1. Straßburger Münster
Der Ansicht aller Welt zum Trotz
steht dieser Turm und krönt — was? — einen Klotz.
Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst
als Voll-und-Höchstbeweis echt deutscher Kunst.
Er steht, wie ihn der alte Goethe sah,
noch heut höchst unvollendet da.
2. Rheinfall bei Schaffhausen
Blickst du ihn an, so wird dir wirr
von all dem stürzenden Flutgeirr.
Doch horch hinein, da steigt vom Grund
klar ein steter Einklang und
Aufklang.
3. Gotthard-Tunnel
Klänge im Eilzug
Über der Einfahrt grausen verquollen
eisige Gipfel durch Wolken herab.
Unter der Ausfahrt weisen die Schollen
finstrer Felsen zu nebelvollen
Schluchten und neuen Schachten hinab.
Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen
fühlst du dich immer dem Licht zurollen,
und so setzt dich endlich mit tollen
Sprüngen der Himmel ins Blaue ab.
4. Isola Bella
Das konnten wohl die seligen Inseln sein,
wenn’s nicht auch hier, wenn’s regnet, regnete.
Wie arme Sünder schaudern die Cypressen
vor ihrem Spiegelbild im trüben See;
und während sich des Himmels Gnade reichlich
auf sie und mich und übers Schiff ergießt,
steht, einem Engel ähnlich an Geduld,
mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend,
ein Doganiere neben mir und prüft
bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz.
5. Mailand
Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach,
die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren,
dann steige auf sein flaches Dach,
das neunundneunzig einzelne Türmchen zieren.
Das wird dich, Alles Marmor, wie ein Hain
kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren —
auf einmal siehst du fern im Sonnenschein
die Alpen — —
6. Certosa bei Pavia
Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit:
hinter der Prachtwand der Fassade
bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit
die Jungfraun Borgognones einst um Gnade.
Jetzt möcht ich in den leeren Klausen
mit dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen.
7. Genua
Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter
trägt sie bergan die meerentnommene Krone,
und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter
als je die kühnste Doria-Traumgallione.
8. Campo Santo in Pisa
Geisterhafter Bildertraum
dehnt den schmalen stillen Raum.
Sieh: das Viereck der Arkaden
strebt den Himmel einzuladen.
Horch: der Erde reinsten Hauch
opfert stumm ein Rosenstrauch
voller weißer Blüten.
9. Orvieto
Willst du den Tag der Auferstehung sehn,
den Signorelli sah? Komm, Seele: dort
staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten.
Bald werden um dies trotzige Felsennest
durchs weite Talfeld der Chiana unten
die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne
fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen
nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fährt
der Blitz dazwischen — o Erleuchtung — ja:
dort sah der Künstler, was er dann nur malte.
10. Campagna vor Rom
Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere,
als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen;
erwartungsvoll ist jede Form geschwungen,
die Hörner selbst der silbergrauen Stiere.
Denn dort am Horizont hebt einsam groß,
so einsam groß, daß auch die Berge nur
Mitglieder sind der staunenden Natur,
das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur:
die Peterskuppel Michelangelos.
11. Im Pantheon
Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen:
Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren.
Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse,
erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse.
Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte
saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte.
Kläglich miauend saß sie, begafft vom Fremdenstrom;
da hast du deine Göttin, modernes Rom!
12. In den Abruzzen
Endlich dem Bann der Museen entronnen,
fand ich Italien auf eigne Faust schön;
fand ohne Baedeker goldene Sonnen,
silberne Monde, in Tälern, auf Höhn.
Fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte,
spät eines Abends, im wilden Wald,
raubten sich Küsse, die haben geknallt:
~siamo felici nel cuor della notte~!
13. Pontinische Sümpfe
Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor
längs der langen Straße zur Nacht empor.
Längs der langen Straße, schwarz im Düstern,
ragen und raunen die hohen Rüstern.
Längs der langen Straße, wie aufgereiht
von einer zur andern Unendlichkeit,
raunen die Rüstern fiebertrunken:
dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken
längs der langen Straße ...
14. Neapel
„Neapel sehn und sterben“ — in der Tat:
dies Paradies des Pöbels ist zum sterben.
Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat,
liegt’s wie ein blendender Haufen Scherben
am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv,
den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf.
15. Pompeji: Haus des tragischen Dichters
Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst
lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod:
Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach,
sein Werk und Name verbrannten im Lavaschutt,
aber das Brautpaar seines Wandgemäldes
entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen,
wie’s Tausende Paare noch entdecken werden,
wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst
wieder in Lavaschutt versenkt sein wird.
16. Auf Capri
Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde
ist hier noch Raum für einige heitre Sünde.
Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte
ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte.
Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen
kann noch an mancher Klippe ganz verschwiegen
der Faun die Nymphe beim Schlafittchen kriegen.
