Ohn Kunst, ohn Müh und Fleiß ich dicht’:
Drum nicht nach deinem Kopf mich richt.
Bis du schwitz’st, spitz’st und schnitz’st im Sinn,
Hab’ ichs gesetzt und fahr dahin.
Gefällt dirs nicht, wie ich ihm thu,
Machs besser, nimm ein Jahr dazu.
Wenn wir die Welt mit Fleiß ansehn,
Wie All’s thut durch einander gehn,
Wie der Bös’ herrscht, der Fromme leidt,
Der Narr viel schwätzt, der Weise schweigt,
Der Dieb wohllebt, der Redlich’ fast’t,
Faulheit bringt Lohn, die Arbeit Last,
Frechheit gewinnt, der Sorgsam’ liegt,
Wer viel hat, nimmt; wer nichts hat, giebt:
Und läuft also, in einer Summ,
Die Weltkugel im Cirkel um –
So wird uns unsre Lebenszeit
Zu lauter Pein und Herzeleid,
Zu Kerker, Ketten, Band und Strick,
Und sehnen uns all’ Augenblick,
Wie wir ein’ Luft mögen gewinnen,
Daß wir der Dienstbarkeit entrinnen,
Daß uns so manche Jahr’ und Tag’,
Nicht werden zu ein’r lautern Klag’,
Daß wir in diesem Jammerthal,
Erhalten auch ein klein Labsal.
Drum mancher ihm selbst nimmt die Flucht,
Und nur Ruh in der Wildniß sucht,
Vermeint, was nicht bei Menschenkinden
Woll’ er bei wilden Thieren finden.
Allda kein Hof, kein’ Schul, kein Rath,
Kein Schmeichler, Heuchler, Advokat,
Kein Wuchrer, Künstler und Sophist,
Kein Wirth, Kriegsgurgel und Maulchrist,
Und was dergleichen Werkzeug’ seyn,
Dadurch die Welt ihr macht viel Pein;
Zumal der Mensch sein hoch Herkunft
Macht schnöder denn die Unvernunft:
Denn je die Thier’ in ihrer Art
Mehr Gnüg’ und minder Widerpart
Haben in dem, was Gott beschert,
Wo’s ihnen nur der Mensch nicht wehrt,
Der sie mit seiner List und Pracht
Auch seiner Unruh theilhaft macht,
Daß Unvernunft durch Witz regiert,
Noch mehr ein wildes Leben führt.
Also kam mir neulich zu Sinn,
Daß ich von Menschen lief dahin,
Und sucht mir einen grünen Wald,
Da ich so manch scheußlich Gestalt,
Der Menschen Werk, schlug aus dem G’müth,
Und stillt mein Herz, das in mir wüt,
Erhohlt die Sinn’, die gar verwirrt,
Erforscht mein’ Seel, die sehr verirrt,
Fragt die Natur um ihren Willen,
Sprachet mit Gott, der gern bei Stillen,
Schauet den Dienst der Kreatur,
Und besah mit Fleiß die ganze Uhr
Der großen Welt, wie die regiert,
Mit Weisheit, Lieb’ und Macht geziert:
Das macht mich bald ein’n solchen Herren,
Daß ich all’ Gemeinschaft wollt verschwören,
Und deucht mich: ja, hie wär’ gut seyn,
Da nicht wär’n Löwen, Wölf und Schwein,
Füchs’ und Hund’ in der Menschen Gestalt,
Sondern ein Jedes sein’ Art behalt.
Indem mein’ Seel’ sich so ergetzt,
Mein Leib sich auch in Schatten setzt,
Meine Sinn’ ruhten in sanftem Saus,
Meine Fantasei wollt fliegen aus;
Allgemach mein Haupt sich neigt zur Erd,
Vor Sicherheit kein Sinn sich wehrt,
Die Augen blintzten; Händ’ und Füß’
Mein ganzer Leib seine Nerven ließ.
