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Conrad Ferdinand Meyer · Modernismo

Das Todesurteil

alemán

LII Paracelsus

Gibt's auf der Welt ein Herz so männlich fest,
Das sich von Hoffnung nicht betören läßt?
Was mir der Freund von Paracelsus sprach,
Das flog mir wie ein lichter Falter nach,

Das senkte sich, mir selber unbewußt,
Ein treibend Keimlein in die sieche Brust.

Ich sehnte mich, bis der Gewünschte kam,
Wie Mägdlein blicken nach dem Bräutigam.

Heut war er da. Ich lag erbärmlich krank
Im Eichenschatten auf der Rasenbank.

Er tat, als würd' er meiner nicht gewahr,
Doch streifte mich sein scharfes Augenpaar.

Er nahm den Pfarrer dort am Strand beiseit
Und sprach zu ihm geheim mit Heftigkeit.

Er hat ein abenteuerlich Gesicht,
So denk' ich mir den ernsten Forscher nicht.

Ich lauschte hin. Ob er mir Rettung schafft?
Und ich vernahm: "Es fehlt die Lebenskraft!"...

Mein feines Ohr hat flüstern ihn gehört:
"Hier ist ein edles Organon zerstört"...

Indem verstohlen er herüber sah,
Raunt' schnell er: "Facies hippocratica!"...

Was spricht der Geck das liebe Deutsch nicht rein
Und mischt so garst'ge fremde Brocken ein!

Er trat heran, er bot die Rechte mir,
Er sprach mit Pomp: "Ich grüße Deutschlands Zier!"

Er nannte mich der Freiheit Turm und Hort,
Von meiner Krankheit redet' er kein Wort.

Mir deucht', daß sich ein Seufzer ihm entwand,
Als seinen Finger ich am Puls empfand.

Drauf hat er meine Verse mir gerühmt,
Der Narr. Er hieß sie "stolz" und "reich beblümt".

"Die Ufnau", sprach er, "wird durch Euch bekannt
Und noch von Kind und Kindeskind genannt.

Nicht einsam lebt Ihr auf dem Eiland hier,
Bevölkert mit Gedanken habt es Ihr!"

Ich dachte: Wie zu dir dein Name paßt!
Bombastus nennst du dich—und sprichst Bombast!

Ihm gab ich das Geleit bis an den Kahn,
Dann stieg den Hügel langsam ich hinan.

Es war ein goldner Morgen im August,
Das zweite Gras gedieh mit Kraft und Lust!

Die ganze dichte blühnde Wiese klang
Und wogt' und schwirrt' und flattert', zirpt' und sang.

Ich schritt in Halm und Blumen, überflammt
Von süßem Sonnenlicht—zum Tod verdammt!

Da warf ich in die duft'ge Wiese mich,
Verbarg das Haupt und weinte bitterlich

Und lange lag ich still im grünen Tal,
Mein eigen Bildnis oder Grabesmal.

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Autor
Conrad Ferdinand Meyer
Título
Das Todesurteil
Lengua
alemán
Época
Modernismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-das-todesurteil--conrad-ferdinand-meyer-16df2d
Cita recomendada
Conrad Ferdinand Meyer, «Das Todesurteil», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-das-todesurteil--conrad-ferdinand-meyer-16df2d.html

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