, entsündigt
Und rein gewaschen in seines Klägers Blut,
Vor allen Augen da. Des Herolds Ruf verkündigt
Es laut dem Volk. Ein helles Jubelgeschrey
Schallt an die Wolken. Die Ritter eilen herbey
Das Blut zu stillen, das an des Panzers Seiten
Herab ihm quillt, und ihn zum Kaiser zu begleiten.

63
Doch Karl (so fährt der junge Ritter fort
Dem Mann vom Felsen zu erzählen)
Karl hielt noch seinen Groll. Kann dieser neue Mord
Mir, rief er, meinen Sohn beseelen?
Ist Hüons Unschuld anerkannt?
Ließ Hohenblat ein Wort von Widerruf entfallen?
Auf ewig sey er denn aus unserm Reich verbannt,
Und all sein Land und Gut der Krone heimgefallen!

64
Streng war dieß Urtheil, streng der Mund
Aus dem es ging; allein, was konnten wir dagegen?
Das einzige Mittel war aufs Bitten uns zu legen.
Die Pärs, die Ritterschaft, wir alle knieten, rund
Um seinen Thron, uns schier die Kniee wund,
Und gaben's endlich auf, ihn jemahls zu bewegen;
Als Karl zuletzt sein langes Schweigen brach:
Wohlan, ihr Fürsten und Ritter, ihr wollt's, wir geben nach.

65
Doch höret den Beding, den nichts zu widerrufen
Vermögend ist!—Hier neigt' er gegen mich
Herunter zu des Thrones Stufen
Den Zepter—Ich begnadige dich:
Allein, aus allen meinen Reichen
Soll dein verbannter Fuß zur Stunde stracks entweichen,
Und, bis du Stück für Stück mein kaiserlich Gebot
Vollbracht, ist Wiederkunft unmittelbarer Tod.

66
Zeuch hin nach Babylon, und in der festlichen Stunde,
Wenn der Kalif, im Staat, an seiner Tafelrunde,
Mit seinen Emirn sich beym hohen Mahl vergnügt,
Tritt hin, und schlage dem, der ihm zur Linken liegt,
Den Kopf ab, daß sein Blut die Tafel überspritze.
Ist dieß gethan, so nahe züchtig dich
Der Erbin seines Throns, zunächst an seinem Sitze,
Und küß' als deine Braut sie dreymahl öffentlich.

67
Und wenn dann der Kalif, der einer solchen Scene
In seiner eignen Gegenwart
Sich nicht versah, vor deiner Kühnheit starrt,
So wirf dich, an der goldnen Lehne
Von seinem Stuhle, hin, nach Morgenländer-Art,
Und, zum Geschenk für mich, das unsre Freundschaft kröne,
Erbitte dir von ihm vier seiner Backenzähne
Und eine Hand voll Haar aus seinem grauen Bart.

68
Geh hin, und, wie gesagt, eh' du aufs Haar vollzogen
Was ich dir hier von Wort zu Wort gebot,
Ist deine Wiederkunft unmittelbarer Tod!
Wir bleiben übrigens in Gnaden dir gewogen.
Der Kaiser sprach's und schwieg. Allein wie uns dabey
Zu Muthe war, ist nothlos zu beschreiben.
Ein jeder sah, daß so gewogen bleiben
Nichts besser als ein Todesurtheil sey.

69
Ein dumpfes Murren begann im tiefen Sahl zu wittern.
Bey Sankt Georg! (sprach einer von den Rittern
Der auf der Lanzelot und Tristan rauher Bahn
Manch Abenteu'r mit Ehren abgethan)
Sonst pfleg' ich auch nicht leicht vor einem Ding zu zittern;
Setz' einer seinen Kopf, ich setz' ihm meinen dran:
Doch was der Kaiser da dem Hüon angesonnen
Hätt' auch, so brav er war, Herr Gawin nicht begonnen!

70
Was red' ich viel? Es war zu offenbar
Daß Karl durch dieß Gebot mir nach dem Leben trachte.
Doch, wie es kam, ob es Verzweiflung war,
Ob Ahnung, oder Trotz, was mich so tollkühn machte,
Genug, ich trat vor ihn und sprach mit Zuversicht:
Was du befohlen, Herr, kann meinen Muth nicht beugen.
Ich bin ein Frank! Unmöglich oder nicht,
Ich unternehm's, und seyd ihr alle Zeugen!

71
Und nun, kraft dieses Worts, mein guter Scherasmin,
Siehst du mich hier, nach Babylon zu reisen
Entschlossen. Willst du mir dahin
Den nächsten Weg aus diesen Bergen weisen,
So habe Dank; wo nicht, so mach' ich's wie ich kann.
Mein bester Herr, versetzt der Felsenmann,
Indem die Zähren ihm am Bart herunter beben,
Ihr ruft, wie aus dem Grab, mich in ein neues Leben!

72
Hier schwör' ich euch, und da, zum heil'gen Pfand,
Ist diese alte zwar doch nicht entnervte Hand,
Mit euch, dem theuren Sohn und Erben
Von meinem guten Herrn, zu leben und zu sterben.
Das Werk, wozu der Kaiser euch gesandt,
Ist schwer, doch ist damit auch Ehre zu erwerben!
Genug, ich führ' euch hin, und steh' euch festen Muths
Bis auf den letzten Tropfen Bluts.

73
Der junge Fürst, gerührt von solcher Treue,
Fällt dankbarlich dem Alten um den Hals.
Drauf legen sich die beiden auf die Streue,
Und Hüon schläft als wär' es Flaum. Und als
Der Tag erwacht, erwacht mit muntern Blicken
Der Ritter auch, schnallt seine Rüstung an,
Der Alte nimmt den Quersack auf den Rücken,
Den Knittel in die Hand, und wandert frisch voran.

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Christoph Martin Wieland · 8 piezas más en la casa
Dónde vive
La Biblioteca

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Expediente

Autor
Christoph Martin Wieland
Título
Erster Gesang
Lengua
alemán
Época
Romanticismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-erster-gesang--christoph-martin-wieland-c258fb
Cita recomendada
Christoph Martin Wieland, «Erster Gesang», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-erster-gesang--christoph-martin-wieland-c258fb.html

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