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Richard Dehmel · Vanguardias / s. XX

Eva und der Tod

alemán

Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen;
der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein
zum blauen Himmel auf wie Blütenpärchen.

Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing,
trieb Silberflocken von den hohen Ulmen
des langen Weges, den ich einsam ging.

Ich hörte noch, daß fern ein Schlitten schellte;
dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee.
Ich schritt und sann, und fühlte nichts von Kälte.

Denn gestern war mir ein geliebtes Wesen
nach heißer Seelennot und Leibesqualen
von einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen.

Und der das Kind von ihr entgegennahm,
empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe;
sie aber gab es mit zu später Scham.

Ich suchte tief nach trübem Dankesworte,
da sah ich fern am Ende meines Weges
auf einmal eine schwarze Gitterpforte.

Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern;
die waren überwipfelt von Cypressen.
Ihr starrer Wuchs bedrohte mich mit Schauern.

Und aus der Pforte traten schwarz und groß
und langsam nach einander sieben Männer;
die kamen langsam, schweigsam auf mich los.

Aus fremdem Lande schienen sie zu sein,
so lange Mäntel, breite weiße Kragen.
Und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein!

Denn aus der Pforte trat da noch ein achter,
der war ganz dürr und größer als die andern,
und stand und nickte, sacht, und immer sachter.

Und eisig lief es mir durch Blut und Bein:
die sieben wollen sich mein Liebstes holen.
Ich stand und bettelte und bebte: Nein!

Und seh durch Tränen, wie die schwarzen Schemen
den Sonnenschein verdunkeln und den Schnee,
und glaube fern ein Lachen zu vernehmen.

Und als ich mir die Augen mühsam reibe,
steht hoch ein nacktes Weib vor jenem Gitter,
mit schwarzem Haar und Blick und braunem Leibe.

Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann
und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen
und sieht mich fernher lebensselig an.

O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn!
Nur Einer hatte das wie ich empfunden:
der Trotzigste der Dichter: Liliencron!

Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen:
er bückt sich — widerwillig — er verschwindet —
zu ihren Füßen scheint der Schnee zu schmelzen.

Die ganze Landschaft schmilzt; das kleine Kind
schwimmt riesengroß aus sieben schwarzen Strudeln
und lacht — lacht — lacht mich aus. Was! War ich blind?

Ich selber lache! meine Wimpern tropfen;
die sieben sind ja nichts als Leichenträger,
die sonst Schuh sticken oder Hosen stopfen!

Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau
des Totengräbers, und ihr brauner Kittel
ist keine Haut, ich seh es ganz genau!

Du aber lebst mir, und der Himmel blaut,
und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen
trotz deines Sohns, du meine braune Braut!

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Autor
Richard Dehmel (1863–1920) · Wikidata Q76590
Título
Eva und der Tod
Lengua
alemán
Época
Vanguardias / s. XX
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-eva-und-der-tod--richard-dehmel-15524d
Cita recomendada
Richard Dehmel, «Eva und der Tod», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-eva-und-der-tod--richard-dehmel-15524d.html

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