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Friedrich Schiller · Romanticismo

Der Abend (Schiller)

alemán

Der Abend.

Die Sonne zeigt, vollendend gleich dem Helden,
Dem tiefen Thal ihr Abendangesicht,
(Für andre, ach! glüksel’gre Welten
Ist das ein Morgenangesicht)
5Sie sinkt herab vom blauen Himmel,
Ruft die Geschäftigkeit zur Ruh,
Ihr Abschied stillt das Weltgetümmel,
Und winkt dem Tag sein Ende zu.

716 Jetzt schwillt des Dichters Geist zu göttlichen Gesängen,
10Laß strömen sie, o HErr, aus höherem Gefühl,
Laß die Begeisterung die kühnen Flügel schwingen,
Zu dir, zu dir, des hohen Fluges Ziel.
Mich über Sphären, himmelan, gehoben,
Getragen sein vom herrlichen Gefühl,
15Den Abend und des Abends Schöpfer loben,
Durchströmt vom paradisischen Gefühl.
Für Könige, für Grosse ists geringe,
Die Niederen besucht es nur –
O GOtt, du gabest mir Natur,
20Theil Welten unter sie – nur, Vater, mir Gesänge.

Ha! wie die müden Abschiedsstralen
Das wallende Gewölk bemalen,
Wie dort die Abendwolken sich
Im Schooß der Silberwellen baden;
25O Anblik, wie entzükst du mich!
Gold, wie das Gelb gereifter Saaten,
Gold ligt um alle Hügel her,
Vergöldet sind der Eichen Wipfel,
Vergöldet sind der Berge Gipfel,
30Das Thal beschwimmt ein Feuermeer,
Der hohe Stern des Abends stralet
Aus Wolken, welche um ihn glühn,
Wie der Rubin am falben Haar, das wallet
Um’s Angesicht der Königin.

35Schau, wie der Sonnenglanz die Königsstadt beschimmert,
Und fern die grüne Haide lacht;
Wie hier in jugendlicher Pracht
Der ganze Himmel niederdämmert;
717Wie jezt des Abends Purpurstrom,
40Gleich einem Beet von Frühlingsrosen,
Gepflüket im Elisium,
Auf goldne Wolken hingegossen,
Ihn überschwemmet um und um.

Vom Felsen rieselt spiegelhelle
45Ins Graß die reinste Silberquelle,
Und tränkt die Herd und tränkt den Hirt (en)
Am Weidenbusche ligt der Schäfer,
Deß Lied das ganze Thal durchirrt,
Und wiederholt im Thale wird.
50Die stille Luft durchsumßt der Käfer;
Vom Zweige schlägt die Nachtigall,
Ihr Meisterlied macht alle Ohren lauschen,
Bezaubert von dem Götterschall
Wagt izt kein Blatt vom Baum zu rauschen;
55Stürzt langsamer der Wasserfall.
Der kühle West beweht die Rose,
Die eben izt den Busen schlose, (schlos)
Entathmet ihr den Götterduft,
Und füllt damit die Abendluft.

60Ha, wie es schwärmt und lebt von tausend Leben,
Die alle dich, Unendlicher, erheben,
Zerflossen in melodischem Gesang,
Wie tönt des Jubels himmlischer Gesang!
Wie tönt der Freude hoch erhabner Klang!
65Und ich allein bin stumm – nein, tön es aus, o Harfe,
Schall Lob des HErrn in seines Staubes Harfe!

Verstumm Natur umher, und horch der hohen Harfe,
718Dann GOtt entzittert ihr,
Hör auf, du Wind, durchs Laub zu sausen,
70Hör auf, du Strom, durchs Feld zu brausen,
Und horcht und betet an mit mir:
GOtt thuts, wenn in den weiten Himmeln
Planeten und Kometen wimmeln,
Wenn Sonnen sich um Axen drehn,
75Und an der Erd vorüberwehn.

GOtt – wenn der Adler Wolken theilet,
Von Höhen stolz zu Tiefen eilet,
Und wieder auf zur Sonne strebt.
GOtt – wenn der West ein Blatt beweget,
80Wenn auf dem Blatt ein Wurm sich reget,
Ein Leben in dem Wurme lebt,
Und hundert Fluten in ihm strömen,
Wo wieder junge Würmchen schwimmen,
Wo wieder eine Seele webt.

85Und willst du, HErr, so steht des Blutes Lauf,
So sinkt dem Adler sein Gefieder,
So weht kein West mehr Blätter nieder,
So hört des Stromes Eilen auf,
Schweigt das Gebrauß empörter Meere,
90Krümmt sich kein Wurm, und wirbelt keine Sphäre –
O Dichter schweig: zum Lob der kleinen Myriaden,
Die sich in diesen Meeren baden,
Und deren Sein noch keines Aug durchdrang,
Ist todtes Nichts dein feurigster Gesang.

95Doch bald wirst du zum Thron die Purperflügel schwingen,
Dein kühner Blik noch tiefer tiefer dringen,
719Und heller noch die Engelharfe klingen;
Dort ist nicht Abend mehr, nicht Dunkelheit,
Der Herr ist dort und Ewigkeit!

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Autor
Friedrich Schiller (1759–1805) · Wikidata Q22670
Título
Der Abend (Schiller)
Lengua
alemán
Época
Romanticismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-der-abend-schiller--friedrich-schiller-e86728
Cita recomendada
Friedrich Schiller, «Der Abend (Schiller)», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-der-abend-schiller--friedrich-schiller-e86728.html

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