1
Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,
Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl,
Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln,
In stiller Dämmerung ein kleines schmales Thal.
Ein Schauder überfällt den matten
Erschöpften Wanderer, indem sein wankender Schritt
Dieß düstre Heiligthum der Einsamkeit betritt;
Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.
2
Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad,
Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke.
Tief unter ihr rollt über Felsenstücke
Ein weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad.
Herr Hüon schreitet unverdrossen
Den Berg hinan, auf den die Brücke führt,
Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen,
Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.
3
Der Pfad auf dem er hergekommen
Wird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrückt!
Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,
Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt,
Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)—
Der Anfang ist von einem schmalen Gang
Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet,
Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.
4
Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen,
So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;
Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen,
Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar.
Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten,
Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz.
Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz
Natürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.
5
Doch Hüon—schwach vor Hunger, und erstarrt
Vor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen,
Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt,
Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,
Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,
Auf einmahl überrascht von einem weißen Bart—
Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,
Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.
6
Der Eremit, kaum weniger betroffen
Als Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück;
Doch spricht er, schnell gefaßt: Hast du, wie mich dein Blick
Und Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffen
Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich thun,
Gequälter Geist? wie kann ich für dich büßen,
Um jenen Port dir aufzuschließen
Wo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?
7
So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangen
Als Hüon schien, war der Verstoß, in den
Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.
Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,
Und als der Greis aus Hüons Mund vernommen
Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon
Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,
Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;
8
Und führt ihn ungesäumt zu einem frischen Quell,
Der, rein wie Luft und wie Krystallen hell,
Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet;
Und während Hüon ruht und seinen Durst hier stillet,
Eilt er und pflückt in seinem kleinen Garten
In einen reinlichen Korb die schönsten Früchte ab,
Die, für den Fleiß sie selbst zu bauen und zu warten,
Nicht kärglich ihm ein milder Himmel gab;
9
Und hört nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen,
Wie einem, der sich nicht zwey Flügel angeschraubt,
Es möglich war die Felsen zu ersteigen,
Wo, dreyßig Jahre schon, er sich so einsam glaubt
Als wie in seinem Grab. "Es ist ein wahres Zeichen
Daß euch ein guter Engel schützt;
Allein, setzt er hinzu, das nöthigste ist itzt
Dem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.
10
"Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt,
Daß ohne mich ihn niemand leicht entdeckt,
Soll in der Hälfte Zeit, die du herauf zu dringen
Gebrauchtest, dich zu ihr, zurück euch beide bringen.
Was meine Hütte, was mein kleines Paradies
Zu eurer Nothdurft hat, ist herzlich euch erboten.
Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld süß,
Und reiner fließt das Blut bey Kohl und magern Schoten."
11
Herr Hüon dankt dem gütigen alten Mann,
Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen;
Und, daß der Rückweg ihn nicht irre machen kann,
Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen.
Noch eh' ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt,
Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen,
Wo sie mit durstigen weit ausgehohlten Zügen
Den milden Strom des reinsten Himmels trinkt.
12
In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen,
Glaubt sie versetzt zu seyn; ihr ist als habe sie
Den Himmel nie so blau, so grün die Erde nie,
Die Bäume nie so frisch belaubt gesehen:
Denn hier, in hoher Felsen Schutz
Die sich im Kreis um diesen Lustort ziehen,
Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz,
Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen blühen.
13
Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem Genius
Des heil'gen Orts, fällt vor dem eisgrau'n Alten
Amanda hin, und ehrt die dürre Hand voll Falten,
Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuß.
In unfreiwilligem Erguß
Muß ihn ihr Herz für einen Vater halten:
Die Furcht ist schon beym zweyten Blick verbannt;
Ihr ist, sie hätten sich ihr Leben lang gekannt.
14
In seinem Ansehn war die angeborne Würde,
Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint;
Sein offner Blick war aller Wesen Freund,
Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre Bürde
Den Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schau'n;
Der innre Friede ruht auf seinen Augenbrau'n,
Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,
Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.
15
Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur,
Hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweg gewaschen.
Fiel' eine Kron' ihm zu, und es bedürfte nur
Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,
Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier,
Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,
Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,
Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.
16
Alfonso nannt' er sich, bevor er aus den Wogen
Der Welt geborgen ward, und Leon war das Land
Das ihn gebar. Zum Fürstendienst erzogen,
Lief er mit Tausenden, vom Schein wie sie betrogen,
Dem Blendwerk nach, das immer vor der Hand
Ihm schwebte, immer im Ergreifen ihm entschwand,
Dem schimmernden Gespenst, das ewig Opfer heischet,
Und, gleich dem Stein der Narr'n, die Hoffnung ewig täuschet.
