In memoriam aeternam.
Sie kauen schwer am Jubiläumsjahr,
Das scheinbar völlig unverdächtig war
Und doch von Stacheln wie ein Igel starrte.
Uns aber bracht‘ es einen Ehrentag,
5Der den erheben und begeistern mag,
Der Welt und Leben sieht von höhrer Warte.
Der Jahre fünfzig sind dahingerauscht,
Seit hier Lassalles lebend’gem Wort gelauscht
Zum erstenmal die keimende Gemeinde.
10Ein Sturm des Beifalls brauste durch das Haus,
Barst auch in höhnisches Gewieher aus
Der ganze Troß der nörgelsücht’gen Feinde.
Daß er ein Adler unter Spatzen war,
Dem Volk der Arbeit war es blendend klar
15Und diesem Führer schenkten sie Vertrauen;
Gerade Köpfe hatten eingesehn,
Sie müßten fürder eigne Wege gehn
Und diese sich mit rüst’gem Arme hauen.
Und diese Tat war würdig höchsten Ruhms,
20Denn als Heloten nur des Bürgertums
War auf das Blachfeld man bisher gezogen;
Man hat umschmeichelt sie und ausgenutzt,
Schulmeisterlich herunter sie geputzt
Und immer sie verraten und betrogen.
25Daß mit des Geistes und der Rede Macht
Das Volk zu bess’rer Einsicht er gebracht,
Daß auf die eigne Kraft er es verwiesen,
Das brach die Lebenskraft der Tyrannei;
An diesem Felsen kommt sie nicht vorbei
30Und dafür sei er heute noch gepriesen.
Sie haßten also und mit gutem Grund
Den „Volksverführer“ giftig alle Stund,
Sie überhäuften ihn mit Schimpf und Schande,
Und als er, lange vor erreichtem Ziel,
35Von des Bojarensöhnchens Kugel fiel,
Da ging ein Jubel durch die deutschen Lande.
Nun war zu hoffen, daß sein Werk verkam,
Was einen Druck von ihrer Seele nahm,
Den sie als unerträglich oft empfunden.
40Was sich vor ihm und seinem Geist verkroch,
Es wagte scheu hervor aus sich’rem Loch
Aufatmend sich in jenen düstern Stunden.
Die armen Toren, die des Geistes Wehn
Mit ihren engen Hirnchen nicht verstehn,
45Die kärglich leben von Gedankensplittern!
Wie müssen sie, so oft in stiller Nacht
Erinnrung an sein hohes Bild erwacht,
Noch vor dem Schatten des Gefallnen zittern.
Denn die Entwicklung, die er angebahnt,
50Er hat sie selber schwerlich je geahnt;
So hoch sind die Gedanken kaum geflogen,
Wie triumphierend stünde heut er da,
Wie er das Reis als starke Eiche sah,
Das sorglich er aus zartem Keim gezogen!
55Drum ziemt es sich, daß wir an diesem Tag
Mit einem höhern, vollen Herzensschlag
Des ringenden, des lautern Manns gedenken.
Wenn auch das Volk zuweilen rauh erscheint —
Es wird den Braven, die es treu gemeint,
60Ein unvergängliches Erinnern schenken.
R.L.