1
Am fünften, da ihr Weg sich durch Gebirge stahl,
Auf einmahl sehen sie in einem engen Thal
Viel reiche Zelten aufgeschlagen,
Und Ritter, mehr als zwanzig an der Zahl,
Die gruppenweise umher in Palmenschatten lagen.
Sie ruhten, wie es schien, nach ihrem Mittagsmahl:
Indessen Helm' und Speer' an niedern Ästen hingen,
Und ihre Pferde frey im Grase weiden gingen.
2
Kaum wird die ritterliche Schaar
Der beiden Reisigen noch auf der Höh' gewahr,
So raffen alle von der Erde
Sich eilends auf aus ihrer Mittagsruh,
Als ob zum Kampf geblasen werde.
Das ganze Thal wird reg' in einem Nu,
Man zittert hin und her, man läuft den Waffen zu,
Die Ritter rüsten sich, die Knappen ihre Pferde.
3
Laß sehen, spricht mein Held zu Scherasmin,
Was diese Ritterschaft, die dem Verdauungswerke
So friedlich obzuliegen schien,
In solche Unruh setzt.—Wir selber, wie ich merke,
Erwiedert jener; seyd auf eurer Hut.
Sie kommen uns in halbem Mond entgegen.
Herr Hüon zieht mit kaltem Blut den Degen,
Freund, spricht er, der ist mir für allen Schaden gut.
4
Indem tritt aus dem Kreis, in seinem Wehrgeschmeide,
Ein feiner Mann hervor, grüßt höflich unsre beide,
Und bittet um Gehör. Mit Gunst, Herr Paladin!
Ein jeder, spricht er, ist hier angehalten worden,
Wer noch von unserm Stand und Orden
Seit einem halben Jahr in diesem Thal erschien.
Nun steht's in eurer Wahl, ein Speerchen hier zu brechen,
Wo nicht, sogleich zu thun, warum wir euch besprechen.
5
Und was? fragt Hüon züchtiglich.
Nicht weit von hier, spricht jener, mästet sich
In einer festen Burg der Riese Angulaffer;
Ein arger Christenfeind, ein wahrer Wütherich,
Auf schöne Frau'n erpichter als ein Kaffer,
Und, was das schlimmste ist, fest gegen Hieb und Stich,
Kraft eines Rings, den er dem Zwerg genommen,
Aus dessen Park die Herren hergekommen.
6
Mein Herr, ich bin ein Prinz vom Berge Libanon.
Ich hatte mich dem Dienst der schönsten aller Schönen
Drey Jahre sonder Minnelohn
Verdingt, bevor sie sich so viele Treu' zu krönen
Erbitten ließ: und wie ich nun als Bräutigam
Ihr eben itzt den Gürtel lösen wollte,
Da kam der Wehrwolf, nahm sie untern Arm und trollte
Vor meinen Augen weg mit meinem holden Lamm.
7
Fast sieben Monden sind verflossen,
Seit ich zu ihrem Heil mein äußerstes versucht:
Allein der Eisenthurm, worein er sie verschlossen,
Wehrt mir den Zugang, ihr die Flucht.
Das Einz'ge, was von Amors süßer Frucht
Ich in der langen Zeit genossen,
War, Tage lang von fern auf einem Baum zu lauern,
Und hinzusehn nach den verhaßten Mauern.
8
Zuweilen däuchte mich sogar
Ich sehe sie, in los gebundnem Haar,
Am Fenster stehn, mit aufgehobnen Armen,
Als flehte sie zum Himmel um Erbarmen.
Mir fuhr ein Dolch ins Herz. Und die Verzweiflung nun
Trieb mich, seit jenem Tag, aus bloßer Noth zu thun
Was ihr erfahren habt, wie alle diese Streiter:
Kurz, ungefochten, Herr, kommt hier kein Ritter weiter.
9
Gelingt es euch, was keinem noch gelang,
Aus meinem Sattel mich zu heben,
So seyd ihr frey und reiset ohne Zwang
Wohin ihr wollt: wo nicht, so müßt ihr euch ergeben,
Wie diese Herren hier, mir zu Gebot zu stehn,
Und keinen Schritt von hier zu gehn,
Bis wir das Abenteu'r bestanden
Und meine Braut erlöst aus Angulaffers Banden.