17. Bergstraße von Amalfi nach Salerno
Europas reichste Damen
karriolen den Felsweg her,
hoch zwischen Himmel und Meer;
immerfort wechselt der Rahmen.
Großartig wechselt der Rahmen;
hoch zwischen Himmel und Meer
erwartet ein Bettlerheer
Europas reichste Damen.
18. Bahn nach Potenza
Und keiner ist verächtlich und schwach genug,
daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,
wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug
hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.
Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen,
Triumphbogen durch die Natur gezogen.
19. Valle del Basente
Straße und Brücke verfallen,
das steinige Flußbett trocken;
meine Schritte hallen
laut auf Trümmerbrocken.
Und erschüttert erbeben
verdorrte Uferbäume —
Land, wo ist dein Leben?
Volk, was träumst du für Träume?
20. Erster Klasse nach Brindisi
~Scusa, Signora e Monsignore!~
und ich nehme Platz im Coupé, con amore.
Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen,
die Dame strotzt von Juwelen und Spitzen.
Der Priester rückt in die äußerste Ecke,
die Dame bückt sich, und ich entdecke:
sie versteckt ein besudeltes Dingrichs.
21. Corfu
Also auch hier wühlen Hühner und Schweine
in verwahrlosten Gärten und Auen.
Aber wenn wir’s von ferne beschauen,
läutert der Lichtgeist alles Gemeine.
Weiter und weiter schreit’ich ins Reine,
und der Oliven verwilderte Haine
überrauschen das menschliche Grauen.
22. Pontikonisi
Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut,
Cypressen laden ein zur Himmelsreise.
Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise;
ein Glöckchen tönt, das Ruder ruht.
Wärst Du, Geliebte, nicht auf Erden,
ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden.
23. Bergweg bei Patras
Ein Schrei — fast stürzt mein Pferd — und aufgebäumt
ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt,
im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar,
und schreiend — oh, so schrie Medea einst,
als Jason sie aus Überdruß verließ —
reißt sich ein schönes griechisches Bauernmädchen
die türkische Jacke von den nackten Brüsten
— Papiergeld fliegt — und weg von ihr bergab
jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend,
ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops.
24. Olympia
Apollon, der die Tiermenschen bezwang,
jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt,
begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld
und spricht gen Sonnenuntergang:
Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf,
Faustkämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr,
noch aber übermannt euch seelenschwer
der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf.
25. Tempel bei Bassä
Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte
ob Steingeröll und niedern Krüppel-Eichen
und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen
den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen,
in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen
himmlischen Aufbegehrs der irdischen Kräfte,
doch rührender rings die tausend Nachtigallen,
die durchs Geläut der käuenden Ziegen schallen.
26. Burg und Stadt Karytäng
Schmettert, ihr Nachtigallenheere,
helft meine Kavalkade befeuern!
dort oben herrschte einst Ritterehre,
schuf Herzogskronen aus Abenteuern!
Aber die griechischen Rosse wollen
nur noch zur Futterkrippe trollen.
27. Herberge vor Tripoliza
Hier gibt es Alles: Wasser, Häcksel, Mist,
Strohsack und Wanzen — blos Laternen fehlen.
Schon aber geht ein frommer griechischer Christ
ein Licht aus der Dorfkirche stehlen.
28. Nauplia
Ein toter Esel fault im Straßengraben,
am Tor ein Hund.
Ein Stadtsoldat schleckt sich an Honigwaben
die Zunge wund.
Mit schmachtenden Blicken hockt ein Rudel Knaben
am Mauerwall. Und jedes Auge laben
unzählige wilde Blumen, märchenbunt.
29. Wiesen bei Argos
Das sind die Blumen aus dem Morgenland:
Sie leuchten aus der Ferne wie durch Schleier,
sie schimmern seidner als ein Festgewand,
sie duften reiner als die Braut dem Freier.
Sie scheinen in der Nähe dir bekannt;
es glimmt in ihren Kelchen wie ein Feuer,
das auch in Dir wohl einst, o einst gebrannt.
Du pflückst davon. Doch scheu und scheuer
stockt deine Hand:
du träumst die Blumen heim ins Morgenland.
30. Mykenä
Auf einmal schleppt mich Frau Historia
durch wüst Gerümpel und beginnt zu melden:
das Löwentor — die Burg — die Agora — —
Was? Hier, hier hausten die homerischen Helden?
Weg! In der Dichtung ists ein Göttersaal,
hier wirds zum Hottentottenkraal.
