Zwischen Ufer, Tal und Klüften
Ließ der treue Saladin
Mit den kühlen Abendlüften
Tausend heiße Seufzer fliehn,
Weil kein längst gehoffter Brief
Seinem Wunsch entgegenlief.
Die Gewalt verliebter Schmerzen
Warf ihn kraftlos in das Gras,
Wo er mit bedrängtem Herzen
Und gestütztem Arme saß;
Endlich wollte seiner Pein
Brust und Herz zu enge sein.
Zeuch nur (sang er), schöne Gegend,
Deiner Triften Reizung ein!
Jetzo bist du nicht vermögend,
Mein Gemüte zu erfreun,
Dessen Schwermut diesen Fluß
Mit den Tränen stärken muß.
Mit den Tränen, die mein Leiden
Billig Scheidewasser nennt,
Weil es nach dem schweren Scheiden
Augen, Haut und Seele brennt
Und die Lippen schmerzlich frißt,
Die der Abschied roh geküßt.
Leonore, laß dich finden!
Irr' ich, oder rufst du nach?
Sagt, ihr schattenreichen Linden,
Sage, du verschwiegner Bach,
Ob nicht die, so mich regiert,
Dann und wann hierum spaziert.
Würd' ich auf den Blumenbeeten
Jetzo doch nur so beglückt,
Nur in eine Spur zu treten,
Die ihr netter Fuß gedrückt,
Sollt' es, scheint der Trost gleich klein,
Mir doch Trost genug verleihn.
Seht, so schwärmt mein blind Verlangen,
Das mich hin und wider reißt;
Der durch Leonorens Prangen
Zärtlich eingenommne Geist
Bildet sich um jeden Hain
Seiner Schönen Ruhplatz ein.
Nein! mein Geist, du irrst im Bilde,
Sieh den Ort genauer an,
Diese Tiefen, dies Gefilde
Ist kein schlesisch Kanaan;
Und zum Paradies allhier
Mangelt nichts als Lorchens Zier.
Male dir die Lust der Erden,
Adams ersten Aufenthalt,
Nebst den Mienen und Gebärden
Seiner kläglichen Gestalt,
Und betrachte, wenn er flieht,
Wie betrübt er rückwärts sieht.
Siehst du dies, so sieh darinnen
Mich und meinen Zustand an,
Dessen Qual kein künstlich Sinnen
Und kein Kiel entwerfen kann;
Evens Anmut blüht in dir,
Adams Unruh folget mir.
Da ich mich entfernt betrübe,
Lernt mein Geist erst mit Verdruß,
Wie getreu und stark er liebe,
Weil er dich verlassen muß,
Und die Angst entriss'ner Brust
Lehrt den Wert vergangner Lust.
Von den Spitzen derer Hügel
Seh' ich oft ins Vaterland;
Hätt' ich doch nur Taubenflügel
Oder Dädals Zauberhand,
Um nur, wie zuvor geschehn,
Dich, mein Engel, noch zu sehn.
Dich, o Sonne meines Lebens,
Dich, o Ursprung meiner Glut!
Ist's denn, leider, ganz vergebens,
Daß mein Mund so kläglich tut?
Nein, ich weiß, dein klingend Ohr
Stellt dir oft mein Leiden vor.
Ist der Tag der Erd' entwichen,
So verwehrt dein Bild die Ruh;
Kommt ein Ostwind hergestrichen,
Kehr' ich ihm das Antlitz zu;
Denn mich deucht, er bringe mir
Manchen sanften Kuß von dir.
Wo ich sitze, steh' und liege,
Stehst und liegst du nebenan,
Daß ich auch die kleinsten Züge
Deiner Bildung zählen kann;
Greif' ich aber mit der Hand,
Fang' ich nichts als Luft und Wand.
Hätt' ich nur von tausend Küssen
Manchen, den ich kaum genoß,
Weil ich, ohn' es selbst zu wissen,
Oft in trunkner Lust zerfloß;
O, wie ratsam wollt' ich ihn
Jetzt aus deinen Lippen ziehn!
Was zu tun? Die Zeit heißt warten,
Wenn uns Glück und Not probiert:
Frost und Schnee verstellt den Garten,
Bis der Lenz die Stöcke ziert,
Da uns denn der Rosen Pracht
Nach dem Winter holder lacht.
Also, liebste Leonore,
Trägt auch meine Redlichkeit
Unter diesem Trauerflore
Noch ein grünes Hoffnungskleid
Und verspricht sich noch so schön,
Neben dir bald bunt zu gehn.
Sammle nur auf jene Stunde,
Die die Wiederkunft bestimmt,
Neuen Geist und Kraft im Munde,
Stärke, was im Auge glimmt!
Ja, verspar' auf diesen Tag
Alles, was entzücken mag.
O, mit was vor süßem Lallen
Werden wir alsdann, mein Kind,
An- und umeinander fallen,
Bis die Zunge Kraft gewinnt
Und durch holdes Wort entdeckt,
Was wir innerlich geschmeckt!
Echo mag indes mein Klagen
In der grünen Einsamkeit
Durch die weiten Förste tragen;
Dort erwart' ich, liebste Zeit,
Dich, du Bote neuer Ruh;
Ich will warten, eile du!