17
Und als er dergestalt des Lebens beste Zeit
Im Rausch des Selbstbetrugs an Könige verpfändet,
Und Gut und Blut, mit feur'ger Willigkeit
Und unerkannter Treu', in ihrem Dienst verschwendet,
Sah er ganz unverhofft, im schönsten Morgenroth
Der Gunst, durch schnellen Fall sich frey von seinen Ketten;
Noch glücklich, aus der Schiffbruchsnoth
Das Leben wenigstens auf einem Bret zu retten.
18
In diesem Sturm, der alles ihm geraubt,
Blieb ihm ein Schatz, wodurch (ganz gegen Hofes Sitte)
Alfonso sich vollkommen schadlos glaubt,
Ein liebend Weib, ein Freund, und eine Hütte.
Laß, Himmel, diese mir! war nun die einz'ge Bitte,
Die sein befriedigt Herz zu wagen sich erlaubt.
Zehn Jahre lang ward ihm, was er sich bat, gegeben;
Allein, sein Schicksal war, auch dieß zu überleben.
19
Drey Söhn', im vollen Trieb der ersten Jugendkraft,
Der eignen Jugend Bild, die Hoffnung grauer Jahre,
Sie wurden durch die Pest ihm plötzlich weggerafft.
Bald legt auch Schmerz und Gram die Mutter auf die Bahre.
Er lebt, und niemand ist der mit dem Armen weint,
Denn ach! verlassen hat ihn auch sein letzter Freund!
Er steht allein. Die Welt die ihn umgiebet
Ist Grab—von allem Grab, was er, was ihn geliebet.
20
Er steht, ein einsamer vom Sturm entlaubter Baum,
Die Quellen sind versiegt, wo seine Freuden quollen.
Wie hätt' ihm itzt die Hütte, wo er kaum
Noch glücklich war, nicht schrecklich werden sollen?
Was ist ihm nun die Welt? Ein weiter leerer Raum,
Fortunens Spielraum, frey ihr Rad herum zu rollen!
Was soll er länger da? Ihm brach sein letzter Stab,
Er hat nichts mehr zu suchen—als ein Grab.
21
Alfonso floh in dieses unwirthbare
Verlaßne Eiland, floh mit fast zerstörtem Sinn
In dieß Gebirg, und fand mehr als er suchte drin,
Erst Ruh, und, mit dem stillen Fluß der Jahre,
Zuletzt Zufriedenheit. Ein alter Diener, der
Ihn nicht verlassen wollt', die einz'ge treue Seele
Die ihm sein Unglück ließ, begleitet' ihn hierher,
Und ihre Wohnung war nun eine Felsenhöhle.
22
Allmählich hob sein Herz sich aus der trüben Flut
Des Grams empor; die Nüchternheit, die Stille,
Die reine freye Luft, durchläuterten sein Blut,
Entwölkten seinen Sinn, belebten seinen Muth.
Er spürte nun, daß, aus der ew'gen Fülle
Des Lebens, Balsam, auch für seine Wunden, quille.
Oft brachte die Magie von einem Sonnenblick
Auf einmahl aus der Gruft der Schwermuth ihn zurück.
23
Und als er endlich dieß Elysium gefunden,
Das, rings umher mit Wald und Felsen eingeschanzt,
Ein milder Genius, recht wie für ihn, gepflanzt,
Fühlt' er auf einmahl sich von allem Gram entbunden,
Aus einer ängstlichen traumvollen Fiebernacht
Als wie zur Dämmerung des ew'gen Tags erwacht.
Hier, rief er seinem Freund, vom unverhofften Schauen
Des schönen Orts entzückt, hier laß uns Hütten bauen!
24
Die Hütte ward erbaut, und, mit Verlauf der Zeit,
Zur Nothdurft erst versehn, dann zur Gemächlichkeit,
Wie sie dem Alter eines Weisen
Geziemt, der minder stets begehret als bedarf.
Denn, daß Alfons, als er den ersten Plan entwarf
Von seiner Flucht, sich mit Geräth und Eisen,
Und allem was zur Hülle nöthig war,
Versehen habe, stellt von selbst sich jedem dar.
25
Und so verlebt' er nun in Arbeit und Genuß
Des Lebens späten Herbst, beschäftigt seinen Garten,
Den Quell von seinem Überfluß,
Mit einer Müh, die ihm zu Wollust wird, zu warten.
Vergessen von der Welt,—und nur, als an ein Spiel
Der Kindheit, sich erinnernd aller Plage
Die ihm ihr Dienst gebracht,—beseligt seine Tage
Gesundheit, Unschuld, Ruh, und reines Selbstgefühl.
26
Nach achtzehn Jahren starb sein redlicher Gefährte.
Er blieb allein. Doch desto fester kehrte
Sein stiller Geist nun ganz nach jener Welt sich hin,
Der, was er einst geliebt, itzt alles angehörte,
Der auch er selbst schon mehr als dieser angehörte.
Oft in der stillen Nacht, wenn vor dem äußern Sinn
Wie in ihr erstes Nichts die Körper sich verlieren,
Fühlt' er an seiner Wang' ein geistiges Berühren.
27
Dann hört' auch wohl sein halb entschlummert Ohr,
Mit schauerlicher Lust, tief aus dem Hain hervor,
Wie Engelsstimmen sanft zu ihm herüber hallen.
Ihm wird als fühl' er dann die dünne Scheidwand fallen,
Die ihn noch kaum von seinen Lieben trennt;
Sein Innres schließt sich auf, die heil'ge Flamme brennt
Aus seiner Brust empor; sein Geist, im reinen Lichte
Der unsichtbaren Welt, sieht himmlische Gesichte.
28
Sie dauern fort, auch wenn die Augen sanft betäubt
Entschlummert sind. Wenn dann die Morgensonne
Den Schauplatz der Natur ihm wieder aufschließt, bleibt
Die vorige Stimmung noch. Ein Glanz von Himmelswonne
Verkläret Fels und Hain, durchschimmert und erfüllt
Sie durch und durch; und überall, in allen
Geschöpfen, sieht er dann des Unerschaffnen Bild,
Als wie in Tropfen Thau's das Bild der Sonne, wallen.
29
So fließt zuletzt unmerklich Erd' und Himmel
In seinem Geist in Eins. Sein Innerstes erwacht.
In dieser tiefen Ferne vom Getümmel
Der Leidenschaft, in dieser heil'gen Nacht
Die ihn umschließt, erwacht der reinste aller Sinne
Doch—wer versiegelt mir mit unsichtbarer Hand
Den kühnen Mund, daß nichts unnennbars ihm entrinne?
Verstummend bleib' ich stehn an dieses Abgrunds Rand.
30
So war der fromme Greis, vor dem mit Kindestrieben
Amanda niederfiel. Auch Er, so lang' entwöhnt
Zu sehn, wornach das Herz sich doch im stillen sehnt,
Ein menschlich Angesicht—erlabt nun an dem lieben,
Herzrührenden, nicht mehr gehofften Anblick sich,
Und drückt die sanfte Hand der Tochter väterlich,
Umarmt den neuen Sohn zum zweyten Mahl, und blicket
Sprachlosen Dank zu dem, der sie ihm zugeschicket;
31
Und führt sie ungesäumt nach seiner Ruhestatt,
Zu seinem Quell, in seine Gartenlauben,
Bedeckt mit goldnem Obst und großen Purpurtrauben,
Und setzt sie in Besitz von allem was er hat.
Natur, spricht er, bedarf weit minder als wir glauben;
Wem nicht an wenig g'nügt, den macht kein Reichthum satt:
Ihr werdet hier, so lang' die Prüfungstage währen,
Nichts wünschenswürdiges entbehren.
32
Er sagte dieß, weil ihm der erste Blick gezeigt
Was er nicht fragen will und Hüon ihm verschweigt.
Denn beide, hatte gleich das Elend ihre Blüthe
Halb abgestreift, verriethen durch Gestalt
Und Sinnesart, wo nicht ein königlich Geblüte,
Doch sichrer einen Werth, dem selbst die Allgewalt
Des Glücks nichts rauben kann vom reinen Vollgehalt
Der innern angebornen Güte.
33
Schon dreymahl wechselte der Tag sein herbstlich Licht,
Seit diese Freystatt sie in ihrem Schooße heget,
Und beide können noch sich des Gedankens nicht
Entschlagen, daß der Greis, der sie so freundlich pfleget,
Kein wahrer Greis, daß er ein Schutzgeist ist,
Vielleicht ihr Oberon selbst, der ihres Fehls vergißt,
Und, da sie schwer genug (däucht sie) dafür gebüßet,
Bald wieder glücklich sie zu machen sich entschließet.
34
Nun schwindet zwar allmählich dieser Wahn,
Und ach! mit ihm stirbt auch, nicht ohne Schmerzen,
Die Hoffnung die er nährt; doch schmiegen ihre Herzen
Sich an ein Menschenherz nur desto stärker an.
