Aufforderung.
Von Rudolf Lavant †
Ein halber Mann, dess‘ Tage schwinden
In selbstischer Befangenheit, ―
Du sollst im Busen mitempfinden
Den hohen Wellenschlag der Zeit!
5Ein schlechter Mann, dem da gelassen
Durch das Geäder schleicht das Blut, ―
Du sollst voll tiefen Ingrimms hassen
Und lieben mit der Seele Glut!
Du sollst zur Linken oder Rechten
10Dich schlagen ― das ist Pflichtgebot!
Du sollst mit blanker Waffe fechten,
Getreuen Muts, in Glück und Not!
Der Fahne treu, die du erkoren,
Sollst du, gebeugt von keiner Pein,
15Ein Kind der Zeit, die dich geboren,
In jedem Atemzuge sein!
Sei ganz, was deine Pflichten fordern,
Was diese große Zeit begehrt!
Laß hell die Glut, die heil’ge lodern,
20Und lächle, wenn sie dich verzehrt!
Und wenn im Kampf die Jahre schwanden,
Sei stolz auf deines Hauptes Schnee;
Du hast in Reih und Glied gestanden
Mit den Soldaten der Idee!
25Nur einen Tag von sieben träume ―
Doch diesen einen halte wert!
Ein Tempel sind die engsten Räume
So oft er freundlich wiederkehrt.
Hat er vom Staub des Kampfgefildes
30Die müde Seele rein gemacht ―
Dann frisch zurück, in rauhes, wildes,
Erbittertes Gefühl der Schlacht!