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PoetósferaLa BibliotecaGottfried August Bürger

Gottfried August Bürger · Ilustración

Leonore

alemán

68
70Leonore.

Lenore fuhr um’s Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
„Bist untreu, Wilhelm oder todt?
Wie lange willst du säumen?“ –
5Er war mit König Friedrich’s Macht
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserinn,
10Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
15Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

69 Und überall all überall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog Alt und Jung dem Jubelschall
20Der Kommenden entgegen.
Gottlob! rief Kind und Gattinn laut,
Willkommen! manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenore’n
War Gruß und Kuß verloren.

25Sie frug den Zug wohl auf und ab,
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von Allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorüber war,
30Zerraufte sie ihr Rabenhaar,
Und warf sich hin zur Erde,
Mit wüthiger Geberde.

70 Die Mutter lief wohl hin zu ihr: –
„Ach, daß sich Gott erbarme!
35Du trautes Kind, was ist mit dir?“ –
Und schloß sie in die Arme.
„O Mutter, Mutter! hin ist hin!
Nun fahre Welt und Alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
40O weh, o weh mir Armen!“ –

„Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
Kind, bet’ ein Vaterunser!
Was Gott thut, das ist wohl gethan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!“ –
45„O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
Gott hat an mir nicht wohl gethan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ist’s nicht mehr vonnöthen.“ –

71 „Hilf Gott, hilf! Wer den Vater kennt,
50Der weiß, er hilft den Kindern.
Das hochgelobte Sakrament
Wird deinen Jammer lindern.“ –
„O Mutter, Mutter! was mich brennt,
Das lindert mir kein Sakrament!
55Kein Sakrament mag Leben
Den Todten wiedergeben.“

„Hör’, Kind! wie, wenn der falsche Mann,
Im fernen Ungerlande,
Sich seines Glaubens abgethan,
60Zum neuen Ehebande?
Laß fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel’ und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen.“ –

6572 „O Mutter, Mutter! Hin ist hin!
Verloren ist verloren!
Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
O wär ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
70Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!“ –

„Hilf Gott, hilf! Geh’ nicht in’s Gericht
Mit deinem armen Kinde!
75Sie weiß nicht, was die Zunge spricht.
Behalt’ ihr nicht die Sünde!
Ach, Kind, vergiß dein irdisch Leid,
Und denk’ an Gott und Seligkeit!
So wird doch deiner Seelen
80Der Bräutigam nicht fehlen.“ –

73 „O Mutter! was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hölle! –
85Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
Ohn’ ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden.“ – –

So wüthete Verzweifelung
90Ihr in Gehirn und Adern.
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern;
Zerschlug den Busen, und zerrang
Die Hand, bis Sonnenuntergang,
95Bis auf am Himmelsbogen
Die goldnen Sterne zogen.

74 Und außen, horch! ging’s trap trap trap,
Als wie von Rosseshufen;
Und klirrend stieg ein Ritter ab,
100An des Geländers Stufen;
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise, klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vornehmlich diese Worte:

105„Holla, Holla! Thu’ auf, mein Kind!
Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du?
„Ach, Wilhelm, du? .. So spät bei Nacht? ..
110Geweinet hab’ ich und gewacht;
Ach, großes Leid erlitten!
Wo kommst du her geritten?“ –

75 „Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen.
115Ich habe spät mich aufgemacht,
Und will dich mit mir nehmen.“ –
„Ach, Wilhelm, erst herein geschwind’!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
120Herzliebster, zu erwarmen!“ –

„Laß sausen durch den Hagedorn,
Laß sausen, Kind, laß sausen!
Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.
Ich darf allhier nicht hausen.
125Komm, schürze, spring’ und schwinge dich
Auf meinen Rappen hinter mich!
Muß heut noch hundert Meilen
Mit dir in’s Brautbett eilen.“ –

76 „Ach! wolltest hundert Meilen noch
130Mich heut in’s Brautbett tragen?
Und horch! es brummt die Glocke noch,
Die elf schon angeschlagen.“ –
„Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
Wir und die Todten reiten schnell.
135Ich bringe dich, zur Wette,
Noch heut in’s Hochzeitbette.“

„Sag’ an, wo ist dein Kämmerlein?
Wo? wie dein Hochzeitbettchen?“ –
„Weit, weit von hier! .. Still, kühl und klein! ..
140Sechs Bretter und zwei Brettchen!“ –
„Hat’s Raum für mich?“ – „Für dich und mich!
Komm, schürze, spring’ und schwinge dich!
Die Hochzeitgäste hoffen;
Die Kammer steht uns offen.“ –