Es war so sanft das Herz des guten Alten,
So zart sein Mitgefühl, sein innrer Sinn so rein,
Unmöglich konnten sie sechs Tage um ihn seyn
Und länger sich vor ihm verborgen halten.
35
Der junge Mann, im Drang der Dankbarkeit
Und des Vertrau'ns, (zumahl da ihn zu fragen
Sein Wirth noch immer säumt) eröffnet ungescheut
Ihm seinen Nahmen, Stand, und was, seit jener Zeit,
Da er zu Montlery des Kaisers Sohn erschlagen,
Bis diesen Tag mit ihm sich zugetragen;
Durch welchen Auftrag Karl den Tod ihm zugedacht,
Und wie er glücklich ihn mit Oberons Schutz vollbracht;
36
Und wie in einem Traum die Liebe sich entsponnen,
Die ihn beym ersten Blick mit Rezia vereint;
Wie er mit ihr aus Babylon entronnen,
Und das Verbot, das sein erhabner Freund
Ihm auferlegt, und wie, so bald er dessen
In einem Augenblick von Liebesdrang vergessen,
Die ganze Natur sich gegen sie empört
Und ihres Schützers Huld in Rache sich verkehrt.
37
Wohl, spricht der edle Greis, wohl dem, den sein Geschick
So liebreich, und zugleich so streng, als dich, erziehet,
Den kleinsten Fehltritt ihm nicht straflos übersiehet,
Wohl ihm! denn ganz gewiß, das reinste Erdenglück
Erwartet ihn. Auf Herzen wie die euern
Zürnt Oberon nicht ewig. Glaube mir,
Mein Sohn, sein Auge schwebt unsichtbar über dir;
Verdiene seine Huld, so wird sie sich erneuern!
38
Und wie verdien' ich sie? mit welchem Opfer still'
Ich seinen Zorn? fragt Hüon rasch den Alten;
Ich bin bereit, es sey so schwer es will!
Was kann ich thun?—Freywillig dich enthalten,
Antwortet ihm Alfons; was du gesündigt hast
Wird dadurch nur gebüßt.—Der junge Mann erblaßt.
Ich fühl' es, spricht der Greis mit sanft erröthender Wange;
Allein, ich weiß von wem ich es verlange!
39
Ein edles Selbstgefühl ergreift den jungen Mann:
"Hier hast du meine Hand!" Mehr ward kein Wort gesprochen.
Und wohl ihm, der, nach mehr als hundert Wochen,
Sich selbst das Zeugniß geben kann,
Er habe sein Gelübde nicht gebrochen!
Es war der schönste Sieg den Hüon je gewann.
Doch hat er oft die Furcht vorm Alten zu erröthen,
Oft Rezia's standhaftem Ernst vonnöthen.
40
Nichts unterhält so gut (versichert ihn der Greis)
Die Sinne mit der Pflicht im Frieden,
Als fleißig sie durch Arbeit zu ermüden;
Nichts bringt sie leichter aus dem Gleis
Als müß'ge Träumerey. Um der zuvor zu kommen,
Wird ungesäumt, so bald der Tag erwacht,
Die scharfe Axt zur Hand genommen,
Und Holz im Hain gefällt bis in die dunkle Nacht.
41
Noch eine Hütte für Amanden aufzurichten,
Und Dach und Wände wohl mit Leim und Moos zu dichten,
Dann zum Kamin, der immer lodern muß,
Und für den Herd, den nöthigen Überfluß
Von fettem Kien und klein gespaltnen Fichten
Hoch an den Wänden aufzuschichten,
Dieß und viel andres giebt dem Prinzen viel zu thun:
Allein es hilft ihm Nachts auch desto besser ruhn.
42
Zwar Anfangs will es ihm nicht gleich nach Wunsch gelingen,
Die Holzaxt statt des Ritterschwerts zu schwingen;
Die ungewohnte Hand greift alles schwerer an,
Und in der halben Zeit hätt' es ein Knecht gethan.
Doch täglich nimmt er zu, denn Übung macht den Meister;
Und fühlt er dann und wann sich dem Erliegen nah,
So wehet der Gedank', es ist für Rezia,
Sein Feuer wieder an, und stärkt die matten Geister.
43
Indessen Hüon sich im Wald ermüdet, pflegt
Der edle Greis, der mit noch festem Tritte
Die schwere Last von achtzig Jahren trägt,
Der Ruhe nicht; nur daß er von der Hütte
Sich selten weit entfernt. Kein heitrer Tag entflieht,
Der nicht in seinem lieben Garten
Ihn dieß und das zu thun beschäftigt sieht.
