1
Der Paladin beginnt nun seine Traumgeschichte
Wie folget: Was du auch, mein guter Scherasmin,
Von dem, was ich dir itzt berichte,
Im Herzen denken magst, so ist's doch kein Gedichte,
Daß ich, Gott sey es Dank! noch stets an Leib und Sinn,
So wie du hier mich siehst, ein reiner Jüngling bin.
Nie hat vor diesem Tag in meinem ganzen Leben
Mein unbefangnes Herz der Liebe Raum gegeben.
2
Es waren zwar der schönen Jungfrauen viel
An meiner Mutter Hof, und an Gelegenheiten,
Die einen Knaben leicht zur Tändeley verleiten,
Gebrach es nicht, zumahl beym Pfänderspiel:
Da gab's wohl manchmahl auch ein Strumpfband aufzulösen;
Allein der schönste Fuß ließ meine Fantasey
In stolzer Ruh; und wär's Genevrens Fuß gewesen,
Es war ein Fuß, mehr dacht' ich nicht dabey.
3
Daß ich von Kindheit an so viele offne Busen
Und bloße Schultern sah, mocht' auch mit Ursach' seyn.
Gewohnheit gleicht in diesem Stück Medusen,
Und für das Schönste selbst verkehrt sie uns in Stein.
Allein, was half mir's, frey geblieben
Zu seyn bis in mein zweymahl zehntes Jahr?
Auch meine Stunde kam! Ach, Freund! mein Schicksal war
Im Traum zum ersten Mahl zu lieben.
4
Ja, Scherasmin, nun hab' ich sie gesehn,
Sie, von den Sternen mir zur Siegerin erkohren;
Gesehen hab' ich sie, und, ohne Widerstehn,
Beym ersten Blick mein Herz an sie verloren.
Du sprichst, es war ein Traum? Nein, Mann! ein Hirngespenst
Kann nicht so tiefe Spuren graben!
Und wenn du tausendmahl mich einen Thoren nennst,
Sie lebt, ich hatte sie, und muß sie wieder haben.
5
O hättest du den holden Engel doch
Gesehn wie ich!—Zwar, wenn ich mahlen könnte,
Ich stellte sie dir hin, so glühend wie sie noch
Vor meiner Stirne schwebt, und bin gewiß, sie brennte
Dein altes Herz zu einer Kohle aus.
O daß nur etwas mir geblieben wär', das Leben
Von ihr empfing! ach! nur der Blumenstrauß
An ihrer Brust! was wollt' ich nicht drum geben!
6
Denk dir ein Weib im reinsten Jugendlicht,
Nach einem Urbild von dort oben
Aus Rosengluth und Lilienschnee gewoben;
Gieb ihrem Bau das feinste Gleichgewicht;
Ein stilles Lächeln schweb' auf ihrem Angesicht,
Und jeder Reitz, von Majestät erhoben,
Erweck' und schrecke zugleich die lüsterne Begier:
Denk alles, und du hast den Schatten kaum von ihr!
7
Und nun, sanft angelockt von ihren süßen Blicken,
Dieß holde Weib, das nur die Luftgestalt
Von einem Engel schien, an meine Brust zu drücken,
Zu fühlen, wie ihr Herz in meines überwallt,
Ist's möglich, daß ich vor Entzücken
Nicht gar verging?—Nun komm, und sprich mir kalt,
Es war ein Traum! Wie schal, wie leer und todt ist neben
So einem Traum mein vorigs ganzes Leben!
8
Noch einmahl, Scherasmin, es war kein Schattenspiel
Im Sitz der Fantasie aus Weindunst ausgegohren!
Ein unbetrügliches Gefühl
Sagt mir, sie lebt, sie ist für mich geboren.
Vielleicht war's Oberon, der sie erscheinen ließ.
Ist's Wahn: o laß ihn mir! die Täuschung ist so süß!
Doch, nichts von Wahn! Kann solch ein Traum betrügen,
O so ist alles Wahn! so kann die Wahrheit lügen!
