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Conrad Ferdinand Meyer · Modernismo

IX Epistolae obscurorum virorum

alemán

Wir scharten uns zu lust'gem Mummenschanz,
Kapuzen über vollem Lockenkranz!
Wir trugen Pfaffenlarven heuchlerisch
Und blitzten draus mit Augen jugendfrisch.

Wir schlurften tappig mit Sandalentritt,
Wir äfften nach bis auf der Kutte Schnitt.

Gründlich studierten wir beim Becherklang
Der Mönchlein närrischen Gedankengang.

Die Dummheit haben wir mit Witz verziert,
Die Torheit mit Sentenzen ausstaffiert!

Wir haben sie zum Spott der Welt gemacht,
Wir haben uns und sie zu Tod gelacht!

Zu Tode? Nein. Wir haben sie geweiht
Aristophanischer Unsterblichkeit.

Schleiferius! Caprimulgius! Ochsenhorn!
Schlaraff! Der saubre Täufling Pfefferkorn!

Wir brachen keck in ihre Zellen ein
Und hausten schlimm in ihrem Bücherschrein.

Wir sprachen ihr Latein—ergötzlich Spiel—
Und Briefe schrieben wir im Klosterstil:

"Laetificor archiangelice
Cum una speciosa virgine!"

Hellauf! Der Narrenglöcklein schriller Schall!
Und heißa, hussa, Jagd und Peitschenknall!

Die Pfaffen sprangen über Stock und Stein,
Der Esel bockte, grunzend lief das Schwein.

Du Fest der jugendlichen Grausamkeit,
Verklungen bist du längst! Streng ward die Zeit.

Als wir im losen Mummenschanz getobt,
Da hat man unsres Witzes Salz gelobt;

Doch als die Wahrheit wir im Ernst gesagt,
Da wurden wir, die Jäger, selbst gejagt.

Wir irren heimatlos, geächtet, arm
Und essen fremdes Brot in Not und Harm.

Die Pfäfflein, denen unsre Hetze galt,
Sie tafeln alle noch gesund und alt.

Die Mönchlein, die wir kniffen bis aufs Blut,
Sie bechern alle wieder wohlgemut;

Und schneidet eines apfelschälend sich
Und quillt ein Tropfen Bluts bescheidentlich,

So stöhnt es: "Würd'ge Brüder, schauet hier!
Das blut'ge Märtertum erleiden wir!"

X Der Vetter Hans

Ein schöner Mensch, mit dem das Glück gedahlt,
Hat dunklem Schicksal schweren Zoll bezahlt.
Fortunens Liebling war der Vetter Hans,
Der mich an Lebenskraft verdunkelt ganz.

Oft dacht' ich, dem die Wange früh gebleicht:
In einem solchen Körper lebt sich's leicht!

Das Haupt mit dem gepflegten Bart, er trug's
Siegreich und war von schlankem Edelwuchs.

Er ritt und focht und tanzte meisterhaft,
War aller Fraun und Mädchen Leidenschaft.

Er freite flink. Das junge Weib gefiel
Dem Herzog und der Teufel trat ins Spiel.

Der Herzog sank vor Vetter Hans aufs Knie:
"Dein Weib! Nicht leben kann ich ohne sie!"

Das fand der Vetter Hans ein komisch Wort
Und er bespottet's weidlich hier und dort:

"Der Herzog wendet an den Rechten sich!
Den Mann ums Weib zu bitten! Lächerlich."

Das Lachen ward dem Herzog hinterbracht
Und Vetter Hans hat sich zu Tod gelacht.

XI Der Ritter ohne Furcht und Tadel

Als in Pavia ich studierte, ward
Mir dort gezeigt der tapfre Held Bayard.
Der "Ritter ohne Furcht", der nie geflohn,
Befehligte die welsche Garnison.

Nach längst verschollnen Moden trug er sich,
Er und sein Knappe schritten feierlich.

Die abgekommne Cortesie erhob
Er hoch und seufzt': "Das junge Volk ist grob!"

Entgegen hielt den Spiegel zücht'ger Zeit
Er unsrer heut'gen Ungebundenheit.

Zu Grabe werde, gab er zu verstehn,
Mit ihm der letzte wahre Ritter gehn.

Lang, hager, würdevoll, galant mit Fraun,
Dabei ein bißchen komisch anzuschaun,

Hob er den Zeigefinger, wann er schalt,
Als eine unvergleichliche Gestalt.

Man grüßte tief und raunte sich ins Ohr,
Der "Ritter ohne Tadel" sei ein Tor.

Doch, daß ich sein gespottet, reut mich schwer;
Denn, Hutten, bist du nicht ein Tor wie er?

Ins Abendgold hat er zurückgeschaut—
Dein Auge späht, wo kaum der Morgen graut.

Dein Ohr vernimmt durch Nebel und durch Nacht
Den Siegesjubel einer künft'gen Schlacht.

Wie Mittagsglut hast du den Strahl verspürt,
Der kaum der Berge Spitzen noch berührt.

Bayard sah das Entschwundene verschönt,
Bayard, den du mit manchem Witz verhöhnt!

Er war ein Narr der eignen Phantasie—
Die Zukunft aber, Hutten, kennst du die?

Wer weiß, erlebst du noch die neue Welt,
Ob sie dem fränk'schen Edelblut gefällt!

Wer weiß, ob nicht das Ziel, drob du verscherzt
Der Erde Güter, ist's errreicht, dich schmerzt?

Bayard, der ohne Furcht und Tadel war,
Vergib! Reich mir die Hand! Wir sind ein Paar.

Wir sind ein fahrend Ritterpaar, Bayard,
Und taugen beide nicht zur Gegenwart.

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Autor
Conrad Ferdinand Meyer
Título
IX Epistolae obscurorum virorum
Lengua
alemán
Época
Modernismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-ix-epistolae-obscurorum-virorum--conrad-ferdinand-meyer-7c06f0
Cita recomendada
Conrad Ferdinand Meyer, «IX Epistolae obscurorum virorum», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-ix-epistolae-obscurorum-virorum--conrad-ferdinand-meyer-7c06f0.html

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