108Trauriges Resultat einer vernachläßigten Erziehung.
Ach, wie oft kommt uns zu Ohren,
Daß ein Mensch was Böses that,
Was man sehr begreiflich findet,
Wenn man etwas Bildung hat.
5Manche Eltern sieht man lesen
In der Zeitung früh bis spät;
Aber was will dies bedeuten,
Wenn man nicht zur Kirche geht?
Denn man braucht nur zu bemerken,
10Wie ein solches Ehepaar
Oft sein eig’nes Kind erziehet,
Ach, das ist ja schauderbar!
Ja, zum In’stheatergehen,
Ja, zu so was hat man Zeit,
15Abgeseh’n von and’ren Dingen,
Aber wo ist Frömmigkeit?
Zum Exempel, die Familie,
Die sich Johann Kolbe schrieb,
Hatt’ es selbst sich zuzuschreiben,
20Daß sie nicht lebendig blieb.
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Einen Fritz von sieben Jahren
Hatten diese Leute blos,
Außerdem, obschon vermögend,
Waren sie ganz kinderlos.
25Nun wird Mancher wohl sich denken:
Fritz wird gut erzogen sein,
Weil ein Privatier sein Vater;
Doch da tönt es leider: Nein!
Alles konnte Fritzchen kriegen,
30Wenn er seine Eltern bat,
Aepfel-, Birnen-, Zwetschkenkuchen,
Aber niemals guten Rath.
Das bewies der Schneider Böckel,
Wohnhaft Nr. 5 am Eck;
35Kaum, daß dieser Herr sich zeigte,
Gleich schrie Fritzchen: meck, meck, meck!
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Oftmals, weil ihn dieses kränkte,
Kam er und beklagte sich,
Aber Fritzchens Vater sagte:
40Dieses wäre lächerlich.
Wozu aber soll das führen,
Ganz besonders in der Stadt,
Wenn ein Kind von seinen Eltern
Weiter nichts gelernet hat?
45So was nimmt kein gutes Ende. –
Fast verging ein ganzes Jahr,
Bis der Zorn in diesem Schneider
Eine schwarze That gebar.
Unter Vorwand eines Kuchens
50Lockt er Fritzchen in sein Haus,
Und mit einer großen Scheere
Bläst er ihm das Leben aus.
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Kaum hat Böckel dies verbrochen,
Als es ihn auch schon schenirt,
55Darum nimmt er Fritzchens Kleider,
Welche grün und blau karrirt.
Fritzchen wirft er schnell in’s Wasser,
Daß es einen Plumpser thut,
Kehrt beruhigt dann nach Hause,
60Denkend: So, das wäre gut!
Ja, es setzte dieser Schneider
An die Arbeit sich sogar,
Welche eines Tandlers Hose
Und auch sehr zerrissen war.
65Dazu nahm er Fritzchens Kleider,
Weil er denkt: dich krieg’ ich schon!
Aber ach! ihr armen Eltern,
Wo ist Fritzchen, euer Sohn?
In der Küche steht die Mutter,
70Wo sie einen Fisch entleibt,
Und sie macht sich große Sorge:
Wo nur Fritzchen heute bleibt?
Als sie nun den Fisch aufschneidet,
Da war Fritz in dessen Bauch. –
75Todt fiel sie in’s Küchenmesser
Fritzchen war ihr letzter Hauch.
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Wie erschrack der arme Vater,
Der g’rad’ eine Priese nahm;
Heftig fängt er an zu niesen,
80Welches sonst nur selten kam.
110Stolpern und durch’s Fenster stürzen,
Ach, wie bald ist das gescheh’n!
Ach! und Fritzchens alte Tante
Muß auch g’rad’ vorüber geh’n.
85Dieser fällt man auf den Nacken,
Knacks! da haben wir es schon!
Beiden theuren Anverwandten
Ist die Seele sanft entfloh’n.
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D’rob erstaunten viele Leute
90Und man munkelt allerlei,
Doch den wahren Grund der Sache
Fand die wack’re Polizei.
Nämlich Eins war gleich verdächtig:
Fritz hat keine Kleider an!
95Und wie wäre so was möglich,
Wenn es dieser Fisch gethan?
Lange fand man keinen Thäter,
Bis man einen Tandler fing,
Der, es war ganz kurz nach Ostern,
100Eben in die Kirche ging.
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Ein Gensdarm, der auf der Lauer,
Hatte nämlich gleich verspürt,
Daß die Hose dieses Tandlers
Hinten grün und blau karrirt.
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105Und es war ein dumpf’ Gemurmel
Bei den Leuten in der Stadt,
Daß ’ne schwarze Tandlerseele
Dieses Kind geschlachtet hat.
Hochentzücket führt den Tandler
110Man zur Exekution;
Zwar er will noch immer mucksen,
Aber Wupp! da hängt er schon. –
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Nun wird Mancher hier wohl fragen:
Wo bleibt die Gerechtigkeit?
115Denn dem Schneidermeister Böckel
Thut bis jetzt man nichts zu leid.
Aber in der Westentasche
Des verstorb’nen Tandlers fand
Man die Quittung seiner Hose
120Und von Böckel’s eig’ner Hand.
Als man diese durchgelesen,
Schöpfte man sogleich Verdacht
Und man sprach zu den Gensdarmen:
Kinder, habt auf Böckel acht!
125Einst geht Böckel in die Kirche.
Plötzlich fällt er um vor Schreck,
Denn ganz dicht an seinem Rücken
Schreit man plötzlich: Meck, meck, meck!
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Dies geschah von einer Ziege;
130Doch für Böckel war’s genug,
Daß sein schuldiges Gewissen
Ihn damit zu Boden schlug.
Ein Gensdarm, der dies verspürte,
Kam aus dem Versteck herfür,
135Und zu Böckel hingewendet
Sprach er: Böckel, geh’ mit mir!
Kaum noch zählt man 14 Tage,
Als man schon das Urtheil spricht:
Böckel sei auf’s Rad zu flechten.
140Aber Böckel liebt dies nicht
Ach! die große Schneiderscheere
Ließ man leider ihm, und Schnapp!
Schnitt er sich mit eig’nen Händen
Seinen Lebensfaden ab.
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145Ja, so geht es bösen Menschen.
Schließlich kriegt man seinen Lohn.
Darum, o ihr lieben Eltern,
Gebt doch Acht auf Euern Sohn.