9
Der Alte wiegt sein zweifelreiches Haupt,
Wie wenn man euch ein Wunderding erzählet,
Wovon ihr nichts im Herzen glaubt,
Wiewohl euch Grund es wegzuläugnen fehlet.
Was denkst du? fragt der Ritter.—Das ist's just
Was mich verlegen macht, versetzt der Unverliebte:
Ich hätte freylich wohl zu manchem Einwurf Lust;
Allein was hälf's am End', als daß ich euch betrübte?
10
Nur, vor der Hand, weil euer fürstlich Wort
Euch einmahl gegen Karl verbindet,
So, dächt' ich, setzten wir den Zug nach Bagdad fort.
Vielleicht daß unterwegs der Zauber wieder schwindet;
Vielleicht daß Oberon dabey sein bestes thut,
Und unversehens sich die Traumprinzessin findet.
Inzwischen, lieber Herr, thut euch die Hoffnung gut,
So hofft! Man macht dabey zum mindsten rothes Blut.
11
Weil dieß der Knappe spricht, steht mit gesenkter Stirne
Der Ritter da; denn plötzlich hatte sich
In seinem liebeskranken Hirne
Die Scene umgekehrt. Ach, spricht er, täusche mich
Nicht auch mit falschem Trost! Feindselige Gestirne
Sind über mir. Was kann ich hoffen? Sprich!
Der Sturm, der sie von meiner Brust gerissen,
Läßt, leider, mich zu viel von meinem Schicksal wissen.
12
Entrissen ward sie mir! Noch streckt sie aus der Flut
Die Arme gegen mich—noch stockt vor Angst mein Blut—
Und ach! wie an den Grund mit Ketten
Geschmiedet, stand ich da, ohnmächtig sie zu retten!
Das war im Traum, spricht Scherasmin: wofür
Euch ohne Noth mit schwarzer Ahnung grämen?
Ein Traum läßt nie von Art. Das beste, glaubet mir,
Ist's, sich daraus nur was uns freut zu nehmen.
13
Daß euch im Traum ein wohl gewogner Geist
Die künft'ge Königin von euerm Herzen weist,
Das hat er gut gemacht! So etwas läßt sich glauben,
Und kurz, wir nehmen's nun für bare Wahrheit an.
Allein den Strom, den Wirbelwind, die Schrauben
An Hand und Fuß, die hat der Traum hinzu gethan.
Mir selbst ist oft in meinen jüngern Jahren,
Wenn mich der Alp gedrückt, dergleichen widerfahren.
14
Da, zum Exempel, läuft ein schwarzer Zottelbär,
Indem ich wandeln geh', der Himmel weiß woher,
Mir in den Weg; ich greif' im Schrecken nach dem Degen
Und zieh', und zieh'—umsonst! Ein plötzlich Unvermögen
Strickt jede Sehne mir in allen Gliedern los;
Zusehens wird der Bär noch siebenmahl so groß,
Sperrt einen Rachen auf so gräßlich wie die Hölle;
Ich flieh' und ängst'ge mich, und kann nicht von der Stelle.
15
Ein andermahl, wenn ihr von einem Abendschmaus
Nach Haus zu gehen träumt, bey einem alten Gaden
Vorbey; auf einmahl knarrt ein kleiner Fensterladen,
Und eine Nase guckt heraus
So lang als euer Arm. Ihr sucht, halb starr vor Schrecken,
Ihr zu entfliehn, und vorn und hinten stehn
Gespenster da, die ins Gesicht euch sehn,
Und feur'ge Zungen weit aus langen Hälsen recken.
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Ihr drückt in Todesangst euch seitwärts an die Wand
Die gegenüber steht—und eine dürre Hand
Fährt durch ein rundes Loch euch eiskalt übern Rücken,
Und sucht an euch herum, euch da und dort zu zwicken.
Ein jedes Haar auf euerm Kopfe kehrt
Die Spitz' empor, zur Flucht ist jeder Weg verwehrt,
Die Gasse wird zusehens immer enger,
Stets frostiger die Hand, die Nase immer länger.
