Jaurès.
So sollte also nichts erspart ihm bleiben,
Dem narbenreichen, tapfern vierten Stand,
In dieser Tage wirrem, ungestümem Treiben
Und bei des hohen Friedenstempels Brand,
5Und gerade er, der mit der Rede Gaben
Vielleicht die Wetterwolken noch zerteilt,
Ihn mußte man mit feuchtem Blick begraben,
Als ihn der Tod durch Mörderhand ereilt!
Gerade ihm, der unverzagt gestritten
10Für die Versöhnung nach verjährtem Streit,
Ward jäher der Lebensfaden durchschnitten,
Als zum Entscheidungskampfe er bereit;
Gerade da, als er im Ueberwallen
Der edlen Seele, leidenschaftdurchloht,
15Gesammelt sich, um in den Arm zu fallen
Dem Brudermorde und der Völker Not.
Er hörte schon für sie die Raben kreischen,
Die ihr zur Schlachtbank finstern Sinnes triebt —
Es sollten nicht im Wahnsinn sich zerfleischen
20Die beiden Völker, die er gleich geliebt.
Im voraus schon fühlt‘ er sein Herz zerrissen,
Wenn er den Frevel schaudernd überdacht,
Und Kampf entbot sein Geist und sein Gewissen
Dem Völkerhasse und der Niedertracht.
25Es hing so viel an dieses Einen Leben,
Das sich verzehrt im Dienst des Friedensbaus,
Und als die Tücke ihm den Tod gegeben,
Brach nicht blos Frankreich in ein Schluchzen aus.
Als sich auf seinen Mund gelegt das Schweigen,
30Der an ein hehres Ideal geglaubt,
Da mußte sich in scheuer Ehrfurcht neigen
In allen Landen auch der Gegner Haupt.
Und darum ist er nicht umsonst gestorben,
Da in die fernsten Zeiten er gesehn;
35Er hat bei uns das Bürgerrecht erworben,
Und niemals kann er uns verloren gehn.
Wenn Deutschland einst und Frankreich sich verbünden
Und wenn die Burg des Hasses niederbricht,
Wird sich an diesem Märtyrer entzünden
40Ein zukunftsichres, segensreiches Licht.
Wenn einst der ganze wüste Spuk verflogen,
Der blutgetränkte Wege uns geführt,
So hat im Geist des Toten sich vollzogen,
Lang vor der Zeit, was ewge Flammen schürt.
45Es muß ja sein, wird fortgestreut der Same,
Der von des Zwistes Taumelkörnern rein —
Bis zu dem Tage wird sein edler Name
Auch unser Leitstern durch die Nächte sein.
R. L.