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Richard Dehmel · Vanguardias / s. XX

Die zwölf sittsamen Gastwirte

alemán

Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron,
den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron.
Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute,
war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute
Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“
in der windigsten Gegend der Nordsee.

Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron
hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession.
Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten,
mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten;
weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird,
wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt.

Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
eines Morgens eine Denunziazion:
Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten,
er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten.
Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer,
sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser
„vermaledeiten einsamen kleinen Insel“.

Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron,
kannte seine lieben guten Sittenwächter schon.
Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen
beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ —
und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes:
Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

Alsdann ließ leutselig der Herr Baron
den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person.
Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen,
er hörte wohl draußen die Möwen keifen,
bis der nichts mehr wußte — da sprach der Herr Hardesvogt:
Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

Und dann ließ der leutselige Herr Baron
den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton.
Er hörte wohl draußen über den Deichen
die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen —
bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn,
denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn!

Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon
der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron.
Er hörte derweil wohl draußen im Grauen
einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen —
bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte:
Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien?

Und so hörte der Hardesvogt Liliencron
alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person.
Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen,
da war die siebente Runde Grogk genossen,
und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig
oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig.

Da erhob sich der deutsche Dichterbaron
und sprach im königlich preußischen Regierungston:
Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen,
und somit tu ich hiermit demselben zu wissen:
er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark —
Adjüs, miene Herrn! —

Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
nie wieder eine Denunziazion.
Aber leider trat die hohe Regierung
mit seinem Tanzbein in zarte Berührung;
item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen,
denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen.
Alle! —

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Autor
Richard Dehmel (1863–1920) · Wikidata Q76590
Título
Die zwölf sittsamen Gastwirte
Lengua
alemán
Época
Vanguardias / s. XX
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-die-zwolf-sittsamen-gastwirte--richard-dehmel-f67104
Cita recomendada
Richard Dehmel, «Die zwölf sittsamen Gastwirte», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-die-zwolf-sittsamen-gastwirte--richard-dehmel-f67104.html

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