Zum VI. Deutschen Stenographentag.
Den Männern Heil aus allen deutschen Gauen,
Die an der Elbe sommergrünen Strand
Der Kunstgenossen ehrendes Vertrauen
Zu ernster Tagung, weisem Rath entsandt!
5Den Männern Heil, die hier den Geist der Treue,
Den Geist der Ehrfurcht und den hohen Sinn
Bekunden werden und den Blick auf's Neue,
Der edlen Kunst zu bleibendem Gewinn.
So mancher Kranz, so manche Fahnenschleife
10Schmückt unser Banner, das uns werth und lieb,
Seit unsrer Kunst das Zeugniß edler Reife
Mit fester Hand der Geist der Menschheit schrieb.
Die Schule hofft, nach diesen Dresdner Tagen,
Wo man den Druck der Bruderhand getauscht,
15Soll neuen Kranz und neue Schleifen tragen
Das alte Banner stolz und ruhmumrauscht.
Es wallt das Blut uns leichter durch die Adern
Bei jedem Blick auf den gewalt’gen Thurm,
Den wir gefügt aus wohlbehaunen Quadern,
20Der jedem Wetter trotzt und jedem Sturm.
Die Schule weiß, nach diesen Dresdner Tagen
Wird er, geprüft durch schlichter Eintracht Geist,
Noch unnahbarer zu den Wolken ragen,
Von Adlern des Gedankens nur umkreist.
25Wie Franz Xaver die Arbeit einst begonnen,
Der heute noch Bewunderung gebührt,
So stetig hat, so wägend, so besonnen
Die Schule sie bis heute fortgeführt.
Auch Dresden wird in solchem Geiste walten
30Des hohen Erbes und den festen Stab,
Das gute Schwert aus edlem Stahl behalten,
Das uns der Meister in die Hände gab.
Man mag getrost mit Nebendingen rechten,
Wenn festen Boden erst der Fuß gewann
35Und seine Neigung darf und soll verfechten
Der Wissende, so gut und scharf er kann.
Das bringt den Thurm im Leben nicht in’s Wanken,
Zu dem empor die Feinde neidisch seh’n;
Das Fundament der führenden Gedanken
40Wird unverrückbar ewig fortbesteh’n.
Gerade Jene, die das Beste leisten,
Die auf dem Grunde tiefsten Wissens ruh’n,
Die zaudern auch, die zögern auch am meisten,
Eh’ sie den kleinsten Schritt vom Wege thun.
45Die Phantasie des Neulings jagt in׳s Weite
Und wagt auch Sprünge wohl auf gutes Glück —
Die Schule hofft, der Geist des Meisters leite
Zur rechten Zeit die Schweifenden zurück.
Ist es zu viel, was wir zu heischen wagen
50In stiller Stunde, die den Blick uns klärt,
Von diesen bunten arbeitsreichen Tagen?
Wird Alles uns, was wir gehofft, gewährt?
Es wäre klug vielleicht, sich zu bescheiden,
Doch waren wir um unserer Treue Gold,
55Um unser Glück so oft schon zu beneiden —
Sie bleiben sicher uns auch diesmal hold!
Du kommst nach ernster, reifer Ueberlegung,
Kein Irrlicht lockt, es blendet Dich kein Dunst;
Wir grüßen Dich in Hoffnung und Bewegung
60Mit Hand und Mund, Du Parlament der Kunst!
Sei klar, sei fest, aus einem stolzen Gusse,
Sei so, wie die Vergangenheit Dich kennt,
Und lege nieder einen Kranz zum Schlusse
An Deines todten Meisters Monument!
Rudolf Lavant.