17
Dergleichen, wie gesagt, begegnet oft und viel;
Allein, am End' ist's doch ein bloßes Possenspiel,
Das Nachtgespenster sich in unserm Schädel machen;
Die Nase sammt der Angst verschwindet im Erwachen.
Ich dächt' an euerm Platz dem Ding nicht weiter nach,
Und hielte mich an das, was mir der Zwerg versprach.
Frisch auf! Mir ahnet was! Es müßte übel enden,
Wenn wir die Dame nicht in Bagdad wiederfänden.
18
Bey diesem Worte springt der Ritter, angeweht
Von frischem Muth, empor, als hätt' ihm nichts geträumt.
Der Morgenluft entgegen wiehernd, steht
Sein Renner schon gesattelt und gezäumet.
Er schwingt sich auf, und wie er aus dem Feld
Zurücke schaut, verschwunden ist das Zelt:
In einem Wink erhob sich's aus dem Rasen,
In einem Wink war alles weggeblasen.
19
Sie zogen nun dem Lauf des hohen Eufrats nach,
Von Palmen und Gebüsch vorm Sonnenstrahl geborgen,
Durchs schönste Land der Welt, stillschweigend, keiner sprach
Ein Wort, wiewohl's an Stoff zum Reden nicht gebrach;
Denn jeder war vertieft in andre Sorgen.
Die reine Luft, der angenehme Morgen,
Der Vögel Lustgesang, des Stromes stiller Lauf,
Weckt beider Fantasie aus leisem Schlummer auf.
20
Der Ritter sieht in ihrem Zauberspiegel
Nichts sehenswerth als das geliebte Bild.
Er mahlt die Göttin sich auf seinen blanken Schild,
Erklimmt auf ihrer Spur des Taurus schroffsten Hügel,
Steigt, sie erfragend, bis in Merlins furchtbars Grab,
Bekämpft die Riesen und die Drachen,
Die um das Schloß, worin sie schmachtet, wachen,
Und kämpfte sie der ganzen Hölle ab.
21
Indessen er, in eingebildeter Wonne,
Die schwer errungne Braut an seinen Busen drückt,
Sieht unvermerkt ans Ufer der Garonne,
Wo er als Kind den ersten Strauß gepflückt,
Von Eufrats Ufern weg der Alte sich verzückt.
Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne
So mild als da, wo sie zuerst mir schien,
So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grün!
22
Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
Sey immerhin unscheinbar, unbekannt,
Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen,
Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt;
O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen,
Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!
23
In solcher Träumerey schwind't unvermerkt der Raum
Der sie von Bagdad trennt, bis itzt die Mittagshitze
In einen Wald sie treibt, der vor der Gluth sie schütze.
Noch ruhten sie um einen alten Baum,
Wo dichtes Moos sich schwellt zum weichen Sitze,
Und Oberons Pokal erfrischt den trocknen Gaum;
Als, eben da er sich zum dritten Mahle füllet,
Ein gräßliches Geschrey in ihre Ohren brüllet.
24
Sie springen auf. Der Ritter faßt sein Schwert
Und fleugt dahin, woher die Zetertöne schallen!
Und sieh! ein Sarazen zu Pferd,
Von einem Löwen angefallen,
Kämpft aus Verzweiflung noch, erschöpft an Kraft und Muth,
Mit matter Faust. Schon taumelt halb zerrissen
Sein Roß, und wälzt mit ihm in einem Strom von Blut
Sich um, und hat vor Angst die Stange durchgebissen.
25
Grimmschnaubend stürzt der Löw' auf seinen Gegner los,
Aus jedem Blick schießt eine Feuerflamme.
Indem fährt Hüons Stahl ihm seitwärts in die Wamme.
Der Thiere Fürst, den solch ein Gruß verdroß,
Erwiedert ihn mit einer langen Schramme,
Nach der des Ritters Blut aus tausend Quellchen floß:
Hätt' Angulaffers Ring nicht über ihm gewaltet,
Ihn hätt' auf Einen Zug der Löw' entzwey gespaltet.
