An M. S.
I.
Immer bin ich dir nah, Geliebte, ob ich des Abends
Müde mich in gütige Decken wickle
Oder am Morgen von hüllendem Bett aufstehe,
Ob ich, noch halb verschlafen, am Kaffeetisch sitze,
Zitternd vor böser Schule marternder Dumpfheit,
Ob ich auf Straßen gehe, wo Menschen schwirren,
Grinsende Worte mich ekeln, gute mir schmeicheln,
Oder ob ich vor grausamer Arbeit verzweifle:
Immer schwebst du vor mir, besternt und bestrahlt,
Himmel am Abend, goldener Widerschein
Purpurner Sonnen im Meere, leichtes Gewölk,
Duft und Zerfließen, schattiger Wald im Glühen
Drückender Wärmen, unendliche Melodie,
Aufsteigend, schmetternd, rasend und dann vergehend,
Schmeichelnd, peitschend, Seelenatem zerreißend,
Lächelnde Blumen auf brennendes Denken streuend.
Deine Seele, die in verborgene Tiefen
Nur ihr Letztes ausstrahlt, und die ich nicht kenne,
Die sich mir nie enthüllte, liegt dann ganz oben,
Ausgebreitet dem suchenden Blick. Und die Reinheit
Glanzvoller Tage blendet mich, daß ich erbebe
Und Verzückung einatme und seliges Rauschen
Aller strahlenden Flüsse und schimmernden Meere
In mir erklingt und Triumph und funkelnde Glorie
Wie Raketen zu brennenden Höhen steigen
Und die Schwärze zerfliegt und himmlische Fahnen
Wehen, Fanfaren donnern und singende Engel
Leuchtend vom Himmel zur Erde herniedertanzen.
II.
Immer schöpf' ich, Geliebte, aus goldenem Brunnen
Worte (Worte nur!), die dein durchschienenes Antlitz
Auf das weiße Papier abspiegeln sollen und zeugen
Von seinen purpurnen Früchten und ewigen Sonnen.
Wenn ich den Hauch meines Mundes einatme, entsteigt ihm
Dein berauschender Duft. Die Süße des Apfels, der Birne
Birgt deine Süße und durchfließt mich in tiefer,
Seliger, dunkler, geheimnisvoller Verwandlung.
Und ich fühle die werdende, strömende Weihe
Heiligen Abendmahls, wenn ich in der Würze des Brotes
Wahrhaft deinen Leib fühle und deine Glieder
Und bis in innerste, glühendste Tiefen erschaure.
III.
O Gefühle, bedrückende und aufreißende
Gefühle: daß ich, ungekannt, ungeliebt von dir,
Altar dir auf Altar errichte wie einer Göttin,
Lichter um dich entzünde und schwebende Sterne.
Wo bist du jetzt? Wo fliegen deine Gedanken?
In leichten Lüften? In dumpfer Niederung?
Im Atem steigenden Lebens oder in Dünsten
Sinkender Schwäche und zerfallener Krankheit?
Schläfst du schon, eingehüllt in Decken und Kissen,
Ruhig, wunschlos? Oder sehnst du den Leib
Brünstigen Zuckens nach der starken Umarmung
Schauernder Wollust und hinströmender Triebe?
Was soll dies alles? Weiß ich das eine doch nur:
Daß ich hier sitze und schreibe und an dich denke
Und du mir fern bist und — ob du nun weinst oder lachst,
Klar oder verworren in dir bist, nicht an mich denkst.
IV.
Du bist die Höhe und ich bin die Tiefe,
Ich fühle mich so klein und verdorben neben dir!
Und wenn uns der Gott der Sterne selber zusammenriefe,
Ich fühlte mich immer noch weit entfernt von dir!
Geliebte! ich fühle dich in mir die Tage und Nächte,
Du badest in mir und breitest dich in mir aus.
Du rinnst über meinen Leib und bist das Haus,
In dem ich wohne, und bist der Schlaf meiner ruhigen Nächte.
Du bist bei mir, wenn ich Gutes esse und trinke,
Du zerteilst meinen Körper und schwimmst aus mir plötzlich hervor!
