263Die Sagen des Volkes.
Wohl manche schöne Blüthe
Der Zeit, die sich verlor,
Kommt in des Volks Gemüthe
Zu neuem Frühlingsflor;
5In Märchen und in Sagen
Aus alten grauen Tagen
Verschollne Luft und Klagen
Blühn wieder frisch zu Tag empor.
Geh durch zerfallne Klöster,
10Gebrochne Burgen hin,
Die Sagen ziehn als Tröster
Mit dir durch den Ruin.
Die längst geschlummert hatten
Tief unter Kirchenplatten,
15Siehst als verklärte Schatten
Im Mondenlicht du wieder ziehn.
Du siehst, wie aus dem Schutte
Manch Herz von Neuem glüht,
Das einst in rauher Kutte
20Voll Liebesbrunst gesprüht;
Du siehst der bleichen Nonne
Im Tausch um Himmelswonne
Der irdischen Liebessonne
Nur schwer entsagendes Gemüth.
25264Die Sage führt auf Wiesen
Dich zu der Elfen Tanz,
Zeigt Zwerge dir und Riesen
In des Gebirges Kranz;
Die Gnomen und Kobolde
30In Rübezahles Solde,
Im Schacht, verklärt von Golde
Und bunter Edelsteine Glanz.
O trinke von der Sage
Würzvollem Firnewein,
35Mag dir an manchem Tage
Bewölkt die Stirne seyn!
Aus dunkeln Tannenbäumen
Wiegt sie zu goldnen Träumen
Von Zauberfrühlingsräumen
40Das müde Herz dir singend ein.