136 Junge Leiden.
Der leichte Sinn, der seine Schwinge
Im Blau des Aethers freudig wiegt
Und unter dem der Erdendinge
Trübsel’ges Wirrsal dämmernd liegt –
5Mich hat er nicht emporgetragen,
Und trotzig hat von Anbeginn
In uralt-ew’ge Räthselfragen
Sich eingewühlt der finstre Sinn.
Von banger Schwermuth war umnachtet
10Der Geist und leidenwund die Brust,
Als Andre frisch und rasch getrachtet
Nach Vollgenuß der Jugendlust;
137 Das Weh gab früh mir seine tiefen
Mysterien für den schönen Schein,
15Und hundert dunkle Stimmen riefen
Mich in sein düstres Reich hinein.
Der Jugend Schlummer floh mein Kissen,
War auch das Auge müd und heiß;
Es suchte Rath und Trost im Wissen
20Mein angstvoll-ungestümer Fleiß,
Ein Fleiß, der bis zum Morgendämmern
Bei ernsten Büchern rege blieb,
Bis mich zur Ruh’ der Schläfe Hämmern
Und in der Stirn das Zucken trieb.
25Es war, als ob mein Sinn sich richte
Auf Trauriges und Trübes nur –
In Menschenleben und Geschichte
Und selbst im Walten der Natur.
Es war kein Laut dem Ohr zu leise,
30Kein Bild dem Blick zu flüchtig-zart,
Doch liebt’ ich sie auf meine Weise
Und nicht nach andrer Menschen Art.
Im Wald verschmolz mit meinen Träumen
Voll stiller, weicher Traurigkeit
35Das ernste Rauschen in den Bäumen,
Das leise Flüstern weit und breit,
Der Sonnenlichter irres Gaukeln
Auf Laub und Stamm, das Vogellied,
Und der Libelle leises Schaukeln
40Auf schwankem, windbewegtem Ried.
138 Der Falter, der auf Blumen rastet
Und wie ein Blatt im Winde schwimmt,
Der Käfer, der im Moose hastet,
Und an des Grases Halmen klimmt,
45Das junge Reh, das ruhig weidet,
Mich an aus sanften Augen schaut,
Und ohne Furcht mir näher schreitet,
Sie wurden lieb mir und vertraut.
Ich sah am See der fernen Wellen
50Raschwiegendes Herangewog,
Ich sah sie am Gestein zerschellen,
Daß flock’ger Schaum mich überflog;
Ich sah, wie eine grüne Welle
Die andre hastig übersprang,
55Und sich in ungeduld’ger Schnelle,
Aufs sand’ge Ufer zischend schwang; –
Ich sah, wie, matt schon vor dem Strande,
Mit leisem, monotonem Schlag
Sich an dem Steingeröll im Sande
60Das breite Wellenfluthen brach,
Und wie es über weiße Kiesel
Mit murrendem Gegurgel dann,
Und dann mit plätscherndem Geriesel
Zur Seite ins Geröhricht rann.
65Es litt mich nicht im engen Zimmer,
Es trieb mich fort, so oft sich fahl
Durch schwarzer Wolken Riß der Schimmer
Des Mondes auf Minuten stahl,
139 Mit seinem klaren, kalten Lichte
70Still übergoß das weite Land,
Und wieder dann sich barg in dichte,
Nur matt gesäumte Wolkenwand.
Ich wanderte dem Wind entgegen
In banger, wetterschwüler Nacht,
75Der sich auf staubbedeckten Wegen
In wirren Wirbeln aufgemacht,
Ich starrte, keinen Blick verwendend,
Im Schreiten in die Finsterniß,
Bis flammend sie und grell und blendend
80Der erste Wetterstrahl zerriß.
Mir war Musik des Regens Rauschen
Und das verhaltene Gegroll,
Zu dem allmälig meinem Lauschen
Erstarb das dröhnende Geroll,
85Wenn länger nicht der Blitze Sprühen
In Blut den Horizont getaucht,
Und nur ein hastig zuckend Glühen
Mit mattem Roth ihn überhaucht.
Tiefathmend ließ ich es geschehen,
90Daß mir der Wind im Haar gewühlt –
Er hat mit seinem frischen Wehen
Der bleichen Stirne Brand gekühlt,
Und eher nicht aus Nacht und Dunkel
Lenkt’ ich den Schritt zurück zur Stadt,
95Bis mich mit zitterndem Gefunkel
Ein ferner Stern geleitet hat.
140 Und kam ins Land der Frühling wieder
Und brachte weiche, laue Luft,
Und junges Grün und Lerchenlieder,
100Und leisen, süßen Veilchenduft,
Dann pochte schwer mir und verzagend
Das Herz in der bedrängten Brust,
Und müde senkte sich und klagend
Der Blick vor all der Werdelust.
105Es lächelte wie neugeboren
Mir die Natur in jedem Mai,
Doch jeder mahnte, daß verloren
Ein Jahr des kurzen Lebens sei;
Es steht die Welt in frischem Prangen,
110Ganz so wie einst, in jedem Jahr,
Doch was für uns dahingegangen,
Das ist dahin auf immerdar.
Die weihevollste Zeit im Jahre,
Die ganz das Herz gefangen nahm,
Sie war, wenn mit dem Herbst die klare,
Wehmüthig-ernste Stille kam,
115Wenn durch des weiten Himmels reines,
Tiefklares Blau kein Wölkchen ging,
Und der Marienfäden feines
Geweb’ an Strauch und Zweigen hing;
Wenn sich vor rauer Lüfte Wehen
120In Roth und Gelb gehüllt der Baum,
Wenn seine dunkelblauen Schlehen
Gereift der Busch am Waldessaum,
141 Wenn ich die Frucht der Heckenrose,
Den letzten Brombeerbüschel fand,
125Und matt gefärbt die Herbstzeitlose
In kahlen Wiesengründen stand.
Und wenn das hastig-wirre Lärmen
Der Wind zu mir herübertrug,
Von all’ den bunten Vogelschwärmen,
130Die sich geschaart zu weitem Flug,
Dann ward die Seele von dem Walten
Verwandten Dranges übermannt,
Als müsse Schwingen sie entfalten
Zum Fluge in ein bessres Land.
135Es fand mein prüfend tiefes Schauen
Ins dunkle Auge der Natur
In ihm von Todesangst und Grauen,
Von Krampf und Marter keine Spur.
Ich forschte in den stillen Zügen
140So tief zu keiner andern Zeit,
Doch war mir nur, als ob sie trügen
Den Stempel tiefer Müdigkeit.
Ich nannte diese klaren Tage
Der eignen Todesstunde Bild –
145Ich wollte sterben ohne Klage,
Mit einem Lächeln sanft und mild;
Ich wollte, schweigend und ergeben,
Ein Glück im Schlafendürfen sehn,
Und ruhig-heiter aus dem Leben
150Ins große Nichts hinübergehen.