Amandens Sorge ist des kleinen Herds zu warten.
44
Da sähe man (wiewohl, wenn Engel nicht
Mit stillem Blick ihr Ebenbild umweben,
Wer sieht sie hier?) mit heiterm Angesicht,
Auf dem die Sorgen nur wie leichte Wölkchen schweben,
Die Königstochter gern sich jeder niedern Pflicht
Der kleinen Wirthschaft untergeben:
Auch was sie nie gekannt, viel minder je gethan,
Wie schnell ergreift sie es, wie steht ihr alles an!
45
Oft schürzt sie, ohne mindsten Harm
Daß ihre zarte Haut den schönen Schmelz verliere,
Beym Wassertrog, vor ihrer Hüttenthüre,
Den schlanken schwanenweißen Arm.
Die Freud' (ihr süßer Lohn) den väterlichen Alten
Und den geliebten Mann in einem Stand zu halten,
Der von dem Drückendsten der Armuth sie befreyt,
Veredelt, würdigt ihr des Tagwerks Niedrigkeit.
46
Und sieht sie dann (auch Er ist jener Engel einer)
Der heil'ge Greis, der von der Arbeit kehrt,
Und segnet sie: o dann ist ihre Freude reiner
Und inniger, als würd' ihr dreymahl mehr verehrt
Als sie zu Bagdad ließ. Wenn dann bey Sternenlichte
Die Nacht sie alle drey am Feuerherd vereint,
Und auf Amandens lieblichem Gesichte,
Das halb im Schatten steht, die Flamme wiederscheint:
47
Dann ruht, mit stillem liebevollen
Entzückten Blick, der junge Mann auf ihr,
Und seine Seele schwillt, und süße Thränen rollen
Die dunkle Wang' herab. Tief schweiget die Begier!
Sie ist ein überirdisch Wesen
Das ihm zum Trost erscheint—er ist beglückt genug
Daß er sie lieben darf, und o! in jedem Zug,
In jedem keuschen Blick, daß er geliebt ist, lesen!
48
Oft sitzen sie, der fromme freundliche Greis
In ihrer Mitt', Amanda seine rechte
In ihrer linken Hand, und hören halbe Nächte
Ihm zu, von seiner langen Lebensreis'
Ein Stück, das ihm lebendig wird, erzählen.
Vom Antheil, den die warmen jungen Seelen
An allem nehmen, wird's ihm selber warm dabey,
Dann werden unvermerkt aus zwey Geschichten drey.
49
Zuweilen, um den Geist des Trübsinns zu beschwören,
Der, wenn die Flur in dumpfer Stille trau'rt,
Im Schneegewölk mit Eulenflügeln lau'rt,
Läßt Hüon seine Kunst auf einer Harfe hören,
Die er von ungefähr in einem Winkel fand,
Lang' ungebraucht, verstimmt, und kaum noch halb bespannt:
Doch scheint das schnarrende Holz von Orfeus Geist beseelet,
So bald sich Rezia's Gesang mit ihm vermählet.
50
Oft lockte sie ein heller Wintertag,
Wenn fern die See von strenger Kälte rauchte,
Der blendend weiße Schnee dicht auf den Bergen lag,
Und itzt die Abendsonn' ihn wie in Purpur tauchte,
Dann lockte sie der wunderschöne Glanz
Im reinen Strom der kalten Luft zu baden.
Wie mächtig fühlten sie sich dann gestärkt! wie ganz
Durchheitert, neu belebt, und alles Grams entladen!
51
Unmerklich schlüpfte so die Winterzeit vorbey.
Und nun erwacht aus ihrem langen Schlummer
Die Erde, kleidet sich aufs neu
In helles Grün; der Wald, nicht mehr ein stummer
Verödeter Ruin, wo nur die Pfeiler stehn
Der prächt'gen Laubgewölb' und hohen Schattengänge
Des Tempels der Natur, steht wieder voll und schön,
Und Laub drückt sich an Laub in lieblichem Gedränge.
52
Mit Blumen decket sich der Busen der Natur,
Aufblühend lacht der Garten und die Flur;
Man hört die Luft von Vogelsang erschallen;
Die Felsen stehn bekränzt; die fließenden Krystallen
Der Quellen rieseln wieder rein
Am frischen Moos herab; den immer dichtern Hain
Durchschmettert schon, im lauen Mondenschein,
Die stille Nacht hindurch, das Lied der Nachtigallen.
53
Amanda, deren Ziel nun immer näher rückt,
Sucht gern die Einsamkeit, sucht stille dunkle Steige
Im Hain sich aus, und dicht gewölbte Zweige.
Da lehnt sie oft, von Ahnungen gedrückt,
An einem blüh'nden Baum, und freuet sich des Webens
Und Sumsens und Gedrängs und allgemeinen Lebens
In seinem Schooß—und drückt mit vorempfundner Lust
Ein lieblich Kind im Geist an ihre Brust;
54
Ein lieblich Kind, das ihre Mutterliebe
Mit jedem süßen Reitz verschwenderisch begabt,
Sich schon voraus an jedem zarten Triebe,
Der ihm entkeimt, sich schon am ersten Lächeln labt,
Womit es ihr die Leiden alle danket
Die sie so gern um seinetwillen trug,
Sich labt an jedem schönen Zug
Worin des Vaters Bild sanft zwischen ihrem schwanket.
55
Allmählich wird der wonnigliche Traum
Von schüchternen Beängstigungen
Und stillem Gram, den sie vor Hüon kaum
Verbergen kann und doch verbirgt, verdrungen.
Ach Fatme, denkt sie oft, und Thränen stehen ihr
Im Auge, wärest du in dieser Noth bey mir!
Getrost, o Rezia! Das Schicksal, das dich leitet,
Hat dir zu helfen längst die Wege vorbereitet!
56
Titania, die Elfenkönigin,
Sie hatte seit dem Tag, da Trotz und Widersinn
So unvermuthet sie um Oberons Herz betrogen,
Sich in dieß nehmliche Gebirg zurückgezogen.
Mit dem Gemahl, der ihr durch einen Schwur entsagt,
Den unterm unbegrenzten Bogen
Des himmlischen Azurs kein Geist zu brechen wagt,
Mit seiner Lieb' und ihm war all' ihr Glück entflogen.
57
Zu spät beweint sie nun die eitle, rasche That
Des Augenblicks; fühlt mit beschämten Wangen
Die Größe ihrer Schuld, den schweren Hochverrath
Den sie an ihm und an sich selbst begangen.
Vergebens kämpft ihr Stolz der stärkern Zärtlichkeit
Entgegen!—Ach! sie flöge himmelweit,
Und würfe gern, um ihr Vergehn zu büßen,
In Thränen sich zu des Erzürnten Füßen.
58
Was hälf' es ihr? Er schwor, in Wasser noch in Luft,
Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,
Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft
Bey Zauberschätzen wacht, ihr jemahls zu begegnen!
Vergebens käm' ihn selbst die späte Reue an;
Auf ewig fesselt ihn der Schwur den er gethan.
Ihn auszusöhnen bleibt ihr keine Pforte offen!
Denn von der einz'gen, ach! was ist von der zu hoffen?
59
Sie ist auf ewig zu. Denn nur ein liebend Paar,
Wie keines ist, wie niemahls eines war
Noch seyn wird, schließt sie auf. Von schwachen Adamskindern
Zu hoffen eine Treu', die keines Sturmwinds Stoß
Erschüttert, eine Treu', die keine Probe mindern,
Kein Reitz betäuben kann? Unmöglich! Hoffnungslos
Sinkt in der fernsten Zukunft dunkeln Schooß
Ihr thränenschwerer Blick; nichts kann ihr Elend mindern!
60
Verhaßt ist ihr nunmehr der Elfen Scherz, der Tanz
Im Mondenlicht, verhaßt in seinem Rosenkleide
Der schöne May. Ihr schmückt kein Myrtenkranz
Die Stirne mehr. Der Anblick jeder Freude
Reißt ihre Wunden auf. Sie flattert durch das Leer
Der weiten Luft im Sturmwind hin und her,
Find't nirgends Ruh, und sucht mit trübem Blicke
Nach einem Ort, der sich zu ihrer Schwermuth schicke.
61
Zuletzt entdeckt sich ihr im großen Ocean
Dieß Eiland. Aufgethürmt aus schwarzen ungeheuern
Ruinen, lockt es sie durch seine Schwärze an
Den irren Flug dahin zu steuern.
Es stimmt zu ihrem Sinn. Sie taumelt aus der Luft
Herab, und stürzet sich in eine finstre Gruft,
Um ungestört ihr Daseyn wegzuweinen,
Und, unter Felsen, selbst, wo möglich, zu versteinern.
62
Schon siebenmahl, seitdem Titania
Dieß traurige Leben führt, verjüngte sich die Erde
Ihr unbemerkt. Als wie auf einem Opferherde
Liegt sie auf einem Stein, den Tod erwartend, da;
Der Tag geht auf und sinkt, die holde Schattensonne
Beleuchtet zauberisch die Felsen um sie her;
Vergebens! strömten auch die Quellen aller Wonne
Auf einmahl über sie, ihr Herz blieb wonneleer.
