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Rudolf Lavant · Modernismo

Dem alten Jahr

alemán

Dem alten Jahr.
90

Noch eine flüchtig˶kurze Stunde,
So ist durchlaufen deine Bahn,
Und hundert Glocken in der Runde
Verkünden eines andern Nahn.
5Schon winkt und nickt man ihm entgegen
Und füllt den Kelch und jubilirt,
Indes auf nebelvollen Wegen
Sich deine letzte Spur verliert.

So gehts auf Erden einem jeden,
10Wie froh begrüßt es auch begann ―
Ich aber will mit dir noch reden,
So lang dein Ohr mich hören kann.
Doch fürchte Bitten nicht und Klagen,
Was auch in mir verglomm, versank,
15Was ich auch litt an trüben Tagen ―
Ich bringe dir den letzten Dank!

Wohl hast du nicht erfüllen dürfen
Was ich zu bitten nicht gewagt,
Wohl hast den feurigsten Entwürfen
20Die goldne Stunde du versagt,
Wohl fühlt’ ich oft die Kraft ermatten
Und meine Seele wurde voll
Vom Ziehn und Wallen grauer Schatten ―
Doch heg’ ich darum keinen Groll.

25Das mußte sein und sei vergessen:
Des Schicksals wars, nicht deine Schuld ―
Doch laß die Hand dir innig pressen
Für jedes Zeichen deiner Huld,
Für jeden Blick, der süßverhohlen
30Und scheu ins Auge mir getaucht,
Für jeden Kuß, den du verstohlen
Auf meine heiße Stirn gehaucht.

Ich danke dir für jedes Lächeln
Von rosig˶frischem Kindermund,
35Für jedes kühlen Lüftchens Fächeln
Im bachdurchrauschten Wiesengrund;
Für jeder Blume stilles Düften,
Die sich in Mädchenlocken schmiegt,
Die über eingesunknen Grüften
40Im Abendwind das Köpfchen wiegt.

Ich danke dir für jedes Rauschen
Im dämmergrünen, stillen Tann,
Das für mein ahnungsvolles Lauschen
Unsäglich tiefen Sinn gewann;
45Für jedes Lied, das ins Gezitter
Der Blätter sanft ein Vöglein sang;
Für jedes Lied, ob süß, ob bitter,
Das sich der eignen Brust entrang.

Für jede Rast auf Berg und Dünen,
50Für Sternenlicht und Mondenschein,
Für jeden Wandertag im Grünen,
Für jeden Becher Feuerwein,
Für jede Windsbraut, die mit Stöhnen
Die Wipfel bog in schwarzer Nacht,
55Für jeden Blitzstrahl, jedes Dröhnen
Der Donner sei dir Dank gebracht.

Ich danke dir für jede Stunde,
Die mich auf lichte Höh’n geführt,
Da ich in meiner Seele Grunde
60Verwandten Wesens Hauch gespürt,
Da ich, von Stolz und Freude trunken,
In schön’re Geisteslande drang;
Ich danke dir für jeden Funken
Des Zorns, der aus den Augen sprang.

65Es wird mir schwer, von dir zu scheiden,
Viel schwerer noch, als ich gedacht:
Du hast durch Freuden und durch Leiden
Mich reifer, sinnender gemacht.
Du zeigtest mir das schlichte Echte,
70Du zeigtest Gleißendes als hohl ―
Ich löse zaudernd meine Rechte
Aus deiner Rechten: fahr’ denn wohl!

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Autor
Rudolf Lavant
Título
Dem alten Jahr
Lengua
alemán
Época
Modernismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-dem-alten-jahr--rudolf-lavant-c334a3
Cita recomendada
Rudolf Lavant, «Dem alten Jahr», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-dem-alten-jahr--rudolf-lavant-c334a3.html

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