Ich hört’ und hört nicht, sah ohn’ Gesicht,
Mein Leben war wie ein Gedicht,
Bis daß der ganze Block da liegt,
Und hat der Schlaf an mir gesiegt.
Und sorgt’ nun nicht, was Ost und West
Uns bringen möcht’ für fremde Gäst,
Oder das fünft’ Hauptkönigreich
Glaub’ und Scepter werd’ machen gleich,
Oder wer mach’ den grossen Stein?
Wenn lauf der ewige Haspel fein?
Das alles mich gar nicht verletzt;
Aber ein Traum mich wohl ergetzt.
Mich daucht, wie es fast finster wär,
Viel Nacht und Nebel um mich her,
Auch Schrecken, Furcht und Traurigkeit;
Ein jedes scheint, als trüg’ es Leid.
Manch Vöglein seufzt, manch Täublein kirrt.
Und wurd’ ein kläglich Leben geführt.
Es schien, als wollt die Erd und Himmel,
Einen Zank anheben und Getümmel,
Und jedes Ursach’ hab zu klagen, –
Ich kann es doch nicht alles sagen:
Denn mir in solchem Wunderding’
All Muth und Witz war gar gering’;
Zuletzt hört’ ich ein’ weiblich Stimm:
„Mit Fried und Freud’ fahr’ ich dahin:
O treuer Gott, nach deinem Wort,
Führ mich hin in der Freuden Ort.“
Die Wort hatt’ sie kaum ausgeredt,
Alsbald beweget sich die Stät’,
Und ließ sich merken ein dunkler Schein,
Gleich wenn die Sonn’ schier auf will seyn,
Und faßt die ganze Natur ein Muth,
Hofft, es soll wieder werden gut.
Ach, wie gar mag ich sprechen nicht,
Wie sichs hält, wenn dies Licht anbricht
Und wird dabei gehört ein Gesang,
Wie aller Freuden ein Anfang –
Der lautet: „Wohl dem Menschen, wohl?
Der die Welt kann verlassen!
Und lebet, wie ein Christ thun soll,
Geht auf des Himmels Strassen,
Der wird zuletzt, des Leids ergetzt,
In Freud gesetzt,
Da ihn kein Feind nicht mehr verletzt,
Drum komm hieher, du Gottes Braut,
Dich holet heim, dem du vertraut.“
O Wunder groß! was seh ich hier!
Der Himmel macht eine helle Thür.
Die Sonn muß vielmal heller seyn,
Will sie gleichen dem hohen Schein.
Nun ist das Erdreich ganz erleucht,
All Dunkel, Leid und Kummer weicht.
Mein Herz, das hüpft; ich bin entzündt –
Wer ist die, so mein Gesicht nicht kennt?
Wer ist die weibliche Kreatur,
Die ich dort seh so klar und pur?
Wer ist so grosser Ehren werth,
Daß sich freut Himmel und die Erd? –
Wie ich mich so entsetzet fast
Eine Wolk’ gemach sich niederlaßt,
Von Farb’, gleich wie die Morgenröth,
Von Geruch, als der best Würzgart thät.
Darbei hört man ein’ Musik rein,
Dergleich auf Erd möcht keine seyn:
„Dort beim Ewgen ist der Nutz,
Da ist Freude, da ist Schutz,
Alles kan der bei ihm fassen
Der durch ihn kann alles lassen – –
Ich dacht: o weh dem Menschenkind,
Das da viel sucht, da man nichts findt! –
Indem hat sich die Wolk’ getrennt,
Daß man nunmehr die Musik kennt;
Das waren zwölf Jungfrauen rein,
Je zwo und zwo geschlossen fein:
Ihr Gesicht, Habit und ganze Art,
Zeigt wohl, daß es nichts Menschlichs ward:
Ihr’ Himmlisch Lieb’ und Einigkeit,
Ihr’ göttlich Freud’ und Freundlichkeit,
Die gaben mir den schönen Bericht,
Wies sey, wo Gottes Will geschicht.
