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Richard Dehmel · Vanguardias / s. XX

Die Tochter der Sonne

alemán

Noch war Polen nicht verloren,
Warschau schwirrte von Maskenfesten.
Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen
um die Gunst der Damen in den Palästen.
Oder sie tranken den edlen Wein
gegen die edle Herzenspein
unter den goldgestickten Westen.
Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten
sprachen von Wettern, die Polen umstarrten —
da erschien die Tochter der Sonne.

Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön,
als Aurora frisiert mit Brillanten.
Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön
als Diana, in Brüsseler Kanten.
Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett
tanzte wieder wunderbar Menuett
mit den andern Beautés und Charmanten.
Aber Franziska Krasinska war schöner als sie;
frei von Locken umströmt bis an die Knie
kam die Tochter der Sonne.

Sie hatte geträumt von dem weißen Aar,
der Polens Schild retten würde;
und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar,
und der Vogel trug leicht die Bürde.
Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt,
nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt
und mit ihrer Jungfraunwürde.
Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr,
dem armen Fräulein von Sandomir —
O, du Tochter der Sonne!

Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur,
deine keusche Stirne damit zu schmücken!
Und sie hörte scheu den artigen Schwur
und floh in den Park vor Entzücken.
Sie hörte ihn ewige Treue lallen,
nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen,
und am Weiher tanzten die Mücken.
Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach,
bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach;
o! wie strahlte die Tochter der Sonne.

Sie strahlte den ganzen Sommer lang,
schon fegte den Park der Regen,
da ward Seine Hoheit liebeskrank
und bedräute sich selbst mit dem Degen.
Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee,
da raste ein nächtliches Mietcoupé
dem Tempel Hymens entgegen.
In geheimer Kapelle, so kalt sie war,
kniete prinzliche Hoheit am Traualtar,
kniete die Tochter der Sonne.

Wie glühte des Königssohnes Gesicht
im fröstelnden Schein der Kerzen!
wie glänzten in dem spärlichen Licht
die geweihten wächsernen Herzen!
Doch als er am dritten Morgen erwachte
und als sie noch immer an Polen dachte,
begann er gnädigst zu scherzen.
Er steckte den Trauring ins Gilet
und erhob sich gähnend vom Kanapee —
da erblich die Tochter der Sonne.

Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr,
daß er Polens Schild retten würde.
Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war,
und trug wahrlich leicht seine Bürde.
Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand,
polnisch betteln gehn von Land zu Land
um ihre Frauenwürde.
Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe,
wie eine entlohnte Kammerzofe,
irrte die Tochter der Sonne.

Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz,
Warschau klirrte von russischen Sporen,
da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz:
wohl war Polen, Polen verloren,
doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf
und schnitten die todkranke Brust ihr auf,
und zwischen den Herrn Doktoren
stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht:
~pauvre cœur, pauvre cœur~ — sei die Erde dir leicht —
oh, du Tochter der Sonne.

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Autor
Richard Dehmel (1863–1920) · Wikidata Q76590
Título
Die Tochter der Sonne
Lengua
alemán
Época
Vanguardias / s. XX
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-die-tochter-der-sonne--richard-dehmel-4dec54
Cita recomendada
Richard Dehmel, «Die Tochter der Sonne», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-die-tochter-der-sonne--richard-dehmel-4dec54.html

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