Chor der Greise:
Wenn der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist,
sein zerfurchtes Gesicht
vor der Allmacht der Menschheit beugt,
nur noch vor der Menschheit:
dann wird seine Seele wie ein Kind,
das im Dunkeln mit geschlossenen Augen
an die Märchen der Mutter denkt.
Alle Sterne
werden dann sein Spielzeug;
durch das wilde Feuerwerk der Welt
kreist er furchtlos mit den unsichtbaren
mütterlichen Flügeln,
sieht er innig und verwundert zu,
wie das Leben
aus der Werkstatt des Todes sprüht.
Denn nicht über sich,
denn nicht außer sich,
nur noch in sich
sucht die Allmacht der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Jungfrau:
Aber wenn auf Frühlingswegen
durch den scheinbar dürren Hain
alle Kräuter mir entgegen
wachsen, wenn im Sonnenschein
jedes Auge Osterkerzen
aus sich ausstrahlt, Mensch und Tier,
und mir geht das so zu Herzen,
daß mich meine Brüste schmerzen:
dann gerat ich außer mir!
und ich werf mich zum Erbarmen
in den rauhen Rasen hin,
und ich möchte das Schicksal umarmen,
dem ich doch gewachsen bin!
Chor der Väter:
Eine wandelnde Wage
ist der Mensch.
Mit Haupt, Herz, Händen
wägt er sein Wohl;
nur mit der Rechten gibt er den Ausschlag,
und seine Zunge schreit nach Gleichgewicht.
Fass festen Fuß,
du hast die Macht der Wahl!
Es kommen Viele
vor Sehnsucht nie zum Ziel;
gern bis zum Äußersten geht der Mensch
in seiner Ohnmacht, und Tat wird Untat.
Doch immer treibt ihn
die Sehnsucht nach Ruhe:
rastlos rast er von Brust zu Brust,
Schooß zu Schooß,
und sucht nichts als den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Ein Held:
Kommt mir nicht mit Euerm Treiben,
ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl!
ich habe nur dies mein Herz im Leibe,
das von jeher überschwoll.
Ich hatte Freunde, ich gab Gelage,
und manches Weib war mir zu Sinn;
aber an einem Sommertage
zeigte sich mit Einem Schlage,
wozu Ich gewachsen bin.
Das Spiel der Hörner und der Geigen
verstummte plötzlich wüst und irr:
mitten durch den Erntereigen
kam ein losgerissener Stier.
Und da riß mich mein Herz vom Platze,
und man griff nach mir vor Schreck;
aber mit Einem Satze
schlug ich dem Freund in die Fratze,
stieß ich das Weibsbild weg!
Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen
bahnfrei auf meinem Stier dahin,
bis ich dem Schicksal erliege,
dem ich gewachsen bin.
Chor der Mütter:
Mit Schweiß und Tränen
und manchem Tropfen Blut
setzen wir Kinder auf diese Erde
und lehren sie Vorsicht
und üben Nachsicht,
bis sie sich selbst mehr lieben als uns.
Und Schweiß und Tränen
und Ströme von Blut
vergießen die Kinder dieser Erde
vor lauter Vorsicht
und lehren Nachsicht
und lernen nie, was Liebe ist.
Denn Schweiß und Tränen
und alles Blut
vergessen wir entzückt, wenn Einer,
den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt,
über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht,
ohne Nachsicht,
über sich und Andre hin.
Jeder Lehre zuwider,
nur dem Leben zu Liebe,
rühmen wir Kindern und Kindeskindern
opferselig den Einen,
schöpferselig den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Waise:
Ich kenne Keinen,
der mich will leben sehn:
ich möchte weinen,
aber um wen!
Bald kommt der Herbst mit seinen Stürmen,
die Blätter schwirren;
wo werd’ich irren,
wenn sie den winzigsten Gewürmen
Heimstätten türmen?
Wohl stehn mir Hütten,
Paläste offen;
aber ich möchte mein Herz ausschütten,
Einem ins Herz zu wachsen hoffen,
und dann stehn die Menschen betroffen.
