20.
Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land,
Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand,
Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte,
Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte.
Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter,
Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter;
Der alte, daß er es behütete mit Rat,
Der junge, daß er es verteidigte mit Tat.
Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen,
Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen.
Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«,
Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen.
Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele
Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele;
Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie
Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie.
Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene,
Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene.
Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah
Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah,
Dem einen, den er wollt erringen im Gefild,
Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild.
Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir,
Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier.
Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor
Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor.
Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach,
Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.
21.
Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei,
Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei:
Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte?
Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte?
Ich habe lange schon auf eure Gegenwart,
Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt.
Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen
Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen?
Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen!
Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug,
Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug.
Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand,
Die erste Waffentat zu thun im Perserland.
Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah,
Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da.
Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr,
So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor.
Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir:
Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier?
Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen?
Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen.
Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen,
Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen.
Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei,
Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei.
Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus;
Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß.
Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen!
Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.
22.
Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still!
Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will.
Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu,
Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu.
Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen
Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen.
Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer,
Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer;
Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt,
Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt.
Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter
Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter.
Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen,
Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen.
Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut,
Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut!
So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne;
Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne:
Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne.
Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen,
Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen.
Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut,
Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut.
Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind,
Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind.
Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen,
Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen.
Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht,
Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht!
So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt,
Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.
23.
Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf
Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf.
Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang,
Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang.
So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht,
Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht.
Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft;
Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft.
Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende,
Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende.
Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum,
Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum.
Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück;
Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück.
Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid,
Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid.
Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust;
Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust.
Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm
Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm!
Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach,
Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach!
Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden!
Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden.
Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen!
Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen.
Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn?
Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!
24.
Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben;
Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben.
Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe,
Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre.
Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen,
Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen.
Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben,
Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben.
So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken,
Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken.
Im Lager kam er an zugleich mit Baruman,
Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan.
Er war in Eile dem ihm von Afrasiab
Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab;
Und war nur eben recht gekommen um zu sehn
Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn.
Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder,
Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder.
Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu,
Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu.
Im Lager aber war von Türken alt und jung
In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung.
Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn,
Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn.
Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück,
Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück.
Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied,
An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.
25.
Von Siegesfreude war das Türkenlager voll,
Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl.
Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib
Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib.
Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen,
Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen.
Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach
Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach;
Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen!
Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen.
Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt!
Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult.
Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache
Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache.
Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe,
Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe?
Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann,
Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann!
Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne,
Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne.
So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern;
Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern!
Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus;
Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus.
In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier,
Und nam vors Angesicht ein indisches Visier.
In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf,
Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf.
Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht,
Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.
26.
Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß,
Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross.
Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken,
Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken.
Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei,
Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei:
»Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt?
Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt?
Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen;
Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen!
Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt,
So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt.
Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang,
Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang!
Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut;
Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut?
Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?«
Vom stolzen Lager war gehört die Forderung,
Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung.
Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge
Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge!
Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden;
Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen.
Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk,
Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk.
Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not
Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot!
So rief der junge Held, und ritt von dannen jach;
Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.
27.
Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan;
Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn.
So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier
Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier.
Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat,
Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht;
Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen,
Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen.
Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not,
Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod.
Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten,
Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten.
Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne
Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne?
Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne!
Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn,
Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin.
So möge sie, wo sie den ersten fallen sah,
Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah!
Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort
Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort:
Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort.
Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne
So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne.
Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden
Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
28.
Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann
Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann.
Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise,
Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße.
Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr,
War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier.
So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt,
Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt;
Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten,
Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten:
So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen,
Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen.
Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer,
Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer;
Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer.
Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen,
Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen.
Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen,
Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen,
Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen:
Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel?
Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel.
Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen,
Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen;
Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen.
In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen?
Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen.
Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen,
Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen.
Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib,
Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
29.
Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen,
Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen.
Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft,
Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft,
Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind
Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind.
Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende,
Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende;
Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog,
Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog.
Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball;
Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall.
Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte,
Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte.
Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob,
Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob.
Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht,
Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht.
Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann;
Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann.
Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen,
Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen.
Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt;
Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt.
Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht
Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
30.
Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken,
Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken.
Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen,
Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen!
Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun
Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun!
Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier
Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir?
Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne
Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne!
Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist!
Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist.
Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke;
Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke!
Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt,
Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt.
Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen;
Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen.
Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht,
Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht,
Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu,
In Männermitte wie im Thierechor der Leu!
Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier,
Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir!
Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah,
So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah.
Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht,
Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht!
Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren!
Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren.
Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei
Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
31.
So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester;
Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester,
Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort,
Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort.
Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt,
Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt.
Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem,
Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem.
Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse;
Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse.
Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort,
Und meiner harrend steht er wol im Tore dort.
Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen,
Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen,
Und beide sich im Spott ob uns vereinigen!
Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann
Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann.
Was haben sie solang einander zu berichten?
So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten.
Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir
Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir!
Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke,
Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke;
Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke.
Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei,
Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei,
Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei.
Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein
Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.