Wo die Heimat liegt,
das ist mir erst aufgegangen
im fremden Land.
O, mit welchem Bangen
schaue ich manchmal vom Fenster herunter
durch die enge Hafengasse
wie von einer Festungsterrasse
auf den kahlen Inselrand
da mitten in dem grauen Fluß!
Doch geht die Sonne unter,
dann steigen durch den Rauch und Ruß
der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine
die Nebel wie reine Geister;
und immer mahnt mich das an Deine
Insel, Hans Thoma,
du heimatseliger Meister.
An die Insel, die du gemalt hast
— wie du mir selbst erzählt hast — aus Heimweh,
wo hold und heiter, ohne Heimweh,
unter den schlanken, gen Himmel breiten,
stillen Bäumen Deines Landes
Frauen und Männer schlichten Gewandes
in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten,
geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden,
und rings mit sorglosen Geberden
schaukeln auf den wirbelnden Wogen
Liebespaare, von Schwänen gezogen —
wirklich, dann glaub ich, so muß es wohl sein
auf deiner Insel bei Frankfurt am Main,
oder wo sonst deine Heimat liegt;
denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt,
das ist mir nicht immer gleich im Klaren,
denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen
meine eigne Heimat, der Wald von Kremmen,
und ich schaue auf Wiesen, worüber sich fern
im Nebel Himmel und Erde paaren,
und suche kindlich den höchsten Stern —
bis mich das Heulen der Hafensirenen
aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen.
Doch Einmal, ja, da +sah+ ich den Stern:
— noch war in der Luft kein Rauch und Lärm,
die Morgenröte küßte den Fluß,
und die kahle Insel schien aufzuleben —
da sah ich fern den Genius
aller Heimat darüber schweben:
leicht aus dem Wölkicht kam er einher
mit ruhigen Flügeln durchs himmlische Meer,
kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend,
auf einer durchsichtigen Kugel gleitend,
drin spiegelte sich die bunte Erde
samt meiner überraschten Geberde:
den Stern, den trug er als Blume in Händen,
kein Gewand um die hellen Lenden,
eine Einsicht auf dem Jünglingsgesicht
wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht —
so flog er, ohne sich umzuwenden,
an der fremden Insel vorüber,
aus der Heimat
in die Heimat
hinüber ...