10
Doch, wenn ihr etwa lieber schwört
In seinen Eisenthurm geraden Wegs zu dringen,
Und meine Angela allein zurück zu bringen,
So habt ihr freye Wahl, und seyd noch Dankes werth.
Prinz, sprach der Paladin, was braucht's hier erst zu kiesen?
Genug, daß ihr die Ehre mir erwiesen!
Kommt, einen Ritt mit euch und eurer ganzen Zahl,
Vom übrigen ein andermahl!
11
Der schöne Ritter stutzt, doch läßt er sich's gefallen:
Sie reiten, die Trompeten schallen,
Und, kurz, Herr Hüon legt mit einem derben Stoß
Den Prinzen Libanons gar unsanft auf den Schooß
Der guten alten Mutter Erde.
Drauf kommen nach der Reih' die edeln Knechte dran;
Und als er ihnen so wie ihrem Herrn gethan,
Hebt er sie wieder auf mit höflicher Geberde.
12
Bey Gott, Herr Ritter, (spricht, indem er zu ihm hinkt,
Der Cedernprinz) ihr seyd ein scharfer Stecher!
Doch Basta! eure Hand! Kommt, weil der Abend winkt,
Zum brüderlichen Mahl und zum Versöhnungsbecher.
Herr Hüon nimmt den Antrag dankbar an:
Drey Stunden flogen weg mit Trinken und mit Scherzen;
Und, wie die Ritter ihn so schön und höflich sahn,
Verziehn sie ihm ihr Rippenweh von Herzen.
13
Itzt, spricht er, liebe Herr'n und Freunde, da ich euch
Was mein war ehrlich abgewonnen,
Itzt, sollt ihr wissen, geht's geraden Weges gleich
Dem Riesen zu. Ich war's vorhin gesonnen,
Und thu' es nun mit desto größ'rer Lust,
Weil einem Biedermann ein Dienst damit geschiehet.
Drauf dankt er daß sie sich so viel mit ihm bemühet,
Und drückt der Reihe nach sie all' an seine Brust.
14
Und als sie ihm zur Burg des ungeschlachten Riesen
Durch einen Föhrenwald den nächsten Weg gewiesen,
Entläßt er sie, mit der Versicherung,
Sie sollten bald von ihrer Dame hören.
Lebt wohl, ihr Herr'n!—"Viel Glücks!"—Und nun in vollem Sprung
Zum Wald hinaus. Kaum röthete die Föhren
Die Morgensonn', als ihm im blachen Feld
Ein ungeheurer Thurm sich vor die Augen stellt.
15
Aus Eisen schien das ganze Werk gegossen,
Und ringsum war's so fest verschlossen,
Daß nur ein Pförtchen, kaum zwey Fuß breit, offen stand;
Und vor dem Pförtchen stehn, mit Flegeln in der Hand,
Zwey hochgewaltige metallene Kolossen,
Durch Zauberey belebt, und dreschen unverdrossen
So hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag
Sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag.
16
Der Paladin bleibt eine Weile stehen;
Und, wie er überlegt was anzufangen sey,
Läßt eine Jungfrau sich an einem Fenster sehen,
Und winkt gar züchtiglich ihn mit der Hand herbey.
Ey ja! ruft Scherasmin, die Jungfer hat gut winken!
Ihr werdet doch kein solcher Waghals seyn?
Seht ihr die Schweizer nicht zur Rechten und zur Linken?
Da kommt von euch kein Knochen ganz hinein!
17
Doch Hüon hielt getreu an seiner Ordensregel,
Dem Satan selber nicht den Rücken zuzudrehn.
Hier, denkt er, ist kein Rath als mitten durch die Flegel
Geradezu aufs Pförtchen los zu gehn.
Den Degen hoch, die Augen zugeschlossen,
Stürzt er hinein; und, wohl ihm! ihn verführt
Sein Glaube nicht; die ehernen Kolossen
Stehn regungslos, so bald er sie berührt.
