Im Kreislauf des Jahres.
Die ersten muntern Lerchen schwirren,
Die ersten Veilchen spenden Duft,
Die ersten gelben Falter irren,
Geweckt von lauer, linder Luft;
5Nach einem sanften, feinen Regen
Deckt grüner Hauch den braunen Hag
Und Alles sprießt und knospt entgegen
Dem großen stolzen Blüthetag,
Und einem unermess‘nen Hoffen
10Und einem leichtbeschwingten Traum
Steht auch des Aermsten Seele offen
Und zweifelt an dem Schönsten kaum.
Im reifen Korn die Sensen blinken,
Geschwungen von des Armes Kraft,
15Und wie die Schwaden niedersinken
Und emsig man die Garben rafft;
Und wie bei fernem Donnergrollen
Und ferner Blitze mattem Sprüh’n
Die Erntewagen heimwärts rollen
20Und dampfend sich die Rosse müh’n
Will auch ein Ahnen Dir beschleichen
In nächt’ger Stille das Gemüth,
Als werdest nimmer Du erreichen,
Was Du gehofft, als es geblüht.
25Die letzten Früchte an den schwanken,
Gesenkten Zweigen sind gereift,
Die Winzer haben von den Ranken
Die letzte Traube schon gestreift;
Die Rosen bleichen und verwehen,
30Auf leisen Sohlen naht der Tod,
Und mit dem blauen Hauch der Schlehen
Mischt sich der Hagebutten Roth;
Ihr welkes Laub verstreu’n die Bäume,
Zum Friedhof wird der grünste Ort,
35Und Deiner Seele liebste Träume
Zieh‘n mit den Wandervögeln fort.
Es liegt die Welt in Schnee vergraben,
Der Tag hat nur ein fahles Licht;
Ein Schweigen herrscht, das nur der Raben
40Gekrächz zuweilen unterbricht,
Und wie die kahlen Bäume ragen
Fragst Du mit zweifelndem Gemüth,
Ob wirklich einst in Maientagen
Die Welt bei Liederklang geblüht.
45Die Hände legst am warmen Herde
Du müde lächelnd in den Schooß ―
Vergehen ist auf dieser Erde
Der Menschen allgemeines Loos.
R.L.