Könnt ich noch weinen,
wäre mir wohl zu Sinn;
ich kenne Keinen,
dem ich gewachsen bin.
Zwei erfahrene Sonderlinge:
Wenn uns Hilferufe schmerzen,
können wir nicht abseits bleiben;
eins und gleich ist unsern Herzen,
was uns treibt und was wir treiben.
Sei getrost!
Der eine allein:
Komm an meinen stillen See,
wenn die Menschen dich nicht wollen.
Der andre allein:
Komm auf meinen wilden Strom!
sieh, wie hell die Wellen rollen!
Der Eine:
Aber unten ist es dunkel;
komm an meinen stillen See!
Bis zum Grunde welch Gefunkel,
wenn die Sonne taucht ins Feuchte;
und in Nächten welch Geleuchte,
Welten flimmern auf wie Schnee!
Kannst du dich denn noch besinnen,
wenn dir alle Himmel winken?
wenn sie dir zu Füßen sinken
und dich spiegeln und dich trinken!
Lächelnd gehst du unter drinnen.
Der Andre:
O, du kannst dich noch besinnen;
aber komm auf meinen Strom!
Da rauscht und raunt der Urton drinnen,
dem Wellen, Wolken, Wälder, Zinnen,
Berge und Burgen entgegenrinnen,
und orgelstürmisch Dom auf Dom:
der Ton des Ursprungs aller Ziele,
der Tropfenstürze um dich her,
des Abgrunds unter deinem Kiele —
Und so gehst du mit klingendem Spiele
lachend auf ins große Meer!
Die Waise:
Auf —! Ach —: weise — lieb und weise
lachen sie mich Beide an.
Ach, wem dank ich für die Reise?
Bin ich doch nur +eine+ Waise,
die sich nicht zerreißen kann!
Die zwei Sonderlinge:
Hahahah, du liebes Kind!
Ohne Einfalt ist am Ende
alle Weisheit taub und blind.
Komm: vereine unsre Hände —
Die drei Einigen:
die dem Schicksal gewachsen sind!
Der Held:
Wenn ich Euch in Eintracht sehe,
wird mir plötzlich kalt und heiß;
durch mein Herz brandet ein Wehe,
das sich nicht zu lassen weiß.
Holt mir jene Jungfrau vom Wege,
der das Land zu eng war hier!
Schwillt mir Deren Herz entgegen,
will ich sie an Mein Herz legen,
und ich +schlacht+ ihr meinen Stier!
Und wir steigen zu Schiff und lenken
uns durch Wetter und Wasser und Wind;
und sie soll mir Kinder schenken,
die dem Schicksal gewachsen sind!
Chor der Kinder:
Dann wird ein Winter kommen,
friert alles Wasser zu:
da haben alle Wellen,
alle Schifflein Ruh.
Und ein stiller Weihnachtsengel
geht von Haus zu Haus,
hebt seine weißen Finger,
dreht alle Lampen aus ...
Bringt ein grünes Bäumchen mit,
steckt neue Lichter auf;
das glänzt wie Frühlingsblütennacht,
und sind auch Früchte drauf.
Du stiller Weihnachtsengel,
mach uns geschickt wie Du!
wir sind ja noch so klein, so klein,
und wachsen immer zu ...
Die Greise:
— +immer zu+ — —
Alle Großen:
Seele der Menschheit,
immer wieder
rührst du uns aus Kindermund.
Die du alle Tiere in dir trägst
und den Blumen ihre Farben sagst
und mit jauchzenden Jammerlauten,
daß sich Steine verwandeln,
Götter gebärst:
Warum suchen wir Dich,
die du +in+ uns bist,
uns in alle Welten schickst,
uns mit Übergewalten,
die den weisesten Mann empören,
zu Kindern machst,
die sich fromm in Alles schicken,
Alles, Alles,
die dem +Schicksal+ gewachsen sind?! —