18
Kaum ist der Held hinein gegangen,
Indessen Scherasmin im Hof die Pferde hält,
So eilt die schöne Magd den Ritter zu empfangen;
Mit schwarzen Haaren, die ihr am Rücken niederhangen,
In weißem Atlaßrock, der bis zur Erde fällt,
Und den am leicht bedeckten Busen
Ein goldnes Band zusammen hält,
Das zierlichste Modell zu Grazien oder Musen!
19
Was für ein Engel, (spricht, indem sie seine Hand
Nur kaum berührt, das Mädchen süß erröthend)
Was für ein Engel, Herr, hat euch mir zugesandt?
Ich stand am Fenster just, zur heil'gen Jungfrau betend,
Als ihr erschient. Gewiß hat Sie's gethan,
Und als von Ihr geschickt nimmt Angela euch an.
Von ihr, die schon so oft sich meiner angenommen,
Zu Hülfe mir gesandt, seyd tausendmahl willkommen!
20
Nur laßt uns nicht verziehn; denn jeder Augenblick
Ist mir verhaßt, den wir in diesem Kerker weilen.
Ich komme nicht, spricht Hüon, so zu eilen:
Wo ist der Ries'?—O der, versetzt sie, liegt, zum Glück,
In tiefem Schlaf, und wohl, daß ihr ihn so getroffen;
Denn, ist er wieder auferweckt,
Vergebens würdet ihr ihm obzusiegen hoffen,
So lang' der Zauberring an seinem Finger steckt.
21
Doch diesen Ring ihm sicher abzunehmen
Ist's noch gerade Zeit. "Wie so?"—Der tiefe Schlaf,
Der täglich drey—bis viermahl ihn zu lähmen
Und zu betäuben pflegt, ist kein gemeiner Schlaf.
Ich will euch, weil noch wohl zwey ganze Stunden fehlen
Bis er erwacht, die Sache kurz erzählen.
Mein Vater, Balazin von Frygien genannt,
Ist Herr von Jericho im Palästinerland.
22
Beynah vier Jahre sind's, seit mich Alexis liebte,
Der schönste Prinz vom Berge Libanon;
Und wenn ich ihn durch Sprödethun betrübte,
So wußte, glaubet mir, mein Herz kein Wort davon:
Es fiel mir schwer genug! Doch, in den ersten Wochen
Hatt' ich's der heiligen Alexia versprochen,
Nur, wenn der Prinz drey Jahre keusch und rein
Mir diente, anders nicht, die Seinige zu seyn.
23
Ganz heimlich ward er mir mit jedem Tage lieber;
Die Prüfungszeit war lang, allein sie ging vorüber;
Ich ward ihm angetraut,—und kurz, schon sahen wir
Ins Brautgemach zusammen uns verschlossen:
Auf einmahl flog im Sturm die Kammerthür
Erdonnernd auf, der Riese kam geschossen,
Ergriff mich, floh, und sieben Monden schier
Sind, seit mich dieser Thurm gefangen hält, verflossen.
24
Zu wissen, ob der Ries' es mir so leicht gemacht
Ihm Stürme ohne Zahl beständig abzuschlagen,
Müßt ihr ihn selber sehn. Mein Herr, was soll ich sagen?
Stets angefochten, stets den Sieg davon zu tragen,
Ist schwer. Einst, da er mich in einer Mondscheinsnacht
(Noch schaudert's mich!) aufs äußerste gebracht,
Fiel ich auf meine Knie, rief mit gerungnen Händen
Die Mutter Gottes an, mir Hülfe zuzusenden.
25
Die holde Himmelskönigin
Erhörte mich, die Jungfrau voller Gnaden.
Getroffen wie vom Blitz sank der Verruchet hin,
Und lag, ohnmächtig mir zu schaden,
Sechs ganzer Stunden lang. So oft, seit dieser Zeit,
Er den verhaßten Kampf erneut,
Erneut das Wunder sich; stracks muß sein Trotz sich legen,
Und nichts vermag sein Zauberring dagegen.
26
Dieß war erst heute noch der Fall; und nach Verlauf
Der sechsten Stunde (vier sind schon davon verloffen)
Steht er zu neuem Leben auf,
So frisch und stark, als hätt' ihn nichts betroffen.