63
Das einz'ge, was ihr noch, mit einem Traum des Schattens
Von Trost, ihr ewig Leid versüßt,
Ist, daß vielleicht der Zustand ihres Gattens
Dem ihren gleicht, und Er vielleicht noch härter büßt.
Gewiß, noch liebt er sie! und o! wofern er liebet,
Er, durch sich selbst verdammt zum Schöpfer ihrer Pein
Und seiner eignen Qual, wie elend muß er seyn!
So elend, daß sie gern ihm ihren Theil vergiebet!
64
Doch, da für jede Seelenwunde,
Wie tief sie brennt, die Zeit, die große Trösterin,
Den wahren Balsam hat: so kam zuletzt die Stunde
Auch bey Titania, da ihr verdumpfter Sinn
Sich allgemach entwölkt, ihr Herz geduld'ger leidet,
Und ihre Fantasie in Grün sich wieder kleidet;
Sie giebt den Schmeicheley'n der Hoffnung wieder Raum,
Und was unmöglich schien wird itzt ihr Morgentraum.
65
Auf einmahl grauet ihr vor diesen düstern Schlünden,
Worin sie einst sich gern gefangen sah;
Schnell muß aus ihrem Aug' ein Theil der Klippen schwinden,
Und ein Elysium steht blühend vor ihr da.
Auf ihren leisen Ruf erschienen
Drey liebliche Sylfiden, die ihr dienen;
Ein schwesterliches Drey, das ihren Gram zerstreut,
Und der Verlaßnen, mehr aus Lieb' als Pflicht, sich weiht.
66
Das Paradies, das sich die Elfenkönigin
In diese Felsen schuf, war eben das, worin
Alfonso schon seit dreyßig Jahren wohnte;
Und, ihm unwissend, war's die Grotte, wo sie thronte,
Woraus ihm, durchs Gebüsch vom Nachtwind zugeführt,
Der liebliche Gesang, gleich Engelsstimmen, hallte;
Sie war's, die ungesehn bey ihm vorüber wallte,
Wenn er an seiner Wang' ein geistig Weh'n verspürt.
67
Auch unsre Liebenden, vom Tag an, da die Wogen
An dieses Eiland sie getragen, hatte sie
Bemerkt, und täglich spät und früh
Erkundigung von ihnen eingezogen.
Oft stand sie selbst, wenn jene sich allein
Vermeinten, ungesehn, sich näher zu belehren;
Und was sie hört' und sah gab ihr den Zweifel ein,
Ob sie vielleicht das Paar, das sie erwartet, wären.
68
Je länger sie auf ihr Betragen merkt,
Je mehr sie sich in ihrer Hoffnung stärkt.
Sind Hüon und Amanda die getreuen
Probfesten Seelen nicht, die Oberon begehrt,
So mag sie ihrer nur auf ewig sich verzeihen!
Von nun an sind sie ihr wie ihre Augen werth,
Und sie beschließt, mit ihren kleinen Feen
Dem edlen jungen Weib unsichtbar beyzustehen.
69
Die Stunde kam. Von dumpfer Bangigkeit
Umher getrieben, irrt Amanda im Gebüsche,
Das um die Hütten her ein liebliches Gemische
Von Wohlgeruch zum Morgenopfer streut.
Sie irret fort, so wie der schmale Pfad sich windet,
Bis sie sich unvermerkt vor einer Grotte findet,
Die ein Geweb von Efeu leicht umkränzt,
Auf dessen dunkelm Schmelz die Morgensonne glänzt.
70
Alfonso hatte oft vordem hinein zu gehen
Versucht, und allemahl vergebens; eben dieß
War seinem alten Freund, war Hüon selbst geschehen,
So oft er, um des Wunders sich gewiß
Zu machen, es versucht. Sie hatten nichts gesehen:
Sie fühlten nur ein seltsam Widerstehen,
Als schöbe sich ein unsichtbares Thor,
Indem sie mit Gewalt eindringen wollten, vor.
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Schnell überfiel sie dann ein wunderbares Grauen;
Sie schlichen leise sich davon,
Und keiner wollte sich der Probe mehr getrauen.
Man weiß nicht, ob Amanda selbst es schon
Zuvor versucht; genug, sie konnte dem Gedanken,
Die erste, der's geglückt, zu seyn,
Nicht widerstehn; sie schob die Efeuranken
Mit leichter Hand hinweg, und—ging hinein.
