51 Eisner
Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubte
und tatenkräftig war.
In Deutschland ist das tödlich. Denn wir haben
entweder rohe Kraft, die wir mißbrauchen,
5die Gattung nennt man Patrioten – oder aber
wir haben feine Sinne und ein zart Gewissen
und richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,
hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!
Jedoch er hieb, daß faule Späne flogen.
10Welch eine Wohltat war das, zu erleben,
daß einer überhaupt den Degen zog,
ein Tapferer war und doch kein General.
Ein Lümmel, irgendeiner von den Schwarz-Weiß-Roten
(der letzte Zulukaffer steht uns andern näher),
15schoß ihn von hinten übern Haufen.
Kurt Eisner starb – und lebt in unser aller Herzen!
Was aber Trauer bitter macht und schmerzlicher den Schmerz,
was über einer Gruft die Fäuste fester ballen läßt,
ist dies:
2040Die Bürger nicken.
Es starb Jaurès, Karl Liebknecht, Luxemburg,
Kurt Eisner –.
Wir wissen wohl, wie jener groß war, dieser kleiner –
wer feilscht hier um Formate! Eine Reinheit
25ging von den vieren aus,
52die leuchtete auf ihren Stirnen und den Händen.
Und ihre Stimme sprach: Ihr sollt nicht leiden!
Vier Schüsse und vier Särge und vier Gräber.
Wir strecken unsre Arme in die Runde
30und klagen: „Welt! schlägst du noch immer an die Kreuze
Die, die dich lieben?“
120Und die Bürger nicken.
Behaglich nicken sie, zufrieden, daß sie leben,
und froh, die Störenfriede los zu sein,
die Störenfriede ihrer Kontokasse.
35Wo braust Empörung auf? Wo lodern Flammen,
die Unrat zehren, und die heilsam brennen?
Die Bürger nicken. Schlecht verhohlne Freude.
Sie wollen Ordnung – das heißt: Unterordnung.
Sie wollen Ruhe – das heißt: Kirchhofsstille.
40Sie wollen Brot – das karge Brot der andern.
Und satt und schleimig-fett und vollgesogen
hockt über diesem Lande eine Spinne:
gelähmtes Leid, gelähmte deutsche Seelen.
Und doch: nach allem, was bergab gegangen,
45nach dem, was uns enttäuscht und auch betrogen,
nach Kompromiß und braven Leisetretern – –
wir wissen ihre Werke, daß sie weder kalt noch warm
gewesen sind. Ach, wärt ihr kalt! Ach, wärt ihr warm!
Doch sie sind lau –
50120Und dennoch, dennoch:
Wir glauben weiter unter grauem Himmel!
53Wir warten deiner unter grauem Himmel!
Wir wissen, daß du kommst –
180Du sollst nicht rächen.
55Doch du sollst flammen, schüren, leuchten, brennen.
Luft! Gib uns Luft, darin wir atmen können!
Wühl unsre Seelen auf, pflüg um die Herzen
und löse uns von unserm deutschen Elend
und nimm von uns das niederste der Leiden.
60Die beiden mach gesund vor allen Dingen:
gelähmtes Land und die gelähmten Schwingen!