Im Kreislauf des Jahres.
Wenn die Knospen an den Zweigen springen
Und die Falter schwimmen in der Luft,
Wenn die Lerchen jubelnd auf sich schwingen
Und die Thäler voll von Veilchenduft,
5Bleibt noch immer die Gefahr bestehen,
Die das Blühen sprungbereit bewacht;
Alles, Alles kann zu Grunde gehen
Durch den Reiffrost einer einz’gen Nacht.
Gleiches Schicksal droht den höchsten Zielen,
10Jedem Aufschwung noch aus Schmutz und Staub,
Und die schönsten Völkerlenze fielen
Frostversehrt der Reaktion zum Raub.
Wenn im hohen Korn die Wachteln schlagen
Und die Breiten wogen wie ein Meer
15Und das Haupt gesenkt die Halme tragen,
Weil von Körnern jede Aehre schwer,
Ist noch nicht das Schicksal abgewendet,
Daß zur Tenne Alles wandeln mag,
Denn die fahle, gelbe Wolke sendet
20Prasselnd nieder ihren Hagelschlag.
Wenn die Ernte tadellos gerathen,
Tobt am liebsten ihrer Feinde Bund
Und der Freiheit überreife Saaten
Schlägt ein Schloßenwetter in den Grund.
25Wenn den Fluren nichts vermocht‘ zu schaden,
Wenn das Heer der Halme lang und schwank
Bei der Lerche Abschiedslied in Schwaden
Vor des Schnitters Sense niedersank,
Zittert dennoch für den gold’nen Segen,
30Der das Herz beflügelt und gerührt,
Denn verderben kann des Himmels Regen
Ihn noch immer, eh‘ er eingeführt!
Freiheits-Ernten, die heraus gefodert
And’rer Völker Neid durch gold’ne Pracht,
35Sind im Feld verrottet und vermodert
Und verdorben, eh‘ sie eingebracht.
Aber wenn in Schnee und Eis vergraben
Todtenähnlich schlummert die Natur,
Wenn mit heiserem Gekrächz die Raben
40Hungernd schweben über Wald und Flur,
Auf den Frühling magst du dann vertrauen,
Der die Erde weckt mit warmem Kuß,
Der des Eises Fesseln wird zerthauen,
Der da kommen wird und kommen muß.
50Auch im großen Völkerleben walten
Frühlingsmächte, brechend Zwang und Trug,
Und die Throne und Tiaren halten
Sie nicht auf in ihrem Siegeszug! —
R. L.