268Einsiedel.
„Was pocht mir an das Fenster?
Was klopft an meine Thür so laut?“
– „Ich bin ein junger Wildfang
Und naß bis auf die Haut.
5Ich bin der Gerold Wendel,
Wir ziehen an den Hof zu Zwein,
Der Andre ist ein Konrad
Und nennt sich Lützelstein.
Der duckt sich etwo anders
10Vor Blitzgezuck und Wetterzorn
Und bläst mich morgen munter
Mit seinem Jägerhorn.
Einsiedel, frommer Bruder,
Ihr sehet wie es um mich steht!
15Gewährt mir Euer Lager
Und sprecht mein Nachtgebet!“
Er lallt es, halb entschlummert
Und streckt die Glieder aus zur Ruh
Einsiedel deckt sein Lämpchen
20Mit beiden Händen zu.
„Wie lieblich ist die Jugend!
Hätt’ ich ein Füllhorn voller Glück,
Ich leert’ es dir zu Häupten,
Es bliebe nichts zurück.“
26925Der Schlumm’rer wird zum Träumer,
In hast’gen Worten redet er,
Lacht, weint in Einem Athem
Und wirft sich hin und her.
– „Ich habe Blut vergossen!“
30Einsiedel faßt besorgt ihn an.
„Du träumst nicht gut. Erwache!
Die Augen aufgethan!“
Er starrt mit wilden Blicken.
„Mein Kind, wie hast du mich erschreckt!“
35– „Einsiedel, frommer Bruder,
Ich bin mit Blut bedeckt.
Wir saßen unter Linden,
Ich und der Konrad Lützelstein,
Ein Fräulein von dem Hofe
40Bot lachend uns den Wein.
Sie streift’ mich mit dem Aermel,
Die binsenschlank gewachsen war,
Sie hatte schnelle Augen
Und aschenblondes Haar.
45Sie streift’ mich mit der Achsel
Und lispelt mir ins Ohr hinein:
„Wilt, junger Edelknabe,
Mein Trautgeselle sein?“
270Da schwang man einen Reigen,
50Sie reigte mit dem Lützelstein –
„Wilt, junger Edelknabe,
Mein Trautgeselle sein?“
Mir schwoll die Brust vor Eifer,
Ein Hader reißt die Klingen bloß –
55„Herzbruder, mein Herzbruder,
Gabst mir den Todesstoß!“
Einsiedel mahnt: „Erwache!“
Und schiebt zurück sein Fensterlein.
Da strömt mit Tannendüften
60Ein Erdgeruch herein.
Und horch, ein Hifthorn schmettert
Und eine frische Stimme schallt:
„Wo steckt der Gerold Wendel?
Den such’ ich durch den Wald!“