26
Herr Hüon rafft, was er an Kraft vermag,
Zusammen, (denn sein Tod blitzt aus des Löwen Blicke)
Und stößt sein kurzes Schwert mit Macht ihm ins Genicke.
Vergebens schwingt sich noch der Schweif zu einem Schlag,
Von dem, wofern der Ritter nicht zurücke
Gesprungen wär', er halb zerschmettert lag;
Vergebens dräuet noch die fürchterliche Tatze;
Ein Streich von Scherasmin erlegt ihn auf dem Platze.
27
Der Sarazen (den reichen Steinen nach,
Die hoch auf seinem Turban blitzen,
Ein Mann von Wichtigkeit) schien noch vor Angst zu schwitzen.
Die Ritter führen ihn am Arme ganz gemach
Den Räumen zu, in deren Schirm sie lagen;
Man reicht zur Stärkung ihm den goldnen Becher dar,
Und auf Arabisch spricht der Alte: Herr, fürwahr,
Ihr habt dem Gott der Christen Dank zu sagen!
28
Mit schelem Auge nimmt der Held' aus Hüons Hand
Den Becher voll, und wie er an der Lippen Rand
Ihn bringt, versiegt der Wein, und glühend wird der Becher
In seiner Faust, der innern Schalkheit Rächer!
Er schleudert ihn laut brüllend weit von sich,
Und stampft, und tobt, und lästert fürchterlich.
Herr Hüon, dem es graut ihm länger zuzuhören,
Zieht sein geweihtes Schwert, den Helden zu bekehren.
29
Allein, der Schalk, der übermannt sich hält,
Hat keine Lust zur Gegenwehr zu stehen;
Wie ein gejagter Strauß läuft er ins nahe Feld,
Wo beide Pferd' im Grase weiden gehen.
Risch schwingt er sich auf Hüons Klepper, faßt
Ihn bey der Mähn', und mit verhängten Zügeln
Rennt er davon, in solcher Angst und Hast,
Als säß' er zwischen Sturmwindsflügeln.
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Das Abenteu'r war freylich ärgerlich;
Allein was half's, dem Lecker nachzulaufen?
Zum Glücke war ein Ding, das einem Maulthier glich,
Im nächsten Dorf um wenig Geld zu kaufen.
Das arme Thier, durchsichtiger als Glas,
Schien kaum belebt genug, bis Bagdad auszureichen;
Doch däucht's dem Alten noch auf dessen Rückgrat baß
Als seinem Herrn zu Fuße nachzukeichen.
31
So setzten beide nun nach dem gewünschten Port
Den ritterlichen Zug so gut sie konnten fort.
Der Sonnenwagen schwebt schon an des Himmels Grenzen,
Auf einmahl sehen sie, von fern im weiten Thal,
Gekrönt mit Thürmen ohne Zahl,
Der Städte Königin im Abendschimmer glänzen,
Und, durch ein Paradies von ewig frischem Grün,
Den breiten Strom des schnellen Tigers fliehn.
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Ein wundersam Gemisch von Schrecken und Entzücken,
Geheime Ahnungen, und fremde Schauer drücken
Des Ritters Herz, da ihm der Schauplatz auf sich thut,
Wo mehr sein Wort und angestammter Muth
Als Karls Gebot, ihn treibt ein Wagstück zu bestehen,
Wovon kaum möglich ist ein besser Ziel zu sehen
Als jähen Tod. Gewiß war immer die Gefahr,
Doch schien sie nie so groß als da sie nahe war.
33
Er sieht mit ihren goldnen Zinnen,
Gleich einer Götterburg, in furchtbar stolzer Pracht
Der Emirn Burg, den Thron, der Asien zittern macht,
Und spricht zu sich: Und Du, was gehst du zu beginnen?