Des Ringes Werk ist dieß. So lang' ihn der beschützt,
Kann ihm am Leben nichts geschehen.
Ihr glaubt nicht was der Ring für Tugenden besitzt!
Allein, was hält euch, selbst das alles anzusehen?
27
Nun ging's dem Ritter just wie euch.
Er hatte sich, nach Angulaffers Nahmen,
Ein Unthier vorgestellt aus Titans rohem Samen,
Den wilden Erdensöhnen gleich,
Die einst, den Göttersitz zu stürmen,
Den hohen Pelion zusammt den Wurzeln aus
Der Erde rissen, um ihn dem Ossa aufzuthürmen:
Nun ward ein Mann von sieben Fuß daraus.
28
Habt ihr das Götterwerk von Glykon je gesehen,
Den großen Sohn der langen Wundernacht,
Im Urbild, oder nur in Gypse nachgemacht,
So denkt, ihr seht den Mann leibhaftig vor euch stehen,
Der in der schönen Mondscheinsnacht
Die arme Angela aufs äußerste gebracht.
Ihn hätte, wie er lag, von unsern neuern Alten
Der Schlauste für ein Bild vom Herkules gehalten;
29
Für einen Herkules in Ruh,
Als er dem Augias den Marmorstall gemistet;
So breit geschultert, hoch gebrüstet
Lag Angulaffer da; auch traf die Kleidung zu.
Der Ritter stutzt: denn in den Alterthümern
Lag seine Stärke nicht; und so, vorm keuschen Blick
Des Tages, im Kostum der Heldenzeit zu schimmern,
Däucht ihm ein wahres Heidenstück.
30
Nun, flüstert ihm die Jungfrau, edler Ritter,
Was zögert ihr? Er schläft. Den Ring, und einen Hieb,
So ist's gethan!—"Dazu ist mir mein Ruhm zu lieb.
Ein Feind, der schlafend liegt, und nackter als ein Splitter,
Schläft sicher neben mir: erst wecken will ich ihn."
So macht euch wenigstens zuvor des Ringes Meister,
Spricht sie. Der Ritter naht, den Reif ihm abzuziehn,
Und macht, unwissend, sich zum Oberherrn der Geister.
31
Der Ring hat, außer mancher Kraft
Die Hüon noch nicht kennt, auch diese Eigenschaft,
An jeden Finger stracks sich biegsam anzufügen;
Klein oder groß, er wird sich dehnen oder schmiegen
Wie's nöthig ist. Der Paladin begafft
Den wundervollen Reif mit schauerlichem Vergnügen,
Faßt drauf des Riesen Arm, und schüttelt ihn mit Macht
So lang' und stark, bis er zuletzt erwacht.
32
Kaum fängt der Riese sich zu regen an, so fliehet
Die Tochter Balazins mit einem lauten Schrey.
Herr Hüon, seinem Muth und Ritterstande treu,
Bleibt ruhig stehn. Wie ihn der Heide siehet,
Schreyt er ihn grimmig an: Wer bist du, kleiner Wicht,
Der meinen Morgenschlaf so tollkühn unterbricht?
Dein Köpfchen muß, weil du's von freyen Stücken
Mir vor die Füße legst, dich unerträglich jücken?
33
Steh auf und waffne dich, versetzt der Paladin,
Dann, Prahler, soll mein Schwert dir Antwort geben!
Der Himmel sendet mich zur Strafe dich zu ziehn;
Das Ende naht von deinem Sündenleben.
Der Riese, da er ihn so reden hört, erschrickt
Indem er seinen Ring an Hüons Hand erblickt.
Geh, spricht er, eh' mein Blut beginnt zu sieden,
Gieb mir den Ring zurück und ziehe hin in Frieden.
34
Ich nahm dir nur was du gestohlen ab,
Und dem er angehört werd' ich ihn wieder geben,
Spricht Hüon; ich verschmäh' ein so geschenktes Leben;
Steh' auf und rüste dich, und komm mit mir herab!
"Du hättest mich im Schlaf ermorden können,
Versetzt der Reck' in immer sanfterm Muth;
Du bist ein Biedermann; mich dau'rt dein junges Blut;
Gieb mir den Ring, den Kopf will ich dir gönnen."