14577 Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang
Sich auf das Roß behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Lilienhände;
Und hurre hurre, hop hop hop!
150Ging’s fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei vor ihren Blicken,
155Wie flogen Anger, Heid’ und Land!
Wie donnerten die Brücken! –
„Graut Liebchen auch? .. Der Mond scheint hell!
Hurrah! die Todten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Todten?“ –
160„Ach nein! .. Doch laß die Todten!“ –

78 Was klang dort für Gesang und Klang?
Was flatterten die Raben? ..
Horch Glockenklang! horch Todtensang:
„Laßt uns den Leib begraben!“
165Und näher zog ein Leichenzug,
Der Sarg und Todtenbahre trug.
Das Lied war zu vergleichen
Dem Unkenruf in Teichen.

„Nach Mitternacht begrabt den Leib,
170Mit Klang und Sang und Klage!
Jetzt führ’ ich heim mein junges Weib.
Mit, mit zum Brautgelage!
Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor,
Und gurgle mir das Brautlied vor!
175Komm, Pfaff’, und sprich den Segen,
Eh’ wir zu Bett uns legen!“ –

79 Still Klang und Sang. .. Die Bahre schwand. ..
Gehorsam seinem Rufen,
Kam’s, hurre hurre! nachgerannt,
180Hart hinter’s Rappen Hufen.
Und immer weiter, hop hop hop!
Ging’s fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

185Wie flogen rechts, wie flogen links
Gebirge, Bäum’ und Hecken!
Wie flogen links, und rechts, und links
Die Dörfer, Städt’ und Flecken! –
„Graut Liebchen auch? .. Der Mond scheint hell!
190Hurrah! die Todten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Todten?“ –
„Ach! Laß sie ruhn, die Todten.“ –

80 Sieh da! sieh da! Am Hochgericht
Tanzt’ um des Rades Spindel,
195Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,
Ein luftiges Gesindel. –
„Sasa! Gesindel, hier! Komm hier!
Gesindel, komm und folge mir!
Tanz’ uns den Hochzeitreigen,
200Wann wir zu Bette steigen!“ –

Und das Gesindel, husch husch husch!
Kam hinten nachgeprasselt,
Wie Wirbelwind am Haselbusch
Durch dürre Blätter rasselt.
205Und weiter, weiter, hop hop hop!
Ging’s fort in sausendem Galopp,
Daß Roß und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.

81 Wie flog, was rund der Mond beschien,
210Wie flog es in die Ferne!
Wie flogen oben über hin
Der Himmel und die Sterne! –
„Graut Liebchen auch? .. Der Mond scheint hell!
Hurrah! die Todten reiten schnell!
215Graut Liebchen auch vor Todten!“ –
„O weh! Laß ruhn die Todten!“ – –

„Rapp’! Rapp’! Mich dünkt der Hahn schon ruft. ..
Bald wird der Sand verrinnen ..
Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft ..
220Rapp’! Tummle dich von hinnen! –
Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!
Das Hochzeitbette thut sich auf.
Die Todten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle.“ – –

22582 Rasch auf ein eisern Gitternthor
Ging’s mit verhängtem Zügel.
Mit schwanker Gert’ ein Schlag davor
Zersprengte Schloß und Riegel.
Die Flügel flogen klirrend auf,
230Und über Gräber ging der Lauf.
Es blinkten Leichensteine
Rund um im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,
Huhu, ein gräßlich Wunder!
235Des Reiters Koller, Stück für Stück,
Fiel ab, wie mürber Zunder.
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
Zum nackten Schädel ward sein Kopf;
Sein Körper zum Gerippe,
240Mit Stundenglas und Hippe.

83 Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp’,
Und sprühte Feuerfunken;
Und hui! war’s unter ihr hinab
Verschwunden und versunken.
245Geheul! Geheul aus hoher Luft,
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
Lenore’ns Herz, mit Beben,
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,
250Rund um herum im Kreise,
Die Geister einen Kettentanz,
Und heulten diese Weise:
„Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht!
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
255Des Leibes bist du ledig;
Gott sey der Seele gnädig!“

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Gottfried August Bürger
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Cita recomendada
Gottfried August Bürger, «Leonore», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-leonore--gottfried-august-burger-9450bd.html

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