Und stehst vor mir und lachst und sprichst taumelnde Worte und ich
versinke
In deinem Duft und fliege dann brennend empor.
Du stehst vor mir und ich fasse dich und stürze in dich hinein
Und fühle ein so ganz, ganz unnennbares Entzücken
Und fühle: jetzt kannst du sie alle beglücken!
Und fühle: jetzt kannst du Wein und goldener Becher sein!
V.
Es genügt mir ja, einen deiner Blicke zu fangen,
Um glücklich zu sein,
Einmal in deinen blonden Wimpern und Haaren zu hangen
Selig — allein.
Einmal in deinem Zimmer vor dir zu beten,
Geliebte!
Und zu wissen, daß du meine Augen fühlst, die blaß und zertreten
Vor dir niederfallen, Geliebte!
Was du dabei denkst, ist ja so unendlich egal.
Nur das Wissen,
Daß du meine Blicke auf dir brennen fühlst wie Flamme und Strahl,
Wärmt mich wie Decken und Kissen.
Es genügt mir ja, dich einmal durchs Zimmer gehen zu sehn,
Geliebte!
Einmal eine Viertelstunde auf der Straße hinter dir zu gehn,
Einmal meine Blicke wie Winde um dich zu wehn,
O Geliebte!
VI.
Geliebte! Flüsterndes Wiegenlied! Jede deiner
Wehenden Bewegungen ist das strahlende Feuer von erhabenen Bibeln,
Ist Glorie und Wunder wie einst die Bilder in Kinderfibeln,
Ist Höhe und Zuflucht und Inbrunst. Jeder meiner
Blicke rieselt zerbebt und zerfleht an dir empor.
Alles an dir ist Süße und streichelnde Welle.
Dein Lachen! Deine ironischen Verbeugungen! O, erfrischende Quelle
Im Walde nach langem Marsche! O Lieder und jubelnder Chor!
Siegesparadiese umduften mich! Atem gerinnt!
O Geliebte! O segnendes Schicksal! O Haar! O Kleid!
(O wär ich dies Kleid!) O Gesang! O Seligkeit!
Dein Gesicht — (O beschwingtestes Eigenschaftswort, das mir jetzt
fehlt, komme und hauche dich in mein Ohr) —
Dein Gesicht legt sich auf mich wie sanfter Sommerwind!
Deine Stimme steigt unendlich in strömendem Goldklang und singender
Süße empor.
Jede deiner Bewegungen ist ein Schritt tiefer in mein Herz,
In die verzehrende Sehnsucht meiner zitternden Qual.
Bei jedem deiner Schritte (der näherkommt) flattert meine Seele
wolkenwärts,
Bei jedem deiner Schritte (der sich entfernt) sinkt sie (ein
angeschossener Vogel) hinab ins Tal!
VII.
Dein Atem umschlingt die Nächte und Sommer und Blumen
Und sprüht ihren wärmenden Hauch versüßt noch auf mich zurück.
Sprüht ihn in mein verlangendes
Lustgespanntes Gesicht.
Dein Auge spiegelt die Tropen und Sonnen und Quellen
Und wirft Erfrischung und taumelnde Urwaldpracht
Und Glanz und gesunde Kälte
In meine sehnsüchtigen Augen.
Deine Schritte stoßen an Regen und Donner und Berge
Und schütten durchkühlte Luft und Glorie und Gipfel
Vor meinen in Glück erzitternden
Wonnedurchwehten Körper.
Und wenn ich nie unter deinem Atem zerschmolz,
Spürte ich doch seine Flügel und zwingende Kraft,
Seinen Duft wie im Blühn die Akazien
Und Rauschen wie Sternenseide.
Und wenn ich nie das Geschenk deiner Rede empfing,
Nie Erzklang und Inbrunst, von heiligen Chören geformt
In meine trunken geöffnete
Aufgerissene Seele fiel:
Sprang doch schon tausendfach Gold und Fanfare auf
mich
Aus deiner Stimme hinreißender Glocken-Macht,
Sprach doch schon meine gesteigerte Seele im Traum
Lichterdurchtaumelt schimmernde Worte mit dir.