35
Feigherziger, ruft Hüon, schäme dich!
Vergebens bettelst du! Stirb, oder, wenn du Leben
Verdienst, verdien' es ritterlich!
Jetzt springt der Unhold auf, daß selbst die Mauern beben;
Sein Auge flammet wie der offne Höllenschlund,
Die Nase schnaubt, Dampf fährt aus seinem Mund;
Er eilt hinweg den Panzer anzulegen,
Der undurchdringlich ist selbst einem Zauberdegen.
36
Der Ritter steigt herab, und ungesäumt erscheint
Ganz in verlupptem Stahl sein trotzig sichrer Feind,
Der in der Wuth vergaß, daß vor des Ringes Blitzen
Ihn keine Zauberwaffen schützen.
Allein der erste Stoß, den Hüons gutes Schwert
Auf seinen Harnisch führt, giebt ihm die Todeswunde;
Das Blut schießt wie ein Strom den Hals empor, und sperrt
Des Athems Weg in seinem weiten Schlunde.
37
Er fällt, wie auf der Stirn des Taurus eine Fichte
Im Donner stürzt; der Thurm, das Feld umher
Erbebt von seinem Fall; er fühlt sich selbst nicht mehr,
Sein starrend Auge schließt auf ewig sich dem Lichte,
Und den verruchten Geist, von Frevelthaten schwer,
Schon schleppen Teufel ihn zum schrecklichen Gerichte.
Der Sieger wischt vom blutbefleckten Stahl
Das schwarze Gift, und eilt zur Jungfrau in den Sahl.
38
Heil euch, mein edler Herr! ihr habt mich wohl gerochen,
Ruft Angela, indem sie sich entzückt
Zu seinen Füßen wirft, so bald sie ihn erblickt:
Und dir, die ihn zum Retter mir geschickt,
O Himmelskönigin, sey es hiermit versprochen,
Der erste Sohn, mit dem ich in die Wochen
Einst komme, werd', in klarem dichtem Gold,
So schwer er ist, zum Opfer dir gezollt!
39
Herr Hüon, als er sie gar ehrbar aufgehoben,
Erwiedert ihren Dank mit aller Höflichkeit
Der guten alten Ritterzeit,
Die zwar so fein, wie unsre, nicht gewoben,
Doch desto derber war, und besser Farbe hielt.
Des Ritters große Pflicht war Jungfrau'n zu beschützen,
Und, wenn sein Herz sich gleich unangemuthet fühlt,
Auf jeden Ruf sein Blut für jede zu verspritzen.
40
Die Dame hatte noch nicht Zeit und Ruh genug
Gehabt, den jungen Mann genauer zu erwägen;
Itzt, da sie ihn erbat die Waffen abzulegen,
Itzt hätte sie sich gleich mehr Augen wünschen mögen
Als Junons Pfau in seinem Schweife trug,
So sehr däucht ihr der Ritter, Zug für Zug,
Von Kopf zu Fuß, an Bildung und Geberden,
An Großheit und an Reitz, der erste Mann auf Erden.
41
Nicht, daß sie just mit jemand ihn verglich
Der zwischen ihm und ihrem Herzen stünde;
Ganz arglos überließ sie ihren Augen sich,
Und bloßes Sehn ist freylich keine Sünde.
Kein Skrupel störte sie in dieser Augenlust,
So sanft spielt noch um ihre junge Brust
Der süße Trug; denn, was sie sicher machte
War, daß ihr Herz nicht an Alexis dachte.
42
Ein Glück für dich, unschuldige Angela,
Daß keiner deiner Blick' in Hüons Busen Zunder
Zum Fangen fand. Und freylich war's kein Wunder:
Denn, kam ihr auch, wie dann und wann geschah,
Der seinige auf halbem Weg entgegen,
So war's der Blick von einem Haubenkopf;
Er hätt' auf einen Blumentopf,
Auf ein Tapetenbild, nicht kälter fallen mögen.
43
Ein unbekanntes Was, das ihn wie ein Magnet
Nach Bagdad zieht, scheint allen seinen Blicken
Die scharfe Spitze abzuknicken,
Und macht, daß jeder Reitz an ihm verloren geht.
