289 NEUJAHRSPREDIGT
Laßt uns, Freunde, ins neue Jahr
Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus,
In dem die Liebe und der Friede wohnt
Und Schönheit überall heimisch ist.
5Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns,
Mit keinem Haß belastet, ohne Neid,
Heil, liebe Freunde, im starken Herzen, laßt uns
In dieses neue Haus einziehn, und lachend.
Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt,
10Und jeder spürte, daß Niederträchtigkeit
Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat,
Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen,
Sondern auch vieles zerstören können, das
Mit Mühe und Kunst errichtet ward, – und, ach,
15Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt,
Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo
Jeder, wie fest er gefügt sich dünke,
Locker und undicht ist im Baue.
290 Das aber, Freunde, fechte uns nicht an!
20Wir wollen tapfer sein und, gilts Gefecht,
Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja
Als Edle kämpfen und dem Troß voran
Als Wissende: Es ist die Kraft in uns,
Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt.
25Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt
Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns
Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht
Mit Trübsal abziehn, sondern heiter
Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang
30Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit.
Dies, liebe Freunde, ist nach meinem Sinn,
Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag:
Verborgenheit und Ruhe in uns selbst.
Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der
35(Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr)
Der nicht allein in dieses schöne Haus
Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht.
In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch,
Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert,
40Voll aus, bis auf den Grund ausfühlen möge, welch ein Glück
Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint.