Mein Mitleid, glaub' es mir, betrübte Leonore,
Weint gleichfalls insgeheim bei deinem Trauerflore,
Und da dein zärtlich Herz vor Angst und Wehmut schlägt,
Wird auch mein treues Blut, ich weiß nicht wie, bewegt.
Du grämst dich um dein Kind und hast auch Recht zum Grämen,
Es läßt doch Fleisch und Blut sich nicht die Regung nehmen,
Und was von Herzen kommt, das muß zu Herzen gehn,
Wenn Kummer und Verlust aus seiner Flucht entstehn.
Dein Herz ist von Natur zu zärtlich im Empfinden,
Du kannst den schnellen Riß nicht allzu bald verwinden;
Ein Tuch, ein Kleid, ein Ort bringt jetzt mit großer Pein
Den Jammer deines Sohns oft ins Gedächtnis ein.
Nun, weil du Mutter bist, so setze dich und weine,
Doch so, daß auch dein Schmerz nicht gar Verzweiflung scheine;
Verscharre deine Qual, sowie den Sarg ins Grab,
Und brich doch nicht so viel von deinen Kräften ab.
Du hast ja mehr Vernunft als andre deinesgleichen,
Ach, laß dir doch von ihr ein heilsam Pflaster reichen.
Du kennst, du siehst und weißt den Grund im Christentum,
Ach, sieh dich in der Schrift nach Ruh' und Tröstung um.
Dein Karl ist wohlversorgt, was sollt' er auf der Erden?
Je mehr man Jahre zählt, je mehr der Sünden werden;
Er stirbt in Unschuld hin und läßt die böse Welt,
Bevor ihr falscher Schein ihm Netz und Angel stellt.
Ach, wolltest du ihm wohl des Lebens Elend gönnen!
Wie leichtlich hätt' er dich nicht mehr betrüben können,
Wenn irgend mit der Zeit die ungeratne Zucht,
Durch fremde Schuld verführt, dein Herz mit Angst versucht.
Betrachte doch einmal den Lauf von unsern Zeiten,
Wo Laster und Gefahr die Frömmigkeit bestreiten,
Wo Recht und Billigkeit nur Hohn und Haß erwirbt,
Und, wer es ehrlich meint, in Not und Staub verdirbt.
Je mehr das Alter wächst, je schwerer wird das Sorgen;
Auf eine stille Nacht, auf einen guten Morgen
Folgt oft ein Jahr voll Qual, voll Unruh, voll Verdruß,
So daß man sich den Tod, vergebens, wünschen muß.
Du sprichst: Ach, wenn mein Kind nur nicht so viel gelitten,
Sein allzu großer Schmerz, der Bein und Mark durchschnitten,
Durchdringt mein Mutterherz, so wie ein schneidend Schwert,
Und stört mich, wenn der Leib im Bette Ruh' begehrt.
Schweig, Leonore, schweig und laß dich dies nicht plagen,
Der Herr legt nicht mehr auf, als unsre Kräfte tragen.
Dein allerliebster Sohn ward durch den Kampf geübt,
Wovor ihm jetzt der Sieg die reichste Krone gibt.
Ach, sollt' er dir anjetzt in seiner Pracht erscheinen,
Ich weiß, du würdest selbst vor Lust und Freuden weinen;
Er spielt und jauchzt und singt im auserwählten Chor
Und stellt in weißer Pracht den schönsten Engel vor.
Schweig, Leonore, schweig und laß ihm sein Ergetzen,
Du bringst ihn nicht zurück und hast hier zu versetzen
Und wirst auch künftighin noch manchmal freudig schaun,
Was die vor Sorgen krönt, die Gott in Not vertraun.
Ist auf der Welt ein Weib, an dem mir unter allen
Witz, Tugend und Person im Herzen wohl gefallen,
So ist es, laß mir hier ein frei Bekenntnis zu,
Ein Bild von seltner Art, und welche sonst als du!
Dies sag' ich ohne List und ohne geiles Schmeicheln,
Mein Geist ist von Natur ein Feind von Brunst und Heucheln
Und will kein fremdes Schaf und ehrt und liebet dich,
Der Herr mag Zeuge sein, nur keusch und brüderlich.
Ich merk an dir und mir viel Gleichheit am Gemüte,
Und darum bitt' ich auch von Gottes Rat und Güte,
Daß, wo ich auf der Welt mich einst vermählen soll,
So mach' ein Weib, wie du, mir Bett und Armen voll.
Geh' du auch selbst in dich und frage dein Gewissen;
Ich weiß, es wird mir jetzt ein Zeugnis geben müssen,
Daß manch verborgner Trieb, man weiß oft selbst nicht, wie?
Zwo Seelen unverhofft geheim zusammenzieh'.
Dies ist der stumme Bund, den niemand wehrt und hindert,
Und dessen starke Glut Gesetz und Macht nicht mindert,
Dies ist der schönste Zug, der schon im Blute steckt,
Und der sich alsobald durch Aug' und Mund entdeckt.
Bekäm' ich dermaleinst ein solches Kind zu küssen,
Wie zärtlich sollt' es mir des Lebens Angst versüßen,
Wie zärtlich wollt' ich nicht mit solchem Schatze tun
Und unter aller Last auf Glück und Rosen ruhn.
Indessen wirst du mir dein ehrlich Angedenken,
So gern als dir mein Wunsch den reichsten Segen, schenken.
Die Freundschaft unter uns soll ohne Fleck und Schein,
Und du von nun an mir die liebste Schwester sein:
Wir wollen unter uns ein Seelenbündnis machen,
Dein Leiden sei mein Leid, dein Scherzen sei mein Lachen;
Geht es dir stets nach Wunsch und blüht dein zeitlich Heil,
So nehm' ich stets daran mein höchst vergnügtes Teil,
Der Neid, so nichts verschont, soll nichts davon erfahren;
Der Himmel gebe dir von meinen Lebensjahren,
Er stürze deinen Feind, er segne dein Geschlecht
Und hemme, was dein Herz mit Last und Unruh schwächt.
Das Glücke treibt mich jetzt aus meinem Vaterlande
Und bringt mich wunderlich, wer weiß zu welchem Stande,
Drum sag' ich gute Nacht, gedenk an einen Freund,
Der auf der Welt mit dir es wohl am besten meint.