Vergebens ist ihr Wuchs wie eine schöne Vase
Von Amors eigner Hand gedreht;
Vergebens schließt die sanft erhobne Nase
Sich an die glatte Stirn in stolzer Majestät;
44
Umsonst hebt ihre Brust, gleich einem Doppelhügel
Von frischem Schnee, um den ein Nebel graut,
Den dünnen weißen Flor; umsonst ist ihre Haut
So rein und glatt als wie ein Wasserspiegel,
Worin im Rosenschmuck Aurora sich beschaut;
Vergebens hat ihr königliches Siegel
Die Schönheit jedem Theil so sichtbar aufgedrückt,
Daß ihr Gewand sie weder deckt noch schmückt.
45
Kurz, Angela mit allen ihren Reitzen
Ist ihm vergebens schön und jung;
Und, ferne nach Verlängerung
Der holden Gegenwart zu geitzen,
Wünscht er mit jedem Augenblick
In ihres Bräut'gams Arm recht herzlich sie zurück,
Und kann zuletzt sich nicht entbrechen,
Da Sie nichts sagt, ihr selbst davon zu sprechen.
46
Kaum daß er ihr dazu Geleit und Schutz versprach,
Und ihre Lippen sich in Dank dafür ergossen:
Als ein Getös von Reisigen und Rossen
Im Hof der Burg sie plötzlich unterbrach.
Schon trampelt's laut die langen Wendelstiegen
Herauf. Die junge Frau erschrickt—"Wer kann es seyn?"
Doch bald zerschmilzt ihr Schrecken in Vergnügen,
Denn, siehe da! Alexis tritt herein.
47
Ihm war, zwar etwas spät, zu Sinne
Gestiegen, daß es ihm nicht allzu rühmlich sey,
Wenn Hüon seine Braut dem Recken abgewinne,
Indessen, weit vom Schuß, mit seiner Reiterey
Er, ihr Gemahl, im Schatten, frank und frey,
Sein zärtlich Blut mit Palmenwein verdünne:
Auch konnte ja (wer wird dafür ihm stehn?)
Der Ritter gar davon mit seinem Engel gehn.
48
Demnach, so hatt' er, stracks als ihm sein Ohr gesungen,
Mit seiner Ritterschaft zu Pferde sich geschwungen,
Und kam in vollem Trab, falls etwa die Gefahr
Durch Hüons Tapferkeit bereits vorüber war,
Die Schöne in Empfang zu nehmen,
Dem fremden Ritter Gottes Lohn
Zu wünschen, und—ein wenig sich zu schämen,
(Denkt ihr) allein, er war ein Prinz von Libanon.
49
Herr Hüon, unverhofft des Umwegs überhoben
Mit Angela zurück ins Palmenthal zu gehn,
Läßt von den schönen Herr'n sich in die Wette loben,
Und fühlt sich just dabey so gut, als ob man ihn
Gescholten hätt'. Und nun, die Wohlthat zu vollenden,
Wird, durch des Ringes Kraft, von unsichtbaren Händen
Mit allem was den Gaum ergetzt
Ein großer runder Tisch in Überfluß besetzt.
50
Ah, ruft die schöne Braut, schier hätt' ich es vergessen:
Herr Ritter, ehe wir zum Essen
Uns setzen, geht und schließt mit eigner Hand geschwind
Des Riesen Harem auf; denn funfzig Jungfern sind
Noch außer mir in diesem Thurm verwahret;
Der schönste Mädchenflor, ein wahres Tulpenbeet!
Er hatte sie für seinen Mahomed
Zu Opfern, denk' ich, aufgesparet.
51
Der Harem thut sich auf, und zeigt, in vollem Putz
Und buntem lieblichem Gewimmel,
Ein wahres Bild von Mahoms lust'gem Himmel.
Herr Hüon läßt die Damen all' im Schutz
Der schönen Herr'n, und ist schon weit davon geritten,
Da hinter ihm noch alles lärmt und schnarrt,
Die Ehre seiner Gegenwart
Sich wenigstens zur Tafel auszubitten.
