119Die Senne
Hier ist der Ort, die alte Stätte,
Wo auf der Haide dürrem Sand
Vor langer Zeit mein Wiegenbette
Im engen Vaterhause stand.
5Das Vaterhaus! – von dieser Stelle
Längst schwand es in der Jahre Lauf,
Und gastlich nimmt die fremde Schwelle,
Das fremde Dach, den Wandrer auf.
Auf dieser Flur, so öd’ und stille,
10Sang, als der lange Winter schied,
Die Haidelerche und die Grille
Dem Knaben einst das Wiegenlied.
Ich mein’, ich müßt’ ihn heut noch hören,
Den Nachtwind, in den Wipfeln hoch,
15Wie durch die Birken und die Föhren
Er wunderseltsam rauschend zog.
120Es klang, es sang wie leises Klagen,
Daß sie noch lag, wenn rings die Au
Sich schmückte in den Maientagen,
20Im Alltagskleide, Grau in Grau;
Daß sie, gemieden und vergessen,
Das blöde Stiefkind der Natur,
Im Winkel stand, wenn unterdessen
So bräutlich lachten Wies’ und Flur.
25Da wob, als längst der Mai verglühte
Der Sommer ihr das Hochzeitskleid,
Flocht ihr in’s Haar die Haideblüthe,
Und schön in ihrer Dürftigkeit,
Der Armuth Kind im schlichten Kleide
30Bestrickt sie dich, du weißt nicht, wie.
Das ist die Poesie der Haide,
Der stillen Senne Poesie. –
Es raucht kein Schlot auf dieser Fläche,
Hier schimmert nicht der Oefen Licht;
35Es frohnen Dampf und Mühlenbäche
Und laute Hammerwerke nicht.
Hier frohnt der Mensch mit seinem Arme,
Vom Frühroth bis der Abend graut,
Schier unermüdlich, gleich dem Schwarme
40Der Bienen hier im Haidekraut.
121Fern von der Straße, die der volle,
Der breite Strom des Lebens rollt,
Hängt er an seiner dürren Scholle
Und nimmt gelassen, was sie zollt:
45Des Feldes karg gemessne Gaben,
Den Bienenfleiß der Sommerzeit;
Zufrieden, wenn gefüllt die Waben
Und wenn die Knollenfrucht gedeiht. –
Schon früh in meiner Kindheit Tagen
50Hat mich von hier mein Lebensloos
– Ich dank es ihm! – hinweggetragen
In reichgeschmückter Fluren Schooß;
Wo mit den fruchtbeladnen Auen
Sich mischen Wald und Wiesengrün;
55Wo Heerden läuten, Berge blauen
Und silberhelle Bäche ziehn.
Da trank ich an dem frischen Borne
Der vielbewegten Gegenwart
Und nahm, was in gefülltem Horne
60Mir Lieb’ und Leben aufgespart.
Die neue Zeit mit mächt’gen Schwingen,
Dem Großen, was sie angestrebt,
Hab’ ich gesehn in ihrem Ringen
Und mitgefühlt und mitgelebt:
65122Und dennoch – mitten in der Fülle
Des Lebens oft und der Natur,
Zieht’s wie ein Heimweh mich zur Stille,
Zum Frieden dieser Haideflur.
So kreis’t die Schwalbe um’s Gemäuer,
70Wenn heimwärts sie vom reichern Süd
Zum alten Nest an alter Scheuer
Am sonn’gen Frühlingstage zieht.