CADA PIEZA VIVE EN UNA DIRECCIÓN · NADA VIVE EN UNA SOLA SALA  

PoetósferaLa BibliotecaFriedrich Rückert

Friedrich Rückert · Romanticismo

Zehntes Buch

alemán

95.

Wie nun des Tages Pfau sein farbiges Gefieder
Entfaltet', und der Rab der Nacht den Kopf bog nieder;
Umgürtete der Held den Stahl, den lebenraubenden,
Und seinen Drachen schirrt' er an, den feuerschnaubenden.
Zum Kampfplatz wie ein Sturm kam er hinan geschnaubt,
Hell glänzt' im Morgenstral der Helm auf seinem Haubt.
Im Felde sah er dort sich um, es nam ihn Wunder,
Daß noch nicht war am Ort der junge Feuerzunder.
Der trank noch Morgenwein vergnügt bei Lautenton,
Und seiner wartete der Tod, der Vater, schon.
Er sprach zu Baruman: Der grimmige Löwengreis,
Mit dem ich heute nun mich tummeln soll im Kreiß;
Er ist nicht unter mir an ragender Gestalt,
Und steht nicht hinter mir zurück an Kampfgewalt.
Wenn ich ihn seh an Brust, Arm, Schulter und Genicke,
Ist mirs alsob ich selbst im Spiegel mich erblicke;
Alsob ich selber so müßt anzusehen sein,
Wenn soviel Jahr als ihm die Sterne mir verleihn!
Des Helden Anblick treibt die Scham auf meine Wangen,
Und regt im Busen mir ein liebendes Verlangen.
O sag mir, ob er ist der Vater, den ich suche!
Damit die Welt mir nicht als Vatermörder fluche!
Was sollt ich, kehrt ich heim, der armen Mutter sagen?
Daß ich den Gatten ihr, den Vater mir, erschlagen!
Der Gatte zwar ist schon der Mutter lang entflohn;
Und desto mehr verlangt sie nun zurück den Sohn.
Zu ihr möcht ich zurück, hätt ich den Vater nur
Gefunden erst, den ich hieher zu suchen fur!
Die Zeichen treffen ein, die mir die Mutter gab;
Nicht töten will ich ihn für den Afrasiab!
Zwar gestern ist mir der Gedanke, den ich trug,
Vergangen, als der Mann so lieblos auf mich schlug.
Doch in der Nacht ist es mir wieder aufgestiegen,
Im Traume fand ich mich in seinen Armen liegen:
Da lag ich gut und sanft! ich will mit ihm nicht kriegen!

96.

Zu ihm sprach Baruman, nachdem er still bedacht,
Wozu Afrasiab verbindlich ihn gemacht:
Ich dächt, es hätte doch dir müßen nun verfliegen
Der Traum, im Arme sei sanft diesem Mann zu liegen!
Denn warlich muß, nach dem was du von ihm gesprochen,
Kein Herz, ein menschliches, in seinem Busen pochen.
Dein Mut hat einmal mit den mörderischen Händen
Den Kampf begonnen; mag den Kampf dein Mut vollenden!
Willst du nicht lösen dein verpfändetes Versprechen?
Du gabst dein Wort zurückzukehren; willst dus brechen?
Er wartet draußen schon, und wird dich mürrisch fragen:
Wo bleibst du, lieber Sohn? du scheinst vor mir zu zagen!
Ein Feigling bist du ihm, und bist du dir, erschienen;
Mit diesem Mut wirst du den Vater nicht verdienen!
Von deinem Vater ist mir Sichres nicht bekant;
Doch dich hat seinen Sohn Afrasiab genant.
Des Namens machest du dich wert, wann mutentbrant
Du jenen, der dir trotzt, hast in den Staub gerant.
Ich kenne nicht den Mann, und frage nicht, warum
Er seinen Namen birgt; befrag ihn selbst darum!
Doch lieber, wenn du mir gehorchest, frag ihn nicht!
Schlag ihn, eh er dich schlägt! brich ihn, eh er dich bricht!
So warst du deinen Ruhm, und übest deine Pflicht.
So sprach er, und sein Rat klang Suhrabs Ohren hohl;
Dem Redner selber war dabei ums Herz nicht wol.
Doch Sorg und Zweifel nun schlug Suhrab in den Wind,
Legt' an sein Heergeschmeid, und sprang aufs Ross geschwind;
Entgegen flog in Eil dem Vater nun sein Kind.

97.

Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,
Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;
Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin
Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:
Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht
Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.
Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;
Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.
Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,
Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.
Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,
Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.
Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,
Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;
Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,
Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.
Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen
Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!
Im Angesichte des und jenes Heeres laß,
Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!
Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne
Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.
Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;
Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.
Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,
Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.
Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;
Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:
Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.
Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh
Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!
Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen
Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.

98.

So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur
Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.
Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,
Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.
Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,
Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;
Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält
Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:
So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach
Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:
Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,
Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.
Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,
Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.
Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;
Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.
Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,
Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.
Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,
Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.
Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,
Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!
Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern
Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.
Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;
Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.
Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!
Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!

99.

Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,
Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!
Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl
Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,
Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,
In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.
Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,
Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!
So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;
Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.
Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang
Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.
Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen
Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;
Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,
Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:
Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,
Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.
So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,
Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.
Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als
Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.
Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen
Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!
Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,
Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.

100.

Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht
Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.
Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;
Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.
Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,
Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.
Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,
Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:
So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;
Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:
An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.
Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;
Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.
Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,
Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.
Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,
Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;
Indessen hielten sie am Boden die gestemmten
Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten
Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,
Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,
Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,
Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.
Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;
Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.
Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;
Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.
Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,
Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.
Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand
Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.
Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge
Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.
Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust
Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.
Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann
Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.
Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,
Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.

101.

Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach
Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!
Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:
Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.
Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet
Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.
Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht
Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.
Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,
Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?
Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?
Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. —
Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,
Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:
Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,
Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;
Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.
Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,
Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.
Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder
Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.
Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,
Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.
Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß
Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.

102.

Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual,
Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,
Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste
Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,
Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen
Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.
Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,
Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.
Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht
Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.
Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,
Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:
So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,
Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.
Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;
Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.
Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!
Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.
Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,
Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!
Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,
So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.
Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar
Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.
Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern
Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.
Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,
Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.

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