Er stutzt. Doch bald stärkt wieder seine Sinnen
Des Glaubens Muth, der ihn so weit gebracht,
Und eine Stimme scheint ihm leise zuzugehen,
Er werde die er liebt in jenen Mauern sehen.
34
Auf, ruft er, Scherasmin, spann alle Segel auf!
Du siehst das Ziel von meinem langen Lauf;
Wir müssen Bagdad noch vor dunkler Nacht erreichen.
Nun geht's im schärfsten Trott, daß Roß und Reiter keichen.
Der Knapp' gießt seinem Thier mitleidig etwas Wein
Aus Oberons Becher auf die Zunge:
Da, spricht er, trink, du guter treuer Junge,
Der Becher trocknet nicht für deines gleichen ein.
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Er hatte Recht. Kaum saugt des Maulthiers Zunge
So lechzend als ein ausgebrannter Stein
Den süßen Thau des Zaubergoldes ein,
So schießt mit allbelebendem Schwunge
Ein Feuerstrom durch Adern und Gebein;
Von neuer Kraft gespannt, erfrischt an Herz und Lunge,
Läuft's, einem Windspiel gleich, mit ihm davon,
Und eh' der Tag erlischt sind sie in Babylon.
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Noch irrten sie in seinen ersten Gassen
Unkundig in der Dämm'rung hin und her,
Als Fremde, die sich bloß vom Zufall leiten lassen:
Da kam des Wegs von ungefähr
An ihrem Stab ein Mütterchen gegangen,
Mit grauem Haar und längst verwelkten Wangen.
He Mutter, seyd so gut, schreyt Scherasmin sie an,
Und weiset uns den Weg zu einem Han.
37
Die Alte bleibt gestützt auf ihre Krücke stehen,
Und hebt ihr wankend Haupt, die Fremden anzusehen.
Herr Fremdling, spricht sie drauf, von hier ist's ziemlich weit
Zum nächsten Han; doch, wenn ihr müde seyd
Und wenig euch genügt, so kommt in meine Hütte;
Da steht euch Milch und Brot, und eine gute Schütte
Von frischem Stroh zu Dienst, und Gras für euer Vieh;
Ihr ruhet aus, und zieht dann weiter morgen früh.
38
Mit großem Dank für ihr gastfreundliches Erbieten
Folgt Hüon nach. Ihm däucht kein Lager schlecht,
Wo Freundlichkeit und Treu' der offnen Thüre hüten.
Die neue Baucis macht in Eil die Streu zurecht,
Wirft Quendel und Orangenblüthen
Aus ihrem Gärtchen drauf, trägt fette Milch voll Schaum
Und saft'ge Pfirschen auf, und Feigen frisch vom Baum,
Beklagend, daß ihr jüngst die Mandeln nicht geriethen.
39
Dem Fürsten dünkt, er hab' in seiner Lebenszeit
Nie so vergnüglich Mahl gehalten.
Was der Bewirthung fehlt, ersetzt der guten Alten
Vertrauliche Geschwätzigkeit.
Die Herren, spricht sie, kommen eben
Zu einem großen Fest.—"Wie so?"—Ihr wißt es nicht?
Es ist das einz'ge doch was man in Bagdad spricht;
Die Tochter unsers Herrn wird morgen ausgegeben.
40
"Des Sultans Tochter? Und an wen?"
Der Bräutigam ist einer von den Neffen
Des Sultans, Fürst der Drusen, reich und schön,
Und auf dem Schachbret soll ihn keiner übertreffen;
Mit Einem Wort, ein Prinz, den alle Welt
Der schönen Rezia vollkommen würdig hält.
Und doch—gesagt im engesten Vertrauen—
Sie ließe lieber sich mit einem Lindwurm trauen.
41
Das nenn' ich wunderlich, versetzt der Paladin,
Ihr werdet's uns so leicht nicht glauben machen.
"Ich sag' es noch einmahl, eh' die Prinzessin ihn
So nahe kommen läßt, umarmt sie einen Drachen,
Da bleibt's dabey!—Mir ist von langer Hand
Das Wie und Wann der Sache wohl bekannt.
Zwar hab' ich reinen Mund gar hoch versprechen müssen;
Doch, gebt mir eure Hand, so sollt ihr alles wissen.
42
"Es wundert euch vielleicht, wie eine Frau, wie ich,
Zu solchen Dingen kommt, die selbst dem Fürstenstamme
Verborgen sind und sonsten männiglich?
So wisset denn, ich bin die Mutter von der Amme
Der schönen Rezia, bey der sie alles gilt,
Wiewohl schon sechzehn volle Jahre
Verflossen sind, seit Fatme sie gestillt;
Nun merkt ihr leicht, woher ich manchmahl was erfahre.
43
"Man weiß, daß schon seit Jahren der Kalif,
Auf seine Tochter stolz, nicht selten
An Festen, die er gab, sie mit zur Tafel rief,
Wo schöner Männer viel sich ihr vor Augen stellten.
Allein auch das weiß Stadt und Land,
Daß keiner je vor ihr besonders Gnade fand;
Sie schien sie weniger mit mädchenhaftem Grauen
Als mit Verachtung anzuschauen.
44
"Indessen ward geglaubt, sie könne Babekan
(So heißt der Prinz, den sich zum Tochtermann
Der Sultan auserwählt) vor allen andern leiden.
Nicht, daß beym Kommen oder Scheiden
Das Herz ihr höher schlug; ihn nicht mit Fleiß zu meiden
War wohl das höchste, was er über sie gewann:
Allein, sie war doch sonst für niemand eingenommen;
Die Liebe, dachte man, wird nach der Hochzeit kommen.
45
"Jedoch, seit einem Zwischenraum
Von wenig Wochen, hat sich alles umgekehret.
Seitdem kann Rezia den armen Prinzen kaum
Vor Augen sehn. Ihr ganzes Herz empöret
Sich, wenn sie nur von Hochzeit reden höret;
Und, was unglaublich ist, so hat ein bloßer Traum
Die Schuld daran."—Ein Traum? ruft Hüon ganz in Feuer;
Ein Traum? ruft Scherasmin, welch seltsam Abenteuer!
46
Ihr träumte, fährt die Alte fort,
Sie werd' in Rehgestalt an einem wilden Ort
Von Babekan gejagt. Sie lief, von zwanzig Hunden
Verfolgt, in Todesangst herab von einem Berg;
Ihm zu entfliehen war die Hoffnung schon verschwunden!
Da kam ein wunderschöner Zwerg
In einem Faëton, den junge Löwen zogen,
In vollem Sprung entgegen ihr geflogen.
47
Der Zwerg in seiner kleinen Hand
Hielt einen blüh'nden Lilienstängel,
Und ihm zur Seite saß ein fremder junger Fant,
In Ritterschmuck, schön wie ein barer Engel;
Sein blaues Aug' und langes gelbes Haar
Verrieth, daß Asien nicht sein Geburtsland war;
Doch, wo er immer hergekommen,
Genug, ihr Herzchen ward beym ersten Blick genommen.
48
Der Wagen hielt. Der Zwerg mit seinem Lilienstab
Berührte sie; stracks fiel die Rehhaut ab:
Die schöne Rezia, auf ihres Retters Bitten,
Stieg in den Wagen ein, und setzt' erröthend mitten
Sich zwischen ihn und den, dem sich ihr Herz ergab,
Wiewohl noch Lieb' und Scham in ihrem Busen stritten.
Der Wagen fuhr nun scharf den Berg hinan,
Und stieß vor einen Stein, und sie erwachte dran.
49
Weg war ihr Traum, doch nicht aus ihrem Herzen
Der Jüngling mit dem langen gelben Haar.
Stets schwebt sein Bild, die Quelle süßer Schmerzen,
Bey Tag und Nacht ihr vor, und seit der Stunde war
Der Drusenfürst ihr unerträglich.
Sie konnt' ihn ohne Zorn nicht hören und nicht sehn.