31. Akrokorinth
Stahlblau erfunkeln mir zwei Meere,
Waffen funkeln durch meine Gedanken,
wild sich kreuzend, alle die blanken
Klingen der Krieger, die dort versanken,
Griechen, Slawen, Türken, Franken,
Landeskinder und Söldnerheere —
funkeln — und um zerstürzte Paläste
von Strand zu Strand über Tempelreste
den Berg herauf zur verfallenden Feste
brandet Begeistrung und füllt das Leere.
32. Bei Salamis
Fischerlied
Ruhe dich, Schiffchen: hier werfen wir Netze.
Hier wurden vom Ahnherrn ertränkt die Barbaren.
Drum schenkt uns das Meer heut fetten Fisch —
ruhe dich, Schiffchen ...
Hundert Heilige wurden für uns gemartert.
Fremde Lords sind gestorben für unsre Freiheit.
Drum schenkt uns der Himmel heut weichen Wind —
ruhe dich, Schiffchen ...
33. Athen
Die Muse spricht: Narrt mich ein Fiebertraum?
Stellt nicht dort unten das Theater noch,
der Felswand angeschmiegt am heiligen Abhang,
traut wie ein Schwalbennest, den Weltkreis vor?
Was sucht der Herr da, der den Staub beriecht,
wo einst der Feldherr saß, der Opferpriester?
Und hier, wo ehmals steilgestreifte Säulen,
schwarz wie der Styx, rot wie geronnen Blut,
dem blauen Äther, der sie bleichte, trotzten,
hier steht gar einer und studiert den Schutt?
O Wunder, daß noch Meer und Himmel leuchten!
34. Fahrt zum Parnassos
Vom Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt,
verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei?
so weiß! — was träumte mir? — ein Gipfel — drei —
ein Kranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei —
so weiß strahlt nur der ewige Schnee — so frei —
+Ist’s+ der Parnaß?! — Flieh, schwüle Träumerei!
Hinauf! dort oben ist es kalt.
35. Delphi
Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch,
da laß uns still vorübergleiten.
Mir deucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten
an dem Orakel in uns selbst genug.
36. Zwischen Leukas und Ithaka
Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not
Odysseus seinem treuen Weib entgegen.
Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod
Sapphos zerbrochner Leib der Nacht entgegen.
Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot
mein Herz, Geliebte, +Dir+ entgegen.
37. Albanische Küste
Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden
Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte,
wie durch geschliffnen Stein sich vorwärts schneiden,
so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte.
Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden
Kielseiten ferne Höhenzüge scheiden;
da schwimmen sie wie sagenhafte satte
Seekühe, die sich an der Bläue weiden.
38. Hafen von Ancona
Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind,
der sanften Gruß bringt von der Abendsonne,
ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind.
Er fragt ein Heiligtum, worob es sinnt,
einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne,
und alle Glocken künden voller Wonne:
In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind.
39. Assisi
Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt;
im öffentlichen Garten rasten wir,
und mancher blickt dem heiligen Dichter gleich
beseligt auf zum lieben Bruder Himmel.
Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land,
durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelt.
Am Rand des Gartenberges die Cypressen
stehn wie erstarrte schwarze Flammen da,
und plötzlich regt sich eine wie entsetzt
vor dieses Himmels bleiglutblauer Last.
40. Perugia
Sei gesegnet, ruhiger Ort!
Frommer Ahnen Meistergilde
schuf aus rauhem Felsgebilde
für die Enkel dies Gefilde;
kannst du zürnen, Gott der Milde,
wenn sie nun ins Ewige fort
unter den Akazien wandeln,
nur noch schauen, nicht mehr handeln?!
41. Am Trasimenischen See
Was wohl die Unken klagen
dort um das alte Kastell?
Daß da mal Römer lagen
von Hannibal erschlagen?
Daß da den Troubadouren
von denen adligen Huren
vertrommelt ward das Fell?
Man muß nicht immer fragen,
um was die Unken klagen;
die Frösche lachen hell.
42. Florenz
Du Allerschönste, Liebling aller Welt,
einst manchem Herrn, jetzt jedem Gaffer feil,
und immer noch von Zier und Reiz geschwellt,
so lehnst du stolz auf hehrem Ruhebett,
dein Haupt wie eines Turmes Zinne steil,
dein Schooß wie offne Rosen lebensfroh,
und gar den Busen schmückt als Amulett
die heilige Kunst des Fra Angelico.
43. Ravenna
Ravenna! rief die Inbrunst: gib mir Raum!
was brütest du auf Gräbern Tag und Nacht?
Und Grüfte wölbten sich zu Farbenhimmeln,
in denen tausend Malerseelen träumen,
und über denen Dante wacht.
44. Venedig: Punta della Salute
Hier möcht ich sterben, alt, wie Tizian starb,
doch in verhängter Gondel und allein.
Durch einen Spalt nur glühn im Abendschein
verwitterte Paläste glorienfarb.
