59An Budissin.
Von allen Städten, die ich je gesehen,
bist, Budissin, du mir die theuerste!
Und dieses öffentlich dir zu gestehen,
war meiner Muse Pflichten heiligste. –
5Ich sah einst grosser Fürsten Residenzen,
berauschte mich in ihren Freuden mit;
sah’, wie in königlichen Opern, Tänzen
und Festen Pracht mit Unbestand sich stritt.
Ich sahe jeden Tag verneute Szenen –
10dem wissbegiergen Jünglinge so schön –
sah’ freier dort den Leidenschaften fröhnen,
zum Laster schneller Tugend übergehn.
60Doch alles Glänzende der grössern Städte
wägt, Budissin, mir nicht an deinen Werth –
15Von keinem deiner Bürger – ha! ich wette,
wirst heisser du geliebt und mehr geehrt.
Denn fast ein volles Menschenalter schliessest
Du traulich mich in Deine Mauern ein;
und wenn Du mich auch manchmal klagen liessest,
20so durft’ ich doch noch mehr in Dir mich freun. –
Ist zwar Dein Inbezirk nicht mit Pallästen
für Höhere der Sterblichen erbaut,
hast Du an Häusern doch die schönsten, besten,
die man in mancher grössern Stadt nicht schaut.
2561Sind Deine Gärten nicht mit Monumenten
Apelles und der Künstler Roms erfüllt,
wenn nur das, was wir hier nicht missen könnten,
gefällige Natur sich uns enthüllt.
Sind zwar nicht gross und fürstlich Deine Freuden;
30nicht hoher Zauber die Vergnügungen;
o, Freunde sind fürwahr oft zu beneiden,
die sich vereint des Lebens Glück erhöhn.
Wie majestätisch zeigst du in der Ferne
mit deinen Thürmen dich vom Ost und West;
35und mancher müde Wandrer siehet gerne,
wenn ihn das Ziel nun seiner Pflicht entlässt.
Wie reizend sind dem Manne von Gefühle
die Gegenden hier alle weit umher;
62wie Manches dient da der Natur zum Spiele
40und kommt dem Blicke wie von ohngefähr.
Wie viele brave gute Menschen wohnen
in deinen Mauern, theures Budissin!
Hier, wo Erwerbe stets den Fleiss belohnen,
wo Wissenschaften und Fabriken blühn.
45Wo nicht die Zwietracht ihren giftgen Saamen
wie vormals unter die Bewohner streut;
wo jeder, der hier trägt den Bürgernamen,
dem Landesfürsten eine Schutzwehr beut.
Du Ort, der manchen Mann von biederm Schlage,
50der meine offne teutsche Sitten liebt
und mir so oft des Lebens flücht’ge Tage
mit Freuden heitert, mir zum Freunde giebt.
63So steh’ dann, Stadt, vom Mächtigen beschirmet,
der Welten nur mit einem Winke hält,
55und wenn ein Wetter über dir sich thürmet,
hab’ deinen Schutzgeist er zu dir gestellt!
Er schaff’, dass jeder deiner Nahrungszweige,
dein Wohlstand, aller deiner Bürger Glück
mit jedem Jahre immer höher steige,
60und jeder wandele mit heiterm Blick!
Drum, von den Städten, die ich je gesehen,
bist, Budissin, du mir die theuerste!
Dies werde ich dir immer laut gestehen,
bis ich in deine Erde ruhen geh.