Man gab sich alle Müh die Ursach' auszuspähn;
Umsonst, sie blieb geheim und stumm und unbeweglich.
50
Nur ihre Amm' allein, von der ich, wie gesagt,
Die Mutter bin, wußt' endlich Weg' zu finden,
Das seltsame Geheimniß, das sie nagt,
Aus ihrer Brust heraus zu winden.
Allein ihr wißt, ob mit vernünft'gen Gründen
Ein Schaden heilbar ist, der heimlich uns behagt?
Die arme Dame war sich selber gram, und wollte
Daß Fatme dennoch stets dem Übel schmeicheln sollte.
51
Indessen kam der Tag, vor dem so sehr ihr graut,
Stets näher. Babekan, um bey der spröden Braut
In beßre Achtung sich zu schwingen,
Ließ wenig unversucht; nur wollte nichts gelingen.
Sie war bekanntlich stets den Tapfern sehr geneigt,
Er hatte sich noch nie in diesem Licht gezeigt:
Laß, sprach er zu sich selbst, uns eine That vollbringen,
Der Unempfindlichen Bewundrung abzuzwingen!
52
Nun setzte seit geraumer Zeit
Ein ungeheures Thier das ganze Land in Schrecken:
Es fiel bey hellem Tag in Dörfer und in Flecken,
Und würgte Vieh und Menschen ungescheut.
Man sagt, es habe Drachenflügel,
Und Klauen wie ein Greif und Stacheln wie ein Igel,
Sey größer als ein Elefant,
Und wenn es schnaube, fahr' ein Sturm durchs ganze Land.
53
Seit Menschendenken war kein solches Thier erschienen,
Auch stand ein großer Preis auf dessen Kopf gesetzt;
Allein weil jedermann den seinen höher schätzt,
Hat niemand Lust das Schußgeld zu verdienen.
Nur Babekan hielt's des Versuches werth,
Durch eine kühne That der Schönen Stolz zu dämpfen.
Er geht im Pomp zum Sultan, und begehrt
Vergünstigung, den Löwen zu bekämpfen.
54
Und als ihm's der, wiewohl nicht gern, gewährt,
Bestieg er heute früh vor Tag sein bestes Pferd,
Und ritt hinaus. Was weiter vorgegangen
Ist unbekannt. Genug, er kam, zu gutem Glück,
Auf einem fremden Gaul, ganz leise, sonder Prangen
Und ohne eine Klau' vom Ungeheu'r zurück.
Man sagt, er habe stracks, so bald er heim gekommen,
Sich hingelegt und Bezoar genommen.
55
Bey allem dem sind nun mit unerhörter Pracht
Die Zubereitungen zum Hochzeitfest gemacht;
Unfehlbar wird es morgen vor sich gehen,
Und Rezia sich in der nächsten Nacht
In Babekans verhaßten Armen sehen.—
Eh' dieß geschieht, fuhr Hüon rasch heraus,
Eh' soll das große Rad der Schöpfung stille stehen!
Der Ritter und der Zwerg sind, glaubt mir, auch vom Schmaus.
56
Die Alte wundert sich des Wortes, und betrachtet
Genauer, was sie erst nicht sonderlich geachtet,
Des Fremden blaues Aug' und langes gelbes Haar,
Und seinen Ritterschmuck, und daß er nur gebrochen
Arabisch sprach, und daß er schöner war
Als je ein Mann, der in die Augen ihr gestochen:
Das rasche Wort, das er gesprochen,
Und diese Ähnlichkeit! es däucht ihr sonderbar.
57
Wo kam er her? warum? wer ist er? zwanzig Fragen
Zu diesem Zweck, die schon auf ihrer Zunge lagen,
Erstickte Hüons Ernst. Er that als wäre Ruh
Ihm noth, und legte sich auf seiner Streu zurechte.
Die Alte wünscht, daß ihm was süßes träumen möchte,
Und trippelt weg, und schließt die Thüre nach sich zu.