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Kaum sah sie sich darin, so kam ein heimlich Zittern
Sie an; sie sank auf einen weichen Sitz
Von Rosen und von Moos. Itzt fühlt sie, Blitz auf Blitz,
Ein schneidend Weh Gebein und Mark erschüttern.
Es ging vorbey. Ein angenehm Ermatten
Erfolgte drauf. Es ward wie Mondesschein
Vor ihrem Blick, der stets in tiefre Schatten
Sich taucht', und, sanft sich selbst verlierend, schlief sie ein.
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Itzt dämmern liebliche verworrene Gestalten
In ihrem Innern auf, die bald vorüber fliehn,
Bald wunderbar sich in einander falten.
Ihr däucht, sie seh' drey Engel vor ihr knien,
Und ihr verborgene Mysterien verwalten,
Und eine Frau, gehüllt in rosenfarbnem Licht,
Steh' neben ihr, so oft der Athem ihr gebricht
Ein Büschel Rosen ihr zum Munde hin zu halten.
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Zum letzten Mahl beklemmt ihr höher schlagend Herz
Ein kurzer sanft gedämpfter Schmerz;
Die Bilder schwinden weg, und sie verliert sich wieder.
Doch bald, erweckt vom Nachklang süßer Lieder
Der halb verweht aus ihrem Ohr entflieht,
Schlägt sie in ihrem Traum die Augen auf, und sieht
Die Drey nicht mehr, sieht nur die Königin der Feen
In Rosenglanz sanft lächelnd vor ihr stehen.
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Auf ihren Armen liegt ein neu geboren Kind.
Sie reicht's Amanden und verschwebet
Vor ihren Augen, wie im Morgenwind
Ein Wölkchen schmilzt aus Blumenduft gewebet.
Im gleichen Nu entwacht Amanda ihrem Traum,
Und streckt die Arme aus, als wollte sie den Saum
Des rosigen Gewandes noch erfassen;
Umsonst! sie greift nach Luft, sie ist allein gelassen.
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Doch, einen Pulsschlag noch, und wie unnennbar groß
Ist ihr Erstaunen, ihr Entzücken!
Kaum glaubt sie dem Gefühl, kaum traut sie ihren Blicken!
Sie fühlt sich ihrer Bürde los,
Und zappelnd liegt auf ihrem sanften Schooß
Der schönste Knabe, frisch wie eine Morgenros'
Und wie die Liebe schön! Mit wonnevollem Beben
Fühlt sie ihr Herz sich ihm entgegen heben.
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Sie fühlt's, es ist ihr Sohn!—Mit Thränen inniger Lust
Gebadet, drückt sie ihn an Wange, Mund, und Brust,
Und kann nicht satt sich an dem Knaben sehen.
Auch scheint der Knabe schon die Mutter zu verstehen.
Laßt ihr zum mindsten den Genuß
Des süßen Wahns! Er schaut aus seinen hellen Augen
Sie ja so sprechend an—und scheint nicht jeden Kuß
Sein kleiner Mund dem ihren zu entsaugen?
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Sie hört den stillen Ruf—wie leise hört
Ein Mutterherz!—und folgt ihm unbelehrt.
Mit einer Lust, die, wenn sie neiden könnten,
Die Engel, die auf sie herunter sahn,
Die Engel selbst beneidenswürdig nennten,
Legt sie an ihre Brust den holden Säugling an.
Sie leitet den Instinkt, und läßt nun an den Freuden
Des zartsten Mitgefühls ihr Herz vollauf sich weiden.
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Indessen hat im ganzen Hain umher
Ihr Hüon sie gesucht, zwey ängstlich lange Stunden,
Und, da er nirgends sie gefunden,
Führt ihn zuletzt sein irrer Fuß hierher.
Er nähert sich der unzugangbar'n Grotte;
Nichts hält ihn auf, er kommt—o welch ein Augenblick!
Und sieht das holde Weib, mit einem Liebesgotte
An ihrer Brust, vertieft, verschlungen in ihr Glück.
80
Ihr, denen die Natur, beym Eingang in dieß Leben,
Den überschwenglichen Ersatz
Für alles andre Glück, den unverlierbar'n Schatz,
Den alles Gold der Aureng-Zeben
Nicht kaufen kann, das beste in der Welt
Was sie zu geben hat, und was ins beßre Leben
Euch folgt, ein fühlend Herz und reinen Sinn gegeben,
Blickt hin und schaut—Der heil'ge Vorhang fällt!