Hierauf die Seel nach meinem Sinn
Erhub mit Freud nochmal die Stimm,
Und sprach: „O Herr, ich bin zu g’ring
Deiner Lieb’ und dieser grossen Ding
Doch thu, Herr, wie du hast gesagt,
Hier bin ich, dein’ unwürdig’ Magd.“
Hiemit der ganz’ Jungfräulich Chor
Rings um sie her schwebet empor –
Aber was hör’ ich, ich vernimm,
Der ganze Chor singt mit heller Stimm:
„So geh nun ein ins Leben,
Das dir von Anfang’ ist bereit!
Nimm an, was Gott thut geben,
Geneuß der ewgen Freud!
In Ruh, in Freud’, in Wonne,
Tritt ein ins ewge Licht.
Ergetz dich in der Sonne,
Da nun dir nichts gebricht.
Dein warten mit Verlangen,
So in der Freud’ voran;
Und werdens auch empfangen,
Die du auf Erd verlan.“
Dies war also die letzte Stimm
Damit fuhr all’ mein Freud dahin,
Damit theilt sich der Himmel wieder,
Und nahm sie weg; ich blieb hienieder,
Und seufzte, sehnte mich nach ihn’n –
Ach, daß ich noch im Fleische bin!
Ach, daß ich trag so schwer Gewicht,
Daß ich mich mag aufschwingen nicht!
Ach, daß ich noch mit Fleisch und Bein
Mit Stückwerk muß gebunden seyn!
Was andre freut, mich nur betrübt,
Was andre ehrt, mich nur bemüht.
Was andre lehrt, mich nur verwirrt,
Was andre speist, mich nur stets irrt. –
– Spargite humum foliis, inducite fontibus vmbras
Pastores, mandat fieri fibi talia Daphnis.
Wer sich demüthiget vor Gott,
Der Mensch gewiß auch Gaben hat.
Nichts Eitelers als eigne Ehr’;
Der Stolze ist gewiß auch leer.
Wer weise zähmet seinen Mund,
Dem Menschen ist sein Herz gesund.
Nichts schnöder, als Wort ohne That;
Geschwätz ist der Thorheit Verrath.
Wer sich verlobt zu Gottes Dienst,
Der Mensch hat immer, was er wünscht;
Nichts Aermers, als der Welt seyn hold,
Undank und Schande ist ihr Sold.
Wer sich vergnügt mit seinen Gaben.
Der Mensch muß viele Gaben haben.
Nichts Schreienders als leere Töpf,
Suchen ohn’ Zweck macht Schwindelköpf.
Edele Liebe, wo bist du bei uns verstecket,
Daß sich dein Ursprung uns so selten nur entdecket?
Von Gott bist du gebohren,
Gott selbst hat dich erzeugt,
Dem Menschen auserkohren,
Dem die Natur sich beugt.
Liebliche Liebe, wo bist du bei uns verborgen.
Daß wir dein Saft und Kraft nicht schmecken heut noch morgen?
Die Welt thust du erfüllen
mit süßem Honigseim,
das größte Leiden stillen
durch deinen milden Schein.
Innige Liebe, wo bist du bei uns verschlossen,
Daß wir zu deiner Treu uns schicken so verdrossen?
Alles kannst du verbinden,
was irgend ist zerstreut,
In dir ist Alls zu finden,
was Menschenherzen freut.
Stetige Liebe, wo bist du bei uns verlohren,
Daß du, Standhafteste, nie kommst vor unsre Ohren?
Du mußt den Bund erhalten
Den Bund der Menschenpflicht:
Denn Liebe mag nicht alten,
Die Treu kann rosten nicht.
Tröstliche Lieb’, wohin bist du bei uns vertrieben?
Daß uns dein Muth nicht stärkt, wie viel auch
aufgeschrieben.
Du nimmst dem Kreuz sein Gewichte,
Du nimmst dem Kelch die Gall,
Daß sich ein Christ aufrichte,
stärk mit den Brüdern all – u. f.