Die Ideale des deutschen Volkes.
Was alle andern Völker von dir scheidet,
Was sie im Wesen alle von dir trennt,
Um was der Eine schmerzlich dich beneidet,
Indeß der Andre räthselhaft es nennt,
5Was jene rührend, diese komisch fanden,
Unheimlich selbst, weil unberechenbar,
Und was sie sammt und sonders nicht verstanden ―
Weißt du, o Volk der Eichen, was es war?
Was deine Schwäche allezeit gewesen
10Und dennoch das Geheimniß deiner Kraft,
Wodurch von jeder Stunde du genesen
Und siegreich dich entwunden jeder Haft,
Was deinen Fuß verstrickt in plumpe Schlingen
Und doch im Kampfe wider Macht und List
15Dich still geführt zu herrlichem Gelingen ―
Weißt du, o Volk der Träumer, was es ist?
War oder ist? Ging, der dir angeboren,
Ging dir der starke, ideale Zug
Im Rausch des Glückes und der Macht verloren
20Und der Gedanken eigensinn’ger Flug,
Dann, armes Volk, bereite dich zu sterben,
Denn deine Seele ist dir dann entflohn ―
Und ungeduldig stehen deine Erben,
Die lauernden, vor deiner Thüre schon.
25War oder ist? Da, wo in ernsten Stunden
Man für der Geister stolzes Aufgebot
Die Führer einst zu Hunderten gefunden,
Da ist zur Stunde Alles kalt und todt,
Ja, Vorwurf wär’s nach ihrem Sinn und Schande,
30Wär' nicht verwischt die letzte schwache Spur ―
Wer Deutschland liebt, der hat für diese Bande
Das bittre Lächeln der Verachtung nur.
Bedeckt ist längst die wunderbare Blüthe
Des Ideals im öden Wüstensand!
35Sie sind verarmt im innersten Gemüthe
Und kennen nur Berechnung und Verstand.
Versumpft der Weg zur hohen Tempelpforte!
Sie würden auch die Predigt nicht verstehn
Und hörten nichts als sinnlos-leere Worte…
40Und also müßte Deutschland untergehn?
Ja, dreimal ja, wenn’s ab von ihnen hinge,
Da Holz die Köpfe und die Herzen Stein
Und längst entfiedert und geknickt die Schwinge
Des Innersten… und dennoch sag ich: „Nein!“
45Sie sind nur Spreu, ein Spiel dem Wind der Gasse
Und flücht’ge Nahrung für der Flamme Zorn,
Das arme Volk jedoch, die dunkle Masse
Der mühsam Schaffenden, das heil’ge Korn.
Hier baut man jetzt dem reinen Menschenthume
50Mit treuer Hand den ragenden Altar,
Hier duftet jetzt die wunderbare Blume,
Die Deutschlands Stolz und seine Stärke war;
Hier lebt der Geist, den keine Schranke bindet,
Der finden wird, weil er beständig strebt,
55Der hoffend jedes Schreckniß überwindet
Und eine Welt aus ihren Angeln hebt.
So steht, zum Trotz den nüchternen Hallunken,
Zu großer That mein deutsches Volk bereit
Und hegt und schürt den idealen Funken
60Als Bannerträger einer neuen Zeit.
Den großen Streit, es kämpft ihn treu zu Ende,
Mit starker Hand reißt es zu sich empor
Die Zagenden, und eine Weltenwende
Bereitet es in seinem Schooße vor.
R.L.