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Richard Dehmel · Vanguardias / s. XX

So im Wandern

alemán

Ein silbern klein Herze,
von Gold einen Ring,
die gab sie mir, als ich
wandern ging,

und tat in das Herze
ihr Bild hinein;
so einsam der Morgen,
bin nicht allein.

Arme Padde im Gleise,
zerquetscht liegst du!
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebel,
nun schimmert die Welt;
im Sonnenschein glitzert
das Ährenfeld.

Die Hummeln summen,
die Lerchen klingen;
die Birken wehen,
die Zweige schwingen.

Die Pappeln, die schütteln
die Blätter im Wind;
sie flüstern mir Grüße,
die voll Erinnrung sind.

Das Herzelein nehm ich
vom seidenen Band
und leg’s in das Ringlein
in meiner Hand,

so schreit ich und schau
als ein Zeichen mir’s an:
so will ich in Treuen
ohne Ende Dich umfahn! —

Was rennst, Meister Lampe?
heut jag’ich nicht.
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht.

In Dorfes Mitten,
wo sich der Friedhof hebt:
wie wirds gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt:

zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Äst,
drauf steht mein Nam geschrieben,
bis der Regen ihn löscht.

Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt „Zu den drei Linden“;
da wird sich wohl auch noch
ein Ruheplätzchen finden.

Ei Tausend, mein Schätzchen,
so schmuck, und allein?
Ei komm doch, rück näher;
trink mit, schenk ein!

Es sitzen zwei Spatzen
im Lindenbaum;
sie schnäbeln, sie schwatzen,
es ist wie Traum.

Auf’m Kirchhof stehn Kreuze,
mehr als hundert, schwarz und weiß;
aber Du hast zwei Lippen,
die sind rot und heiß!

Na Mädel, was weinst denn?
Ja, die Welt ist hohl.
Die Welt ist ein Weinfaß:
trink aus — leb wohl! —

Was wackelt der Pfahl da?
der ist wohl betrunken!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.

Sie saß ja so alleine;
und die Liebste wohnt weit!
Ich will ihr Alles schreiben,
bis sie mir verzeiht.

Und am End meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mutterherz
am Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,
wie’n König auf sei’m Thron,
und wills nicht verraten,
daß er wart’t auf sein’n Sohn.

Nun will ich nicht sinnen,
ob man glücklich kann werden;
der Himmel ist hoch,
und wir leben auf Erden!
Sela! —

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Autor
Richard Dehmel (1863–1920) · Wikidata Q76590
Título
So im Wandern
Lengua
alemán
Época
Vanguardias / s. XX
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-so-im-wandern--richard-dehmel-395af9
Cita recomendada
Richard Dehmel, «So im Wandern», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-so-im-wandern--richard-dehmel-395af9.html

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