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Clemens Brentano · Romanticismo

Nach großem Leid

alemán

429
Nach großem Leid.

Ich darf wohl von den Sternen singen,
Mich hat die Blume angeblickt,
Und wird mein armes Lied gelingen,
Dann wird vom Stern mir zugenickt.
5„O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit!“

Im Garten stand die arme Waise
Und senkt den Blick zum Blumenfeld,
Die Sonne sank im Purpurgleise,
10Die Sterne spannen aus ihr Zelt.
„O Stern etc.“

Mit euch wag’ ich mich auszusprechen,
Ihr kennet mich, und bin ich stumm,
Weil mir das kranke Herz will brechen,
15Bringt ihr mich nicht mit Fragen um.
„O Stern etc.“

430Ihr lieben Blumen still und innig,
Ein Tröpfchen Thau, ein Licht, ein Hauch,
Ihr lieben Sterne klar und sinnig,
20Ein Strahl, ein Blick, ein Blitz, ein Aug’.
„O Stern etc.“

Und wie die Sterne heller blinken
Beugt Schatten sich auf’s Blumenfeld,
Und auch des Kindes Augen sinken,
25Der Traum sie in den Armen hält.
„O Stern etc.“

Ihr Engel steiget auf und nieder,
Bringt Sternenlust, bringt Blumenschmerz,
Und küßt die unerschaffnen Lieder,
30Und legt sie schlafen auf ihr Herz.
„O Stern etc.“

Und wiegt die Thau berauschte Rose
Im Dornenbettchen bald zur Ruh’,
Und schließt dem Veilchen in dem Moose
35Die frommen Augen segnend zu.
„O Stern etc.“

Die Blumen all, die farbig prangen,
Sind bald, ach bald nicht mehr zu sehn,
Die Nacht nahm ihre Pracht gefangen,
40Nur eine Schaar blieb betend stehn.
„O Stern etc.“

431Sieh dorten um die süße Linde
Steht eine reine Lilienschaar,
Der Engel zeigte sie dem Kinde,
45Sie leuchteten ganz wunderbar.
„O Stern etc.“

Der Engel sprach: „Mein Kind, o sehe
Die Lilie unter Dornen dort,
Das Licht wird Fleisch, horch: „Es geschehe
50Der Magd des Herrn nach deinem Wort!“
„O Stern etc.“

„Die Lilie spinnt nicht, doch es webet
Aus ihr das Wort sich einen Leib,
Zur Jungfrau ist das Licht geschwebet
55Und Mutter Gottes ward das Weib.“
„O Stern etc.“

„Und als der Geist sie überschattet,
Deckt rings die Nacht das Blumenfeld,
Der Lilie nur das Licht sich gattet,
60Das auf den Leuchter wird gestellt.“
„O Stern etc.“

„Die Lilie, die nicht zieht, nicht schweifet,
Nicht fallen läßt und wieder sucht,
Die sehnend still zum Lichte greifet,
65Sie fand das Licht und trug die Frucht.“
„O Stern etc.“

432So sprach der Engel zu dem Kinde,
Und führt es zu der Lilie Licht,
Da kniet es nieder an der Linde
70Und fand im Traum die Worte nicht.
„O Stern etc.“

Da sprach zum Kind die reine Lilie,
Die nie vorher gesprochen hat:
„Wach auf, wach auf zu mir, Cäcilie,
75Sing mit mir das Magnificat.“
„O Stern etc.“

Ob sie es sang, ich kann’s nicht sagen,
Sie hat mich träumend angeblickt,
Es hat ihr Herz bewegt geschlagen,
80Es hat ihr Haupt mir zugenickt.
„O Stern etc.“

Das kalte Wissen ist ermattet,
Das milde Fühlen war erwacht,
Die Blumen waren überschattet,
85Die Liebe hat mich angelacht.
„O Stern etc.“

Geh’, armes Lied, und sag’ der Lieben:
„Es hat ein Herz zum Tode krank
Mich unter Thränen aufgeschrieben,
90Und zagt, ich sei dir nicht zu Dank!“
„O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit!“

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Autor
Clemens Brentano
Título
Nach großem Leid
Lengua
alemán
Época
Romanticismo
Sala
La Biblioteca
Identificador
ws-de-nach-groem-leid--clemens-brentano-5d335a
Cita recomendada
Clemens Brentano, «Nach großem Leid», Poetósfera, poetosfera.com/p/ws-de-nach-groem-leid--clemens-brentano-5d335a.html

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