Schlaftrunken schaut die Wasserfläche drein
und haucht mir eine Seelenruhe ein,
die niemals um ein ewiges Dasein warb.
So möcht ich sterben ... aber leben: nein!
45. Verona
Auf des Amphitheaters höchstem Rand
ruht nach vollbrachtem Tagewerk ein Kerl,
die braune Stirn noch voller Schweißgeperl,
und läßt sich trocken glühn vom Sonnenbrand.
Ein simpler Steinmetz, der wohl kaum verstand,
wozu sein Flickwerk an dem alten Loch,
und hat wie Herkules geschuftet doch;
jetzt aber faullenzt er ob Stadt und Land,
als sei kein Gott so frei wie Er vom Joch.
46. Wanderstraße am Etsch
Arbeitsleute schreiten vor mir schwer,
immer schwerer dröhnt bergan ihr Schritt:
aus der Ferne graut die Fremde her.
Pfeifend halt ich ihnen gleichen Tritt,
Strom und Straße schweigen immer mehr:
aus der Ferne blaut die Heimat her —
und auf einmal pfeifen alle mit.
47. Sirmione am Gardasee
~Avanti!~ — Heiter wie des Südens Luft
soll dich mein Abschiedsgruß, du liebliche
Halbinsel, die Catull besang, umwehn.
Hell greifst du durch den blauen See nach Norden,
gleich einer gastlich hingestreckten Hand
gefüllt mit Veilchen, Immergrün und Frucht.
Doch daß auch ernster Schmuck dir wohlsteht, zeigt
gleich einer Spange am Gelenk das düstre
Kastell, von dessen Söller mich der Ruhm
des jungen Bonaparte grüßt — ~Avanti!~
48. Hochfeiler am Brennerpaß
Heiß auf kalter Höhe mach ich Rast,
von den Gletschern kommt ein leichter Hauch,
kommt und geht, und lichter Rauch
wird mir all die fremde Last,
von der Völkerstraße her die Hast,
und die Sehnsucht nach der Heimat auch.
49. Innsbruck
Die Berge glänzen klar im Kreis,
die Luft im Tal ist menschenheiß.
Ich trete in den alten Dom,
ich atme tief den Dämmerstrom.
Erzbilder schimmern durch den Raum,
ich träume einen Himmelstraum;
und langsam neigen sich die Stirnen
der ehernen Ritter vor den fernen Firnen.
50. Konstanz
Im offnen Garten ist Konzert am See,
der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;
tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,
hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,
schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;
und immer noch Konzert, Konzert am See —
o Beethoven, wozu der Lärm?! —
51. Spezgart bei Überlingen
Von Schlucht und Halde weichen Morgenschleier,
die Erde dampft der Sonne ihren Dank.
Hier trieben wir, Geliebte, Frühlingsfeier;
es herzte Trieb an Trieb sich frei und freier,
bis über unsre Abschiedsfeier
der pfirsichblütne Abend sank.
Nun sind die Früchte reif zum Willkommtrank.
52. Stein am Rhein
Klosterfrieden, Weltbehagen,
lacht hier noch Italiens Glanz?
Buntbemalte Giebel tragen
frei Boccaccios Fabelkranz.
Stromschnell naht das heimatstete
Schiff, mit Gästen angefüllt.
Wenn doch jetzt Gesang herwehte!
Da: weiß Gott, man singt — man brüllt
die „Wacht am Rhein“ ...
53. Triberg im Schwarzwald
Stimme der Heimkehr
Urweltsprache dröhnt im Wasserfall,
läßt kein Menschenwort herdringen;
was denn hör ich durch den Schwall
doch wie Muttersprache klingen? —
Nicht ein Vogelstimmchen hallt,
nur die alten Wipfel schwingen;
Welt, ich fühle wieder deutschen Wald,
höre deutsche Quellen singen! —
54. Heidelberg
Das alte Schloß ... Man zankt sich wohlgesinnt
im Akademischen Kulturverein:
Ist’s zu erneuern? — wie! — halb? ganz? — ja! nein!
Der will das „Wesen“ wahren, Der den „Schein“,
Jeder lügt Leben in den toten Stein
und schilt die Andern wahrheitsblind.
Ich sehne mich nach einem Menschenkind,
das garnichts will als ganz natürlich sein.
55. Bingen am Rhein
Du kleine Stadt am Strom, mir weltengroß,
dir dank ich meine Mutter, dir das Weib,
das mir so lieb ist wie mein eigner Leib,
ich williger Pilgersmann von Schooß zu Schooß.
Du Strom, du großer, spiegelst du mein Los?
du kleine Welle, meinen Weltverbleib?
Eilt nicht auch ihr mit Seel und Leib
von Schooß zu Schooß,
von Bergesschooß zu Meeresschooß?! —