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Richard Dehmel · Vanguardias / s. XX

Gethsemane

alemán

Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
ihre blauen Tränen weint die Nacht.
Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,
steht der stumme Hain und bebt und schauert;
einsam seinen Gott anrufend kauert
auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.

„Höre, höre, Geist der Wahrheit,
meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
Liebe lehrt ich und Geduld.
Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,
übermächtig der Natur;
nur mein Glaube war mir Leben.
Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.

Übermenschlich hab ich mich vermessen,
und sie haben fromm gemeint:
Ich, ich lebte selbstvergessen.
Einer, Er nur — Judas! Freund!
warum willst du mich verraten?!
O, zertrennte mich doch mein Gebet,
daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,
Menschen menschlich irrend zu beraten,
auch dem Zweifel ein Prophet!“

Und zum Mond die Arme wild gebreitet,
und die Augen in die Nacht geweitet,
läßt er seine dunkeln Blicke irrn.
Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen
und berühren wie mit fahlen
Dolchen marternd seine glühende Stirn.

„Wehe, wehe, Geist der Liebe,
voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;
doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
und mich kettete die Erde doch!
Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
Allen wollt ich liebend glühn,
aber meiner Mutter mach ich Schmerzen
und mit sehnsuchtwundem Herzen
weint um mich die Magdalenerin.

Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,
doch im Mitleid glimmt die Rache schon;
auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?
Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
um das Reich des Friedens aufzurichten?
Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“

Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen
spürt er heftiger die Anfechtungen,
seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen
von den Schläfen in die Gräser tropfen;
seine zuckenden Pulse klopfen
an die Erde hart und laut und heiß.

„Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?
Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!
Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
eine Lebensleuchte wollt ich stehn,
aber jetzt in Sterbensnöten
sieh mich zittern, sieh mich beten:
laß den Kelch an mir vorübergehn!

Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
Sollen Tausend um mich Einen bluten?
Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
Nein, ich fühl es: +nicht+ wie Ich will, Vater,
Geist der Welt, der +alle+ Seelen speist,
allen Fleisches Schöpfer und Berater,
Du des Lebens, Du des Todes Vater,
Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“

Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:
starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,
wildverworrene Menschenlaute nahn.
Und verzückt den Seherblick gehoben,
steht und hört er seine Häscher toben,
und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:
„Judas, komm! ich schreite gern voran.“

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Autor
Richard Dehmel (1863–1920) · Wikidata Q76590
Título
Gethsemane
Lengua
alemán
Época
Vanguardias / s. XX
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-gethsemane--richard-dehmel-6a2659
Cita recomendada
Richard Dehmel, «Gethsemane», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-gethsemane--richard-dehmel-6a2659.html

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