Allein wurmstichig war die Thür und hatte Spalten,
Und Vorwitz juckt das Ohr der guten Alten.
58
Sie schleicht zurück, und drückt so fest sie kann
Ihr lauschend Ohr an eine Ritze,
Und horcht mit offnem Mund und hält den Athem an.
Die Fremden sprachen laut, und, wie es schien, mit Hitze;
Sie hörte jedes Wort; nur, leider! war kein Sinn
Für eine alte Frau von Babylon darin:
Doch kann sie dann und wann, zum Trost in diesem Leiden,
Den Nahmen Rezia ganz deutlich unterscheiden.
59
Wie wundervoll mein Schicksal sich entspinnt!
(Rief Hüon aus) Wie wahr hat Oberon gesprochen,
Schwach ist das Erdenvolk und für die Zukunft blind!
Karl denkt, er habe mir gewiß den Hals gebrochen;
Auf mein Verderben zielt sein Auftrag sichtlich ab,
Und blindlings thut er bloß den Willen des Geschickes:
Der schöne Zwerg reckt seinen Lilienstab,
Und leitet mich im Traum zur Quelle meines Glückes.
60
Und daß (spricht Scherasmin) die Jungfrau, die im Traum
Das Herz euch nahm, gerade die Infante
Des Sultans ist, die Karl zu eurer Braut ernannte;
Daß alles so sich schickt, und daß auch Sie im Traum,
Wie ihr in sie, in Euch entbrannte,
So etwas glaubte man ja seinen Augen kaum!
Und doch, spricht Hüon, hat's die Alte nicht erfunden;
Den Knoten hat das Schicksal selbst gewunden.
61
Nur wie er aufzulösen sey,
Da liegt die Schwierigkeit!—Mich sollte das nicht plagen,
Erwiedert Scherasmin: Herr, darf ich ungescheut
Euch meine schlechte Meinung sagen?
Ich macht' es kurz und schnitt' ihn frisch entzwey.
Dem Junker linker Hand ließ' ich den Luftpaß frey
Und dem Kalifen seine Zähne,
Und hielte mich an meine Dulcimene.
62
Bedenkt's nur selbst, in ihrer Gegenwart
Die Ceremonie mit Kopfab anzufangen,
Hernach vier Backenzähn' und eine Hand voll Bart
Dem alten Herren abverlangen,
Und vor der Nas' ihm gar sein einzig Kind umfangen,
Bey Gott! das hat doch wahrlich keine Art!
Das Schicksal kann unmöglich wollen
Daß wir das Ziel uns selbst so grob verrücken sollen.
63
Zum Glück, daß Oberon das beste schon versah.
Das Hauptwerk ist doch wohl, dem Hasen
Von Bräutigam das Fräulein wegzublasen;
Und dazu hilft die schöne Rezia
Gewiß uns selbst, so bald sie von der Alten
Berichtet ist, das gelbe Haar sey da.—
Mir liegt indessen ob, zwey frische Klepper, nah
Beym Garten des Serai's, zur Flucht bereit zu halten.
64
Herr Scherasmin, (versetzt der Ritter) wie es scheint,
Entfiel euch, daß ich Karln mein Ehrenwort gegeben,
Dem, was er mir gebot, buchstäblich nachzuleben?
Da geht kein Jot davon, mein Freund!
Was draus entstehen kann, das mag daraus entstehen!
Mir ziemt es nicht so was voraus zu sehen.
Im Fall der Noth (erwiedert Scherasmin)
Muß doch zuletzt der Zwerg uns aus dem Wasser ziehn.
65
Allmählich schlummert der Alte unter diesen
Gesprächen ein. Von Hüons Augen bleibt
Der süße Schlaf die Nacht hindurch verwiesen.
Gleich einem Kahn auf hohen Wogen, treibt
Sein ahnend Herz mit ungeduldigem Schwanken
Auf ungestüm sich wälzenden Gedanken:
So nah dem Port; so nah, und doch so weit!
Es ist ein Augenblick, und däucht ihm Ewigkeit.