314 An einen Schwabinger Bürger
Denkst du daran?
Denkst du noch rückerinnernd jener
Verfloss’nen Zeit,
Wo dir die adligsten Rumäner
5In Geldverlegenheit,
Wo dir Fürst Ghika als Bojar,
Der immer abgebronnen war,
Mit Ehrenwort den Schwur getan.
Sie wollten dir ein andermalen
10Und morgen schon die Wurst bezahlen?
Du weißt, wie deine Frau sich sorgte,
Wenn das Gesindel immer borgte,
Und du – na ja, in Gottes Namen,
Gabst ihnen wieder, wenn sie kamen
15Nun aber bist du tief verletzt.
Ist das der Dank,
Wie gegen uns die Bande hetzt?
Der Ärger macht dich krank –
Du meinst als schlichtes Publikum,
20Du warst zu gut – und warst zu dumm.
Sei ruhig! Schau die andern an,
Die haben Schlimmeres getan.
Die Herren, die die Kunstwelt lenken
Und in der Zeitung für uns denken,
25Und die mit hohem Selbstvertrauen
Uns täglich deutsche Kunst versauen,
Wie fanden sie Geschmack
An dem Schlawinerpack!
An Burschen, die den Kniff verstanden,
30Bald die, bald jene Richtung fanden,
In der man ohne Kunst und Fleiß
Sich als Genie zu geben weiß!
Wie das die Zeilenschreiber fraßen!
Wie sie auf ihren Hosen saßen
35Die Kritici,
Daß das Genie,
Das sich so frech und ungebärdig,
So unverschämt und zukunftwerdig,
So seltsam gab und laut rumorte,
40Sich endlich ins Verständnis bohrte!
Du wardst sie los mit einem Fluch,
Strichst ihren Namen aus dem Buch –
Doch das, was sie als Kunst betrieben,
Verehrter Freund, das ist geblieben.
45Den Dreck, den sie uns hinterließen,
Den müssen wir noch fort genießen
Als „Expression“,
Und uns zum Hohn
Grinst er uns aus den Fenstern an,
50So frech, wie er’s von je getan.
Die Wunde schwärt. Da hilft kein Pflaster,
Die Kunst ist krank
Und siecht nun dank
Dem gottverdammten Kritikaster.
150Ludwig Thoma