52
Schon schlich, indeß in Grau das Abendroth zerfloß,
Der stille Mond herauf am Horizonte,
Als Hüon, weil sein Gaul nicht länger laufen konnte,
An einem schönen Platz zu ruhen sich entschloß.
Er sieht sich auf der grünen Erde
Nach einem Lager um, indessen für die Pferde
Sein Alter sorgt. Auf einmahl steht, ganz nah,
Ein prächtiges Gezelt vor seinen Augen da.
53
Ein reicher Teppich liegt, so weit es sich verbreitet,
Auf seinem Boden ausgespreitet,
Mit Polstern rings umher belegt,
Die, wie beseelt von innerlichem Leben,
Bey jedem Druck sanft blähend sich erheben.
Ein Tisch von Jaspis, den ein goldner Dreyfuß trägt,
Steht mitten drin, und, was dem essenslust'gen Magen
Zum Göttertisch ihn macht, das Mahl ist aufgetragen.
54
Der Ritter bleibt wie angefroren stehn,
Winkt Scherasmin herbey, und fragt ihn, was er sehe?
O, das ist leicht, erwiedert der, zu sehn:
Freund Oberon ist sichtlich in der Nähe.
Wir hätten ohne ihn die Nacht,
Anstatt uns nun in Schwanenflaum zu senken,
Auf unsrer Mutter Schooß so sanft nicht zugebracht.
Das nenn' ich doch an seine Freunde denken!
55
Kommt, lieber Herr, nach dieser langen Fahrt
Schmeckt Ruhe süß; laßt hurtig euch entgürten!
Ihr seht, der schöne Zwerg hat keinen Fleiß gespart,
Wiewohl im Flug, uns herrlich zu bewirthen.
Herr Hüon folgt dem Rath. Sie lagern beide sich
Halb sitzend um den Tisch, und schmausen ritterlich;
Auch wird, beym Sang Gaskonscher froher Lieder,
Der Becher fleißig leer und füllt sich immer wieder.
56
Bald löset unvermerkt des Schlafes weiche Hand
Der Nerven sanft erschlafftes Band.
Indem erfüllt, wie aus der höchsten Sfäre,
Die lieblichste Musik der Lüfte stillen Raum.
Es tönt als ob ringsum auf jedem Baum
Ein jedes Blatt zur Kehle worden wäre,
Und Mara's Engelston, der Zauber aller Seelen,
Erschallte tausendfach aus allen diesen Kehlen.
57
Allmählich sank die süße Harmonie,
Gleich voll, doch schwächer stets, herunter bis zum Säuseln
Der sanftsten Sommerluft, wenn kaum sich je und ie
Ein Blatt bewegt und um der Nymfe Knie
Im stillen Bache sich die Silberwellen kräuseln.
Der Ritter, zwischen Schlaf und Wachen, höret sie
Stets leiser wehn, bis unter ihrem Wiegen
Die Sinne unvermerkt dem Schlummer unterliegen.
58
Er schlief in Einem fort, bis, da der frühe Hahn
Aurorens Rosenpferde wittert,
Ein wunderbarer Traum sein Innerstes erschüttert.
Ihm däucht, er geh' auf unbekannter Bahn,
Am Ufer eines Stroms, durch schattige Gefilde;
Auf einmahl steht vor ihm ein göttergleiches Weib,
Im großen Auge des Himmels reinste Milde,
Der Liebe Reitz um ihren ganzen Leib.
59
Was er empfand ist nicht mit Worten auszudrücken,
Er, der zum ersten Mahl itzt Amors Macht empfand,
Und athemlos, entgeistert vor Entzücken,
Sein Leben ganz in seinen Blicken,
Im Boden eingewurzelt stand,
Sie noch zu sehen glaubt, nachdem sie schon verschwand,
Und, da der süße Wahn zuletzt vor ihm zerfließet,
Nichts mehr zu sehn die Augen sterbend schließet.
60
Betäubt, in fühlbar'm Tod, lag er am Ufer da
In seinem Traum: als ihn bedünkt, er spüre
Daß eine warme Hand sein starres Herz berühre.
Und, wie vom Tod erweckt, erhob er sich und sah
Die Schöne abermahl zu seiner Seite stehen,
Die keiner Sterblichen in seinen Augen gleicht,
Und dreymahl schöner, wie ihm däucht,
Und holder als er sie zum ersten Mahl gesehen.
61
Stillschweigend schauten sie einander beide an,
Mit Blicken, die sich das unendlich stärker sagten,
Was ihre Lippen noch nicht auszusprechen wagten.
Ihm ward in ihrem Aug' ein Himmel aufgethan,
Wo sich in eine See von Liebe
Die Seele taucht. Bald wird das Übermaß der Lust
Zum Schmerz: er sinkt im Drang der unaufhaltbar'n Triebe
In ihren Arm, und drückt sein Herz an ihre Brust.
62
Er fühlt der Nymfe Herz an seinem Busen schlagen,
Der Glückliche! wie schnell, wie stark, wie warm!
Und—plötzlich hört es auf zu tagen,
Auf schwarzen Wolken rollt des Donners Feuerwagen,
Laut heulend bebt der Stürme wilder Schwarm;
Von unsichtbarer Macht wird schnell aus seinem Arm
Im Wirbelwind die Nymfe fortgerissen
Und in die Flut des nahen Stroms geschmissen.
63
Er hört ihr ängstlich Schrey'n, will nach—o Höllenpein!
Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken,
Starr wie ein Bild auf einem Leichenstein.
Vergebens strebt er, keicht, und ficht mit Arm und Bein;
Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken,
Sieht aus den Wellen sie die Arme bittend strecken,
Und kann nicht schreyn, nicht, wie der Liebe Wuth
Ihn spornt, ihr nach sich stürzen in die Flut.
64
Herr! ruft ihm Scherasmin, da er sein banges Schnauben
Vernimmt, erwacht, erwacht! ein böser Traum
Schnürt euch die Kehle zu.—Fort, Geister, macht mir Raum,
Schreyt Hüon, wollt ihr mir auch ihren Schatten rauben?
Und wüthend fährt er auf aus seinem Traumgesicht;
Noch klopft von Todesangst umfangen
Sein stockend Herz, er starrt ins Tageslicht
Hinaus, und kalter Schweiß liegt auf den bleichen Wangen.
65
Das war ein schwerer Traum, ruft ihm der Alte zu:
Ihr lagt vermuthlich wohl zu lange auf dem Rücken?
Ein Traum? seufzt Siegwins Sohn mit minder wilden Blicken,
Das war's! allein ein Traum, der meines Herzens Ruh
Auf ewig raubt!—"Das wolle Gott verwehren,
Mein bester Herr!—Sag' mir im Ernste, (spricht
Der Ritter ernstvoll) glaubst du nicht
Daß Träume dann und wann der Zukunft uns belehren?
66
Man hat Exempel, Herr,—und wahrlich, seit ich euch
Begleite, läugn' ich nichts, erwiedert ihm der Alte.
Doch, wenn ich euch die reine Wahrheit gleich
Gestehen soll, so sag' ich frey, ich halte
Nicht viel von Träumen. Fleisch und Blut
Hat, wenigstens bey mir, sein Spiel so oft ich träume:
Dieß wußten unsre Alten gut,
Und lehrten's uns im wohl bekannten Reime.
67
Inzwischen, wenn ihr mir den Inhalt eures Traums
Vertrautet, könnt' ich euch vielleicht was bessers reimen.
Das will ich auch, spricht Hüon, ohne Säumen.
Kaum röthet noch den Gipfel jenes Baums
Der Morgenstrahl. Wir haben Zeit zum Werke.
Nur reiche mir zuvor den Becher her,
Damit ich meine Geister stärke:
Es liegt mir auf der Brust noch immer zentnerschwer.
68
Indeß der wundervolle Becher
Den Ritter labt, sieht ihn der Alte, still,
Als einer an, dem's nicht gefallen will,
Den wackern Sohn des braven Siegwins schwächer,
Als einem Manne ziemt, zu sehn.
Ey (denkt er bey sich selbst, kopfschüttelnd) im Erwachen
Noch so viel Werks aus einem Traum zu machen!
Doch, weil's nun so ist, mag's zum Frühstück immer gehn!