Weihnacht.
Ihr kennt das Vöglein, farbig angeflogen,
Das durch der Tannen breit Geäste schlüpft,
An dessen Schnabel, übers Kreuz gebogen,
Sich eine lieblich-zarte Sage knüpft?
5Dann wißt ihr auch, daß er im Winter brütet
Und nicht im Lenz, wie’s andrer Vögel Brauch,
Und daß er zärtlich seine Jungen hütet
Vor der Dezemberstürme eis’gem Hauch.
Was treibt ihn nur, die schönste Liebesfeier
10In jener Zeit der Starre zu begeh’n,
Wenn nur des Rauchfrost’s duft’ge lose Schleier
Sein kleines Nest, sein kunstvoll Heim umweh’n?
Ihr steht und staunt und ― solltet doch nicht fragen.
Das Vöglein baut zur Weihnachtszeit sein Nest,
15Und wir begeh‘n in diesen rauhen Tagen
Der Liebe schönes, weihevolles Fest.
Warum nicht dann, wenn froh die Lerchen steigen,
Die Schwingen badend in der Sonne Licht,
Wenn weit und breit aus leicht geschwellten Zweigen
20Das junge Grün nach warmem Regen bricht?
Warum nicht dann, wenn lind die Saaten wogen,
Der Rosen Düfte uns in’s Freie bannt
Und siebenfarbig sich der Regenbogen
Von Berg zu Berg als Liebesbrücke spannt?
25Das Vöglein ätzt geduldig seine Jungen
Und hüllt sie ein mit seinem weichen Flaum
Und weicht die Körnchen für die kleinen Zungen
Bedächtig auf und spürt die Kälte kaum.
Wir sind bewegt in unsrer Seele Gründen
30Und sind auf Eins nur früh und spät bedacht:
Dem Kinderhäuflein wieder anzuzünden
Den Lichterbaum in kalter Winternacht.
Wir opfern lächelnd die gesparten Groschen
Für einen Kuß vom ros’gen Kindermund,
35Und Herzen selbst, die still in sich verloschen,
Wird ungewohnte sanfte Regung kund.
Der Nadelduft vereint entzweite Gatten
Und uns’rer Feinde denken wir erweicht;
Erprobt es nur ― in eines Christbaums Schatten
40Vergibt es sich, vergißt es sich so leicht!
In dieser Welt des Hasses und des Neides
Ein Fest der Liebe? Ist es nicht ein Traum?
Und doch der Quell, der sprudelnde, des Leides,
Er scheint verstopft, umduftet uns der Baum,
45Ein Wunder ist’s wie jene Liebesfeier,
Wie Bau’n und Brüten zwischen Schnee und Eis.
Wer hebt der beiden schönen Wunder Schleier,
Und welchem Wunder geben